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Buch über 400 Jahre Besitzgeschichte einer uckermärkischen Familie

Mit seinem vierten Buch „Boitzenburg – ein Wirtschaftsbetrieb mit sozialem Netz und kultureller Tradition“ schließt Sieghart Graf v. Arnim seine Studien über 400 Jahre Familien- und Besitzgeschichte Boitzenburg in der Uckermark ab.

Während die drei ersten Bände herausragenden Vorfahren gewidmet sind, die neben der Verwaltung des Besitzes wichtige Staatsämter in Preußen übernommen hatten, zeichnet der jüngst erschienene Band ein lebendiges Bild des „Unternehmens“ Boitzenburg in seinem Beziehungsgeflecht generationenübergreifenden Familieneigentums mit dem land- und forstwirtschaftlichen Produktionsgeschehen und dem sozialen wie politischen Umfeld, in dem Boitzenburg zum flächengrößten Grundbesitz in der Mark Brandenburg herangewachsen war. Was der Autor zur quellenbezeugten Besitzgeschichte schreibt, passt so gar nicht in das Klischee des sogenannten ostelbischen Junkertums, das auch heute noch in etlichen Köpfen und nicht nur in denen der politischen Linken mit den Assoziationen zu Militarismus und Ausbeutung kultiviert wird.

Struktur und innere Verfasstheit der maßgeblichen Unternehmensteile Landwirtschaft und Forst könnten unterschiedlicher kaum sein. Dem Leser drängt sich dabei die Wahrnehmung auf, als ob das Herz der Familie eher für den Forst als für die Landwirtschaft geschlagen hätte. Dies wäre auch nicht verwunderlich; denn die Gestaltungsmöglichkeiten im Forstbereich waren ungleich größer als in der landwirtschaftlichen Produktion. Zumal ist bekannt, dass die Uckermark nicht gerade mit den besten Böden gesegnet ist. Dementsprechend gering war die Ertragskraft, was zur Folge hatte, dass der Forstbetrieb oft Verluste in der Landwirtschaft ausgleichen musste.

Historisch bedingt, war der größte Teil der Landwirtschaft verpachtet, was ebenfalls nicht dazu an.getan war, Überschüsse im Agrarbereich zu erwirtschaften. Erst nach der Bauernbefreiung im Anfang des 19. Jahrhunderts konnte der Anteil der Eigenbewirtschaftung ausgeweitet werden. Gleichzeitig blieb die Landwirtschaft von den zahlreichen Agrarkrisen dieses Jahrhunderts geplagt. Es spricht für den ganzheitlichen Unternehmergeist der Eigentümerfamilie, dass nicht nur der Gesamtbetrieb alle Krisen überstanden hat. Vielmehr konnten die Mitarbeiter in Lohn und Brot gehalten werden. Was Papst Benedikt XVI., vor allem in vielen Gesprächen mit Journalisten, betont hat, wonach eine sich selbst regulierende Wirtschaft auf die Integration einer transzendenten und am Menschenwohl ausgerichteten Ethik angewiesen ist, war für den überwiegenden Teil der landbesitzenden Familien gelebte Praxis. Den Vermögenswerten, die in Grund und Boden gebunden waren, entsprach keineswegs die monetäre Liquidität. Dies war gleichermaßen ein disziplinierender Zuchtmeister, das Wohl des Betriebes im Auge zu behalten, wie preußische Kargheit als Tugend kultiviert wurde. Dass begrenzte Mittel unternehmerische Kreativität befeuern, kann man auch heute noch in jedem guten Lehrbuch über Unternehmensführung nachlesen.

Der Band liefert interessante Hinweise auf die Organisationsinstrumente, mit denen das Unternehmen Boitzenburg geführt wurde. Insbesondere dem Forstbetrieb hatte bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert Friedrich Wilhelm v. Arnim eine Struktur verpasst, die als absolut modern zu bezeichnen ist. Betriebliche Planung und Soll-Ist-Vergleich, heute Selbstverständlichkeiten, waren schon damals Grundlage strategischer und operativer Entscheidungen. Auch interessante Relationen von Ertrag und Aufwand bietet der Autor dem Leser an. So konnten im 19. Jahrhundert etwa 40 Arbeitsstunden vom Erlös eines Festmeters Holz entlohnt werden, ohne dass die Mitarbeiter hätten hungern müssen. Heute ließen sich im Durchschnitt nicht mehr als zwei Arbeitsstunden vergüten, was die Dimension notwendigen Strukturwandels in der Land-und Forstwirtschaft deutlich werden lässt. Ohne das Erstarken von Industrie und Handel mit dem entsprechenden Bedarf an Arbeitskräften wäre ein solcher Strukturwandel nicht möglich gewesen.

Wer Freude an der Reflexion über Unternehmertum in Land- und Forstwirtschaft hat und sich nicht scheut, es im Kontext geschichtlicher Zusammenhänge und Tatbestände auf sich wirken zu lassen, wird in dem vorliegenden Band eine Fülle an Informationen, Dokumenten und wirtschaftlichen Details finden, die eine umfassende Zusammenschau des sogenannten ostelbischen Großgrundbesitzes ermöglichen. Er wird auch feststellen können, dass gar manche Aspekte heute beklagter sozialer Defizite von den damaligen Eigentümerfamilien vorbildlich gelöst waren.

Informationen zum Buch: Sieghart Graf v. Arnim: Boitzenburