WaldÖkologie

Dehesa gegen Desertifikation

von Jörg Fischer

In einem interdisziplinären Forschungsprojekt wird untersucht, ob die jahrtausendealte Kulturlandschaft der Dehesas (spanische Bezeichnung für beweidete Eichenhaine, ähnlich unseren Hutewäldern) als Vorbild für die „großen grünen Mauern“ in Afrika und Asien dienen könnte.

Im Süden der Iberischen Halbinsel erstrecken sich Eichen- und Olivenhaine, die bereits vor 2.800 bis 4.000 Jahren angelegt wurden: die Dehesas. In der Extremadura bedecken sie etwa ein Viertel der Region und sorgen dafür, dass die niederschlagsarme Gegend nicht zur Wüste wird. Martin Bartelheim, Professor für Ur- und Frühgeschichte am Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ist Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1070 Ressourcen Kulturen und verbringt normalerweise fast jeden Sommer mit Feldforschung. Er leitet in einem interdisziplinären SFB-Projekt ein Team aus Archäologinnen und Archäologen, das gemeinsam mit Ethnologinnen und Ethnologen von der Goethe-Universität Frankfurt unter Leitung von Prof. Roland Hardenberg neben anderem die Entstehung und Nutzung dieser Dehesas untersucht.

Warum das Thema gerade heute relevant ist

Die Welt verliert durch fortschreitende Wüstenbildung, sog. Desertifikation, jährlich fruchtbaren Boden im Umfang der gesamten Ackerfläche Deutschlands. Das führt unter anderem zu einer Abnahme der Artenvielfalt, einer Zunahme von Sandstürmen und letztendlich zu Hungersnöten und Abwanderung aus den betroffenen Gebieten. Die Afrikanische Union begegnet dieser Gefahr mit dem Jahrhundertprojekt „Great Green Wall of the Sahara and the Sahel Initiative“, das zuletzt beim One Planet Summit 2021 in Paris Unterstützung erhielt und auch China setzt auf Aufforstung. Die Volksrepublik ging mit seiner „Grünen Mauer“ im Jahr 1978 vom Umfang her das größte dieser Projekte an und möchte bis 2050 insgesamt 350.000 km² Wald pflanzen. Beide Projekte stehen jedoch auch in der Kritik, da sie zu sehr auf Monokulturen sowie nicht heimische Baumarten setzen und die ansässige Bevölkerung oft außen vor gelassen wird.

Seit der Bronzezeit grasen auf den Dehesas Nutztiere, die auch heute noch das Landschaftsbild prägen.
Seit der Bronzezeit grasen auf den Dehesas Nutztiere, die auch heute noch das Landschaftsbild prägen.
Foto: M. Melles

Was die Dehesas ausmacht

Das Besondere an den Dehesas ist, dass Tiere und Landschaft ideal an die klimatischen Bedingungen angepasst sind. Während die Bäume dafür sorgen, dass der wenige Regen, der in Andalusien und der Extremadura fällt, langsam ins Grundwasser sickern kann und nicht sofort verdunstet, verhindern die Weidetiere ein Zuwuchern der Kulturlandschaft mit Sträuchern und Gebüsch, was der Gefahr von Waldbränden vorbeugt. Seit der Bronzezeit grasen hier Nutztiere wie Schweine, Schafe, Ziegen und Kühe, die auch heute noch das Landschaftsbild prägen.

Der bekannteste Vertreter der heutigen Dehesa-Bewohner ist das Iberico-Schwein
Der bekannteste Vertreter der heutigen Dehesa-Bewohner ist das Iberico-Schwein.
Foto: M. Melles

Bartelheim betrachtet diese Organisation und Gestaltung von Landschaften als Ressourcengefüge und untersucht die Nutzung von Ressourcen sowie die damit verbundenen spezifischen soziokulturellen Dynamiken mit einer langen zeitlichen Perspektive. Er und der SFB RessourcenKulturen sehen Ressourcen nicht nur als materiellen Rohstoff an, wie das landläufig der Fall ist, sondern als sozial und kulturell geprägte Konstrukte und Prozesse, auf denen die Entwicklung der zugehörigen Gesellschaften basiert. Ein solches, perfekt aufeinander abgestimmtes Konstrukt sind die Dehesas.

Der langfristige Erfolg der großen Aufforstungsprojekte weltweit wird davon abhängen, ob und wie sie die regional unterschiedlichen klimatischen, kulturellen und biologischen Gegebenheiten nutzen. Nur wenn auch dort Mensch, Tier und Natur optimal aufeinander abgestimmt sind, kann aus diesen Jahrhundertprojekten eine dauerhafte Lösung für die drängenden Probleme der Gegenwart werden.

Quelle: Universität Tübingen (PM)