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Bundestagung 2010 der ANW

Bundestagung 2010 der ANW

Am 27. und 28.September 2010 fand in Niedernhausen sowie in den Kommunalwäldern der Gemeinde Schlangenbad und der Stadt Eltville die diesjährige Bundestagung der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Deutschland (ANW) statt. Sie stand unter dem Motto „Dauerwald ist mehr als dauernd Wald.“
Der Bundesvorsitzende der ANW, Hans von der Goltz, begrüßte die etwa 250 nationalen und internationalen Teilnehmer, Bundes- und Landtagsabgeordnete und Verbandsvertreter, den Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises Burghard Albers sowie Bürgermeister Patrick Kunkel aus Eltville und Bürgermeister Michael Schlepper aus Bad Schlangenbad. Er dankte der ANW-Landesgruppe Hessen mit ihrer Vorsitzenden Dagmar Löffler, den beiden Bürgermeis-tern sowie Hessen Forst herzlich für die ausgezeichnete Vorbereitung dieser Tagung.
Hans von der Goltz stellte in seiner Begrüßung fest, was noch alles getan werden müsse, um großflächig Dauerwald erst möglich zu machen.
  • Die Absicht kurzfristiger Gewinnmaximierung durch unnatürliche Nadelholzreinbes-tände oder die kurzfristige Maximierung ökologischer Vielfalt durch Stilllegung von Wald schließen multifunktionale Dauerwaldwirtschaft aus.
  • Kahlschläge sind das Gegenteil von Stetigkeit
  • Überhöhte Wildbestände fressen die natürliche Artenvielfalt im Wald auf und ma-chen Mischbestände unmöglich
  • Immer größere Forstreviere und spezialisierte Forstausbildung erschweren die ver-antwortliche Steuerung des Waldwesens immer mehr.
Eine besondere Freude war es Hans von der Goltz, sich bei Dr. Hermann Wobst (Landes-gruppe Niedersachsen) und Rudolf Gerbaulet (Nordrhein-Westfalen) für ihr jahrzehntelanges Engagement für den Dauerwald mit einer ANW-Ehrennadel zu bedanken. Durch ihr prakti-sches Tun und ihre Mitarbeit in unterschiedlichen Gremien haben sie die ANW ganz wesent-lich mitgeprägt. Langanhaltender Applaus der Versammlung bestätigte das Gesagte.
In ihren Grußworten betonten sowohl Landrat Burghard Albers als auch der Eltviller Bürger-meister Patrick Kunkel die besondere Bedeutung des Waldes für ihre Region. Das Bundes-land Hessen ist durch einen hohen Kommunalwaldanteil geprägt und auch im Rheingau-Taunus-Kreis bewirtschaften zahlreiche Städte und Gemeinden eigenen Wald. Neben der wirtschaftlichen Funktion haben diese Kommunalwälder in einer der am dichtesten besiedel-ten Regionen Deutschlands eine große gesellschaftliche Bedeutung als Naherholungsgebiet. Das dabei die Naturschutzleistung der Wälder nicht ins Hintertreffen gerät ist ein Verdienst der multifunktionalen Forstwirtschaft, die alle drei Waldfunktionen auf derselben Fläche sicherstellt. Daher bekennen sich Kreis und Kommunen zu ihren Wäldern und wollen diese zukünftig – auch bei enger werdenden finanziellen Spielräumen – weiter nachhaltig bewirt-schaften.
Der Chef der hessischen Landesforstverwaltung, Herr Carsten Wilke, hieß die Teilnehmer in Hessen herzlich willkommen und überbrachte die Grüße der Ministerin. In seinem Kurzvor-trag „Das Forstrevier als Herz des Forstbetriebes – was bringt die Zukunft?“ bekannte sich Wilke zur qualifizierten und naturgemäßen Bewirtschaftung der hessischen Wälder. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels müssen Antworten gefunden werden, wie zukunftsfähige und klimaelastische Wälder aussehen sollen und wer ihre praktische Umsetzung sicherstellt. Da dies nicht ohne qualifiziertes Personal vor Ort geht, müssen sich sowohl die privaten als auch die staatlichen Forstverwaltungen hier organisatorisch und personell entsprechend aufstellen.
