Die Erdmannwälder in Niedersachsen waren das Waldgebiet des Jahres 2022. Sie werden in 2023 vom Choriner Wald bei Berlin abgelöst.
Die Erdmannwälder in Niedersachsen waren das Waldgebiet des Jahres 2022. Sie werden in 2023 vom Choriner Wald bei Berlin abgelöst.
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Das Waldgebiet des Jahres 2022: Ein Rückblick

31. Dezember 2022
Die Erdmannwälder im niedersächsischen Landkreis Diepholz sind als Waldgebiet des Jahres 2022 ausgezeichnet worden. Wie ist das scheidende Jahr für die Region gelaufen?

Seit 2001 wird durch den Bund Deutscher Forstleute (BDF) das Waldgebiet des Jahres ausgerufen. 2022 fiel die Wahl auf die Erdmannwälder in Niedersachsen. Zum Jahresende blicken die Niedersächsischen Landesforsten (NLF) in einer Pressemitteilung zurück auf die vergangenen Monate.

Die Erdmannwälder sorgen für Aufsehen

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Mehr als 1.600 Menschen haben 2022 die Erdmannwälder im Rahmen von Veranstaltungen für sich entdecken können.
Mehr als 1.600 Menschen haben 2022 die Erdmannwälder im Rahmen von Veranstaltungen für sich entdecken können.
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Ein Ziel der Ausrufung eines Waldgebietes des Jahres ist es, mehr Aufmerksamkeit für die jeweilige Region und den Wald im Allgemeinen zu erzielen. Das sei gelungen, meint der Pressereferent des BDF, Rainer Städing: „Wir haben eine bundesweite Medienresonanz zu diesen naturnahen und klimastabilen Mischwäldern verzeichnet. Bei Waldführungen mit Bürgern war deutlich zu spüren, wie groß das Interesse der Menschen an einer Waldform ist, die Chancen hat, im Klimawandel zu bestehen.“ Mehr als 1.600 Menschen ließen sich im zurückliegenden Jahr bei 44 Führungen von den Försterinnen und Förstern des Forstamts Nienburg der Niedersächsischen Landesforsten und den Gästeführerinnen und Gästeführern der Stadt Bassum die Erdmannwälder zeigen und erläutern. Forstamtsleiter Hendrik Plate freute sich über die große Nachfrage, die neben den laufenden Arbeiten nur im Team gemeistert werden konnte: „Waldbesitzer, Forstgenossenschaften, ganze Forstamtsbelegschaften sowie Kommunal- und Bundestagspolitiker wollten die Vielfalt der Erdmannwälder sehen.“

Steigende touristische Nachfrage verzeichnet

Auch die Region Sulingen-Bassum habe gewonnen, heißt es in einer Mitteilung der Landesforsten. Touristikerin Susanne Vogelberg von der Stadt Bassum verzeichnet demnach einen gestiegenen Besucherzulauf in der Region: „Neben der Fülle der zusätzlichen Führungen hat der Versand von Wander- und Radkarten im Erdmannjahr erneut deutlich zugenommen.“

Für das neue Jahr 2023 planen die Gästeführerinnen der Stadt Bassum und der Fahrradclub ADFC weitere Erdmannführungen. „Wir wollen über eine Verstetigung der Führungen dem großen Publikumsinteresse Rechnung tragen“, so Vogelberg weiter.

Forstmedaille für Erhalt der Erdmann'schen Oberförsterei

Anfang Dezember fand das Jahr der Erdmannwälder mit der Verleihung der Niedersächsischen Forstmedaille durch die niedersächsische Forstministerin Miriam Staudte an den Heimatverein Neubruchhausen – stellvertretend für alle Bürger des Ortes, die sich seit über 30 Jahren für den Erhalt der historischen Oberförsterei und das Erbe von Oberförster Friedrich Erdmann einsetzen, der vor genau 130 Jahren von dort aus den Waldbau revolutionierte – seinen Abschluss.

