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Buchbesprechung: Tatort Wald

Tatort Wald – Georg Meister und sein Kampf um unsere Wälder. 2012

Ein lesenswertes Buch. Es beschreibt, zum Teil spannend, das interessante Leben und die berufliche Laufbahn des bekannten Försters, Jägers und Fotografen Georg Meister. Dessen aktive Dienstzeit stand noch in der Tradition des Försters, der in fachlicher Verantwortung ein Revier bewirtschaftet, was in Deutschland als der schönste Beruf schlechthin angesehen wurde. Es gab Neider, die diesen Traumberuf bürokratisieren und seiner fachlichen Autonomie berauben wollten – zuletzt erfolgreich. Es scheint, dass Eifer und Ungeduld des Protagonisten dazu beitrugen, den guten Ruf der Forstpartie zu schädigen und das Misstrauen der Neider zu stärken − schade!

Denn die richtige Diagnose – hohe Wildstände bedrohen die Biodiversität und verhindern den angestrebten Waldzustand − verbindet sich mit einer eher einfältigen Vorstellung über die Ursachen. Doch gerade dies macht das Buch für uns Fachleute lesenswert: Es zeigt exemplarisch die Komplexität politischer Zusammenhänge und die Schwierigkeit, im politischen Raum ein Ziel klug und erfolgreich zu verfolgen. Es weist auf Mängel des Jagdwesens und gewisse Schwächen der traditionellen Forstorganisation hin, gibt aber kaum Hilfen für tatsächliche Verbesserungen. Die Aufgabe, den Wald für die Zukunft leistungsfähig zu erhalten und zu gestalten, bleibt bestehen, ist aber schwierig geworden.

Zunächst gewährt die Darstellung Einblick in ein Leben, das recht nahe den extremen Bedingungen des Jagdregimes unter Hermann Göring im Nazireich beginnt: der Vater war „Heeresförster“ und offenbar der Jagdweise seiner Zeit verfallen. Ein ungewöhnliches, aber zeittypisches Einzelschicksal wird spannend vor Augen geführt. Der junge Georg Meister zeigt ein erstaunliches Talent im Schießen und frühe Befähigung zur aktiven Jagdausübung. Das führt zu Kriegsende in abenteuerliche, lebensgefährliche Verwicklungen, die aber glücklich ausgehen. In Studium und Berufspraxis gewinnt der junge Forstmann Einsichten in die Schädlichkeit und Unnatürlichkeit hoher Schalenwildstände in unseren Wäldern. Man spürt, dass an der Universität richtige Wegweisungen für den Forstberuf vermittelt wurden. In der Praxis tritt dann die Hypothese in den Vordergrund, dass die Entwicklung der Wildstände mit der Trophäenjagd zusammenhängen könnte. Diese in feudalen Traditionen und im Darwinismus gegründete Jagdtradition zeitigte im „Dritten Reich“ seltsame Auswüchse, die nach dem Krieg zum Teil beibehalten wurden. Natürlich ist das die typische „Herrenjagd“, nicht die „Bauernjagd“ und schon gar nicht das Jagdhandwerk, das eigentlich zur Aufgabe des Försters gehört. Dem Waldförster Georg Meister gilt vor allem das Jagdprivileg des „forstlichen Führungspersonals“ als Ursache für weitgehend vergebliches Bemühen um gesunde Wälder mit reicher Bodenflora und guten, wasserspeichernden Böden, Keimbett für gesunden Wald. Das mag als ein Gesichtspunkt gelten, erscheint aber doch als eine einschichtige Sicht und subjektive Übertreibung. Spielt vielleicht der „Ödipuskomplex“ eine Rolle – das Bedürfnis des Sohnes, sich vom Vater radikal zu lösen?

Der Rezensent, acht Jahre jünger als Georg Meister und nicht in der Tradition der Trophäenjagd aufgewachsen, war nicht aus „zufälligen Gründen ans Forststudium geraten“ (S. 71). Es kann aber stimmen, dass er diese Dinge deshalb „unvoreingenommener, pragmatischer, nicht mit der Wild-vor-Wald-Ideologie der Väter belastet“ (ebenda) sah. Gewiss wurde Forststudenten der Nachkriegsära überall im praktischen Forstbetrieb und auf Exkur¬sionen der Zusammenhang von hohem Wildstand und verarmten Wald-Ökosystemen vor Augen geführt. Folgendes Zitat steht auf Seite 169 des Buches von Claus-Peter Lieckfeld (es stammt aus der Feder von Josef Steiner und stand im Münchner Merkur vom 31. 12. 1993): „Wir brauchen Förster, die das Handwerk ‚Jagd‘ beherrschen und lieber einen gesunden Wald heranwachsen sehen als viele gewaltige Jagdtrophäen an der Wand hängen haben.“ So ist es!

Dass Förster in höheren Positionen die Trophäenjagd als Reminiszenz an den einst angestrebten Beruf im Wald und als Ausgleich für ihr bürokratisches Schicksal schätzen, erscheint plausibel. Trotzdem ist es zu einfach, ja fahrlässig, ihnen alle Schuld an den jagdlichen Problemen mancher Regionen in die Schuhe zu schieben und das Forstwesen in Deutschland – seinen enormen Verdiensten zum Trotz – grundlegend in Frage zu stellen. Wahrscheinlich können bei weitem nicht alle Jäger so perfekt jagen und schießen, wie Georg Meister. Und wenn man den Förstern neidet, dass sie Dienstzeit für das vermeintliche Jagdvergnügen verwenden, kann sich das Blatt nicht zum Guten wenden. Ist vielleicht die Revierjagd Ursache für die hohen Wildstände? Feiern wohlhabende Jagdpächter manchmal mehr ihr Erholungswochenende als handwerklicher Jagd nachzugehen? Fehlt nicht in vielen Fällen die notwendige Vertrautheit mit den Örtlichkeiten? Oder sind die bürokratischen Verfahren der Jagdkontrolle unbrauchbar? Weiß man überhaupt Bescheid, wo die Brennpunkte des Problems lokalisiert sind?

Die in dem Buch geschilderte Problematik ist evident, ihre Vielschichtigkeit wird aber nicht herausgearbeitet. Eine Lösung ist dringend notwendig, aber schwer zu erreichen. Förster, Jäger und Waldliebhaber aller Art sollten sich damit befassen, die Fragen aufnehmen, Lösungswege suchen. Die Gesellschaft reagiert träge, oft verspätet und selten rational. Interessen wirken auf verschlungenen Wegen und sind schwer zu durchschauen. Die hier ausgebreiteten Erfahrungen eines vielfältigen und engagierten Försterlebens sind Beispiel für Kampf, Enttäuschungen, unbefriedigende Resultate und doch hohe Anerkennung, die ein Einzelner erfährt. Sein beharrliches Werben, Mahnen, Provozieren ist bewundernswert , das Ergebnis kritisch zu würdigen. In diesem Sinne verspricht die Lektüre fachlichen Gewinn und sei empfohlen.

Quelle: Archiv für Forstwesen und Landschaftsökologie, 46 (2012) 2, S. 96

Ernst Ulrich Köpf

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