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Dr. Maurice Strunk

Kommentar: C-Kunde Hessen-Forst

Dr. Maurice Strunk, der Geschäftsführer der AfL Hessen, kommentiert die Einstellung des Käferholzeinschlages bei Hessen-Forst.

Über 80 % der Käferholzaufarbeitung in Hessen dürften aktuell durch private forstliche Dienstleistungsunternehmen bewältigt werden. Mit Schreiben vom 08.10.2019 hat der Landesbetrieb Hessen Forst nun angekündigt, die Aufarbeitung von Käferholz im Staatswald ab dem 14.10.2019 grundsätzlich einzustellen, für den Rest des Jahres bis zum nächsten Frühjahr. Offenbar waren selbst Hessen-Forst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fachdienststellen, Forstämter und Reviere von dieser Anordnung der Betriebsleitung in Kassel überrascht worden. Forstunternehmer sind entsetzt und fühlen sich betrogen.

Vor allem die Kurzfristigkeit der Entscheidung ist für die AfL Hessen und auch für mich persönlich ein unfassbarer und nicht nachvollziehbarer Vorgang. Wer sehen möchte, wie Vertrauen und partnerschaftlicher Umgang zwischen bisherigen Geschäftspartnern effektiv zerstört werden kann, findet in Kassel traurige Beispiele. Diese Aktion treibt es auf die Spitze!

Dutzende Unternehmen haben ihre Aufarbeitungskapazitäten in den letzten Wochen zugesagt und Maschinen in die betroffenen Regionen in Hessen gebracht oder dort belassen. Dies geschah nicht zuletzt auf Bitten vieler Försterinnen und Förster von Hessen Forst, die in großem Umfang auch Unternehmerkollegen aus anderen Bundesländern und sogar aus dem Ausland angeworben haben.

Aufträge anderer Waldbesitzer wurden dabei nicht angenommen. Es wurden zusätzliche Maschinenkapazitäten beschafft und befinden sich in der Finanzierung. Nicht zuletzt wurden Übernachtungskapazitäten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebucht, die nun nicht mehr storniert werden können.

Dutzende Maschinen und das Personal und damit Aufarbeitungskapazitäten stehen nun über mehrere Tage bis Wochen unbezahlt still, während Larven und Käfer ruhig unter der Borke fressen und schlummern. Wir haben die Praxis der Auftragsvergabe für Käferholz bereits Ende des Jahres 2018 kritisiert, als sie eingeführt wurde.

Ergänzende Vertragsbedingungen

Bestehende Rahmenverträge wurden kurzerhand durch „Ergänzende“ Vertragsbedingungen einseitig verändert. Die Formulare der Leistungsbeschreibungen wurden mit Scheinvariablen gefüllt, um irgendwie den kläglichen Eindruck zu vermitteln man halte sich an geltendes Vergaberecht.

In diesen „sogenannten“ öffentlichen Auftragsvergaben fanden sich regelmäßig Anmerkungen, dass für eine Kalkulation nun einmal benötigte Angaben zu BHD, Alter und Hiebsfläche allenfalls geschätzt sind. Verbindlich war lediglich der Preis, den der Unternehmer abgeben sollte.

Parallel lockte der Landesbetrieb seit Monaten Unternehmer mit „freihändigen“ Vergaben in erheblichem Umfang und „Optionsmengen“, die nun ebenfalls nicht mehr gezogen werden sollen. Zwar kündigt der Landesbetrieb an, dass vertraglich (das meint schriftlich) vereinbarte Aufarbeitungsvolumen abgearbeitet werden können. Doch vielfach sind die seinerzeit von Hessen Forst vor Auftragsvergabe grob geschätzten Volumen längst erfüllt – und dies ist Hessen Forst natürlich bekannt.

Dass Kalamitäten viele Herausforderungen mit sich bringen und entsprechende Aufträge schwer planbar sind, ist auch Forstunternehmern bewusst. Verlassen konnten sie sich also nur darauf, was sie vor Ort auffinden und (bisher) auf die Zusagen des Personals von Hessen Forst. Und das haben sie getan.

„Auf gute Zusammenarbeit“

Vor gut zwei Monaten hatte Hessen Forst die eingesetzten Unternehmer und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch zu Grillabenden mit Bratwurst und Getränken eingeladen, um sich für die Bewältigung der Waldschäden, die seit Januar 2018 entstanden waren, zu bedanken.

Mit „Mittendrin“ waren die Einladungen überschrieben. Und „auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit!“. Nun kommt der Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht. Mancher Unternehmer und Mitarbeiter dürfte das Würstchen Hessen Forst gerne vor die Zentrale spucken wollen. Denn nun kommt von dort die plötzliche Stillstandanordnung.
Wäre das Käferproblem abgearbeitet und bestehende Bestände gerettet, wäre eine zurückgehende Auftragslage absehbar gewesen und eine Zufriedenheit vorhanden, die Herausforderung gemeistert zu haben. Doch das ist ja gerade nicht der Fall. Denn das Käferproblem besteht weiter und ist vielleicht noch größer als im Herbst vor einem Jahr.

Vorgeschobene Begründung

Vorgeschoben ist die Begründung, dass ein Abschöpfen hoher Befallsdichten nicht mehr möglich sei, da sich die 2. Borkenkäfergeneration ab Mitte Oktober in die Bodenstreu zurückziehe. Spricht man mit den Experten der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt, erhält man von dort jedenfalls deutlich differenziertere Antworten. Denn selbstverständlich macht die weitere Aufarbeitung da Sinn, wo Larven oder junge Käfer unter der Borke sitzen und das ist in vielen Beständen der Fall. Klar ist, man muss hinsehen. Und die Chance nutzen Zeit aufzuholen, jetzt wo der Käfer nicht mehr in Schwärmen vor den Maschinenfenstern fliegt.