Höhepunkt des ersten Tages war der Vortrag von Prof. Jean Phillip Schütz, langjähriger Waldbauprofessor an der ETH Zürich und derzeitiger Präsident von Pro Silva Europa, der europäischen Dachorganisation der naturgemäß wirtschaftenden Forstleute. Er kam in seinen theoretisch fundierten und mit praktischen Beispielen angereicherten Ausführungen mit dem Thema „Der Dauerwald – waldbauliche Träumerei oder Zukunftskonzept?“ zu dem Schluss, dass Dauerwald für die zukünftigen Generationen wirtschaftlich, ökologisch und sozial das Beste sei, was der Gesellschaft passieren könne. Insbesondere diese Multifunktionalität, also das gleichberechtigte Nebeneinander von Waldwirtschaft, Naturschutz und Erholung auf ein und derselben Waldfläche ist ein Markenzeichen der Naturgemäßen Waldwirtschaft. Dass es sich dabei um ein tragfähiges Konzept handelt, zeigt eine Vielzahl erfolgreicher Beispiele aus der forstlichen Praxis. Da all dies zwischenzeitlich durch die forstliche Forschung gut untersucht wurde, ist die Naturgemäße Waldwirtschaft nach Ansicht von Schütz das Modell für die Herausforderungen der Zukunft.
Der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates (DFWR) Georg Schirmbeck hielt ein flammendes Plädoyer für eine an Sachfragen orientierte, vertrauensvolle Zusammenarbeit der forstlichen Interessenvertreter. Ein erfolgreiches Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist das Gutachten zum Wald-Wild-Konflikt, an dem sich neben dem DFWR und der ANW auch das Bundesamt für Naturschutz sowie die Hatzfeldt-Wildenburgsche Verwaltung als privater Waldbesitzer beteiligt haben. Schirmbeck nannte außerdem die Erklärung zur Frage der Integration von Naturschutzaspekten in der Buchenbewirtschaftung als weiteres Beispiel dafür, wie er sich eine vertrauensvolle und verlässliche Zusammenarbeit vorstellt. Nur so können die Themen der Zukunft erfolgreich angepackt und in der forstlichen Praxis umgesetzt werden. Die ANW ist ihm dabei ein wichtiger Partner.
Hans-Ulrich Dombrowsky, Forstamtsleiter im Forstamt Rüdesheim gab interessante Einblicke in die Rheingauer Forstgeschichte. Offensichtlich hat man sich in den vergangenen Jahrhun-derten erfolgreich eine gewisse Unabhängigkeit bewahren können, so dass im Rheingau eine forstlich interessante und landschaftlich attraktive Mittelgebirgsregion erhalten geblieben ist. . Anschließend gab er einen Überblick der heutigen Situation und spannte so den Bogen zum folgenden Exkursionstag. Er stellte den Teilnehmern die beiden Exkursionsgebiete und ihre Besonderheiten vor. So bildet im Stadtwald Eltville die Eiche den Schwerpunkt, im Ge-meindewald Schlangenbad liegt das Augenmerk auf den Baumarten Buche und Fichte.
Zum Abschluss des ersten Tages stellte Klaus Stolpp, Revierförster im Revier Schlangenbad ein einfaches und äußerst praxisgerechtes Verfahren zur Messung forstlicher Kennziffern vor. Mit dem über mehrere Jahrzehnte durch die örtlichen Förster entwickelten System lassen sich mit geringem Aufwand Daten über einen Waldbestand ermitteln. Diese Daten sind dann die Grundlage für langfristige Nutzungsüberlegungen, die zu einer besseren Strukturierung und dauerhaften Stabilisierung der Wälder beitragen. Das Messverfahren ist damit für den naturgemäß wirtschaftenden Förster eine gute Hilfe.
Exkursionen in die Reviere Schlangenbad und Eltville 
Am zweiten Tag starteten vom Waldparkplatz Dreispitz in Schlangenbad-Bärstadt vier große Gruppen zu ganztägigen Exkursionen in die Reviere Schlangenbad und Eltville. In beiden Re-vieren orientiert sich die Bewirtschaftung seit mehreren Jahrzehnten an den Grundsätzen der ANW. Im Stadtwald Eltville und im Staatswald Greiferwald wurden Beispiele der natur-gemäßen Bewirtschaftung der Eiche vorgestellt und von Klaus-Peter Steiner und Knut Außem erläutert. Sie führen nicht, wie bei dieser Baumart meist üblich, zu Kahlschlägen, sondern bieten mit einem sehr langen Zeitraum der Pflege und Nutzung alter Bäume die Chance einer kleinflächigen langfristigen Verjüngung. Mit diesem Vorgehen konnte der Eichenanteil in den Mischbeständen erhalten und gefördert werden. Durch die Entnahme einzelner hiebsreifer Bäume ist es möglich schwächeren Nachbarbäumen eine Chance auf Entfaltung zu geben, was durch das sichtbare Reaktionsvermögen der Eichenkronen bestätigt wird. Auch die wirtschaftlichen Ergebnisse dieses Vorgehens, mit dem es möglich ist auf den Markt zu reagieren und über lange Zeit gleichmäßige Einnahmen zu erzielen , machen Mut in dieser Form weiterzuarbeiten.