Das Waldgebiet des Jahres 2023 steht bereits fest

Mit dem Jahreswechsel geht der Staffelstab von den „Erdmann-Förstern“ an die Forstkolleginnen und -kollegen im Choriner Wald in Brandeburg über. Die Entscheidung für das Waldgebiet bei Eberswalde fiel ebenfalls hauptsächlich aufgrund der erfolgreichen Überführung der ursprünglich reinen Kiefernwälder in naturnahe Mischbestände. Hinzu kommt, dass der Choriner Wald für die Ausbildung der (Forst-)Studierenden und die vielen Untersuchungen der Waldforschungsinstitute der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) in Eberswalde eine bedeutende Rolle spielt.

Exkurs: Was sind die Erdmannwälder?

„Zwölf Waldgebiete mit rund 2.000 ha (20 km²) umfasste die damalige Oberförsterei Neubruchhausen, zwischen den Kleinstädten Bassum und Sulingen gelegen. Dort fand der junge Oberförster Friedrich Erdmann bei Dienstbeginn im Jahr 1892, also vor 130 Jahren, viele kränkelnde Kiefernwälder vor. Sogleich begann Erdmann einen für die damalige Zeit in Art und Umfang überaus vorausschauenden und einmaligen Waldumbau. Er sorgte für eine verbesserte Humusbildung der Waldböden und ließ kleinflächig Buchen, Eichen, und Weißtannen säen. Douglasien, Küstentannen, Lärchen, Roteichen und vereinzelte Exoten wie Esskastanie und sogar Orientbuche kamen hinzu.

Die Basis seines Ansatzes war die Buche: ‚ … ein Wald, in dem die Buche den Grundbestand bildet, ist die beste und wertvollste Grundlage des Mischwaldes‘ (Erdmann 1912). Über 26 Jahre entwickelte Erdmann sein Konzept des ‚Waldbaues auf natürlicher Grundlage‘, das von seinen Nachfolgern mit Änderungen bis heute weitgehend fortgeführt wird.

Geradezu visionär formulierte Friedrich Erdmann 1931: ‚Niedersachsen war ein uraltes Laubholzgebiet – es wird auch künftig wieder vorwiegend Laubwald tragen, dessen Grundcharakter durch eine angemessene Beimischung nutzbringender Nadelhölzer nicht beeinträchtigt zu werden braucht…. die Eintönigkeit des Reinbestandes wird hier überall der Mannigfaltigkeit eines reich zusammengesetzten Mischwaldes weichen, in dem auch die Holzarten, die von Alters her bei uns heimisch waren, heute aber nur noch selten im Walde angetroffen werden – der Ahorn, die Esche, die Ulme, die Linde, die Hainbuche, die Erlen und Weiden, die Pappeln, die Wildobstbäume, vor allem aber die bodenpflegenden Sträucher – ihre Stelle finden werden.‘

Seine Leitbilder und Ideen soll Oberförster Erdmann (1859 bis 1943) maßgeblich an alten Laub- und Laubmischwald-Resten in der Region abgeleitet haben.

Die Erdmannwälder der damaligen Oberförsterei Erdmannshausen gehören heute zum Forstamt Nienburg und sind Teil der Niedersächsischen Landesforsten, deren ökologisches Waldumbauprogramm (LÖWE-Programm von 1991) von den Grundsätzen der Erdmann'schen Waldwirtschaft geprägt ist.

Während vom Wirken Friedrich Erdmanns ausführliche Dokumente und vor allem die von ihm initiierte besondere Waldform Zeugnis ablegen, war bislang über die Person Erdmanns relativ wenig bekannt. Dies könnte sich künftig ändern. Der Heimatverein besitzt neue Dokumente zur Person Friedrich Erdmanns, die seine Mitglieder kürzlich im Niedersächsischen Staatsarchiv gefunden haben und jetzt auswerten. Immerhin 146 Seiten mit Dokumenten, überwiegend in Sütterlin-Handschrift verfasst, werden nun von der Chronik-Gruppe des Heimatvereins analysiert. ‚Es wäre schön, wenn an geeigneter Stelle alle verfügbaren Dokumente zu einem öffentlich zugänglichen Erdmann-Archiv zusammengeführt werden könnten‘, äußert sich Heimatvereinsvorsitzender Heinz-Hermann Schrader zu dem neuen Fund, dem weitere folgen könnten.“

Quelle: NLF

Mehr Informationen zum Erdmannwald unter www.waldgebiet-des-jahres.de und www.erdmannwald.de.

Mit Material der NLF und des BDF