Man hätte erwarten können, dass entsprechende Entscheidungen, so falsch sie auch waldbaulich sein mögen, zumindest mit ordentlichem Vorlauf kommuniziert werden und nicht in einer Art hire-and-fire-Mentalität.

Stellenwert der Forstunternehmer

Eine völlige Kehrtwende innerhalb nur einer Woche lässt die Frage aufkommen, welchen Stellenwert der Forstunternehmer für Hessen Forst wirklich hat. Recht offen werden auch die in Summe hohen Aufarbeitungskosten und fehlende Absatzmöglichkeiten für Holz ins Feld geführt. Diese Probleme haben nicht nur Hessen Forst, sondern auch andere Landesforstbetrie-be und ganz besonders private Waldbesitzer.

Steuergeld für den Staatsbetrieb

Noch vor kurzem, Ende August, hatte die Landesregierung öffentlichkeitswirksam einen 12-Punkte-Plan an-gekündigt, der mit den Worten „Wald der Zukunft in Hessen“ überschrieben war. Von „200 Mio. Euro zusätzlich“ war darin die Rede. Nicht die stark betroffenen Privatwaldbesitzer oder Kommunen sollten in den Genuss der „zusätzlichen“ Finanzmittel kommen. Von 25,79 Mio. Euro Steuergeld für das Jahr 2019 sind 20 Mio. Euro in den eigenen Staatsbetrieb transferiert worden. Auch die Mittel für die kommenden Jahre sind zu zweitdritteln (jeweils 30 Mio. Euro) für den Landesbetrieb Hessen Forst vorgesehen, der nun die Arbeit einstellt.

Arbeit erst wieder im Frühjahr

Neue Auftragsvergaben für das Frühjahr 2020 wurden bereits angekündigt. Eine alte Masche, viele Aufträge möglichst auf einmal dann in den Wettbewerb zu geben, wenn die Unternehmer vor die Tür gesetzt wurden und die Auftragslage schlechter ist. Man muss schon ein großer Monopolist sein, wenn man es sich offensichtlich leisten kann, sich selbst zum C-Kunden zu machen, den Unternehmer zukünftig nur noch dann be-dienen, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind. Ich kann nur hoffen, dass Forstunternehmer bei Abgabe möglicher Angebote für Aufträge ab 2020 einen ordentlichen „Risikozuschlag“ einkalkulieren.

Nach meiner Überzeugung sollte sich der Landesrechnungshof nicht mit der Frage beschäftigen, ob Aufträge möglichst schön öffentlich gemacht wurden, damit sich viele Unternehmer darauf bewerben und sich gegenseitig unterbieten können, sondern einmal die Frage beleuchten, wie viel des Staatsvermögens an Fichten-holz nun durch eine zögerliche Aufarbeitung entwertet werden.

Von der Landesregierung erwarte ich, dass sie sich nicht nur mit der Frage beschäftigt, wie zukünftiger Wald möglichst bunt neu erschaffen wird. Ich erwarte, dass sie ein klares Bekenntnis abgibt, ob ihr an der Rettung bestehender Fichtenbestände wirklich gelegen ist.

Für die Forstunternehmer hoffe ich, dass die jüngsten Erfahrungen Denkanstöße liefern. Ich weiß, wie schwer es manchem erfolgreichen Unternehmer fällt, mit Kollegen in einem Verband zu sein, die einem Aufträge „abnehmen“. Und trotzdem: Selbst wer bisher immer gut allein klargekommen ist, gibt diese Freiheit im Verband nicht auf. Er schafft aber er eine Plattform und das Instrument gemeinsame Interessen zu vertreten und zu kommunizieren.

Dank an die Förster

Bedanken möchte ich mich bei allen Försterinnen und Förstern, die in den letzten Monaten auf Augenhöhe mit forstlichen Dienstleistungsunternehmen versucht haben, den hessischen Wald zu retten und die über das Schreiben aus Kassel ähnlich überrascht waren.

Und zuletzt hoffe ich, dass Anstrengungen verschiedener Seiten dazu führen, dass solche Fehler in Zukunft nicht mehr gemacht werden und wir zu einem wirklich partnerschaftlichen Miteinander kommen.

Es ergibt keinen Sinn und wäre unfair einseitig auf Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes zu hauen. Manchmal frage ich mich aber doch, wie sich jemand von dort selbst fühlen würde, wenn er über Monate nahezu täglich zehn oder mehr Stunden arbeitet, wissend, dass er seine Arbeitsgrundlage und damit sein Einkommen für die nächsten Jahre auflöst und dann die Nachricht erhält, dass er zum Ende der laufenden Woche für drei oder mehr Monate unbezahlt vor die Tür gesetzt wird, bei weiter laufenden Kosten und nicht wissend, in welche Gehaltsstufe er dann später eingruppiert wird. Wäre man zynisch würde man dann sagen: „die letzten Monate hast Du doch aber gut verdient“.

Die Meldung über den Einschlagsstopp finden Sie hier.

Und hier die Antwort der Landesbetriebsleitung HessenForst auf diesen Kommentar: Mut zur Entscheidung

Dr. Maurice Strunk

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