Im Gemeindewald Schlangenbad wurden von Klaus Stolpp und Bernd Leichthammer zuerst Beispiele der langjährigen naturgemäßen Bewirtschaftung der Fichte vorgestellt und diskutiert. Schon 1948 gab es in der Forsteinrichtung von Landforstmeister a.D. Ernst Rechtern, der diese Arbeit im Alter von 73 Jahren durchführte, erste Hinweise zur Vermeidung von Kahlschlägen. Das wurde aber nur im ehemaligen Revier Wambach von Rudolf Canzler beispielhaft umgesetzt. Anfang der 70er Jahre hat dann Bernd Leichthammer im Einvernehmen mit der Gemeinde Schlangenbad die „Naturgemäße Waldwirtschaft“ mit dem Ziel „Dauer-wald“ im gesamten von ihm betreuten Revier eingeführt. Diese Wirtschaftsweise wird seit 2005 von Klaus Stopp engagiert fortgeführt und von den Gemeindegremien unterstützt.
Trotz erheblicher Schäden in den Fichtenbeständen durch Sturm und Borkenkäfer, bieten heute fast 200 Hektar alter Fichten mit natürlicher Verjüngung ein vielfältiges, ästhetisch ansprechendes Bild mit hohen laufenden Nutzungen und guten Erlösen. Durch die Beimischung von Buchen werden die jungen Fichten stabilisiert und so das mögliche künftige Risiko durch Schäden infolge des Klimawandels gemildert.
Auch die Buchen als wichtigste Baumart im Schlangenbader Wald sind „auf dem Weg zum Dauerwald“. Früher wurden die alten Buchenbestände meist mit etwa 140 Jahren nach spär-licher Naturverjüngung als relativ schwache Bäume rasch geräumt und die Flächen mit Na-delholz aufgeforstet. Seit Anfang der 70er Jahre wurden die Räumungen eingestellt und die Buchen einzelstammweise genutzt. Dadurch können sich die besseren Bäume zu deutlich stärkeren Dimensionen entwickeln, die wertvolleres Holz mit wesentlich höheren Erlösen liefern. Gleichzeitig wächst unter dem Schirm der alten Buchen in vielen Jahrzehnten, mit ganz geringen Aufwendungen für die Pflege, die nächste Generation heran.
Ein wesentlicher Bestandteil der alten Bestände sind aber auch „Biotopbäume“, die dauerhaft markiert und nicht genutzt werden. Als Spechtbäume und Totholz bieten sie Lebensraum für eine Vielzahl von Lebewesen die auf gesunden Bäumen, wie sie zum Verkauf geerntet werden, nicht existieren könnten. An den einzelnen Waldbildern, deren bisherige Entwicklung erläutert und mit konkreten Daten belegt wurde, ergab sich eine rege Diskussion über das künftige Vorgehen. Dabei war man sich einig, dass mit dem Dauerwald eine gute Möglichkeit besteht, unter Beachtung der wirtschaftlichen Interessen des Waldeigentümers, ein stabiles, vielfältiges und in seinem Regulationsvermögen anpassungsfähiges Ökosystem Wald zu erhalten.
Zum Abschluss wurde noch die „Altholzinsel Weikershain“ aufgesucht. Hier stehen auf einer kleinen Fläche einige über 200 jährige mächtige Buchen aus der Zeit vor Beginn der planmä-ßigen forstlichen Bewirtschaftung des Gemeindewaldes im Großherzogtum Nassau. Es wurde deutlich, welche „Werte“ im Wirtschaftswald an einigen Stellen nur durch Nutzungsverzicht bewahrt werden. Neben der ökologischen Bedeutung durch natürlichen Zerfall, zeigen sie auch, wie „dick und alt“ Buchen bei uns werden können.
Mit der diesjährigen Tagung wurde die gute Tradition der 1950 bundesweit gegründeten ANW fortgesetzt, ihren Mitgliedern regelmäßig die Möglichkeit zu bieten an konkreten Bei-spielen im Wald zu sehen und zu diskutieren, wie ihre Grundsätze unter den örtlichen Bedin-gungen umgesetzt werden und welche Waldbilder dabei entstehen.
ANW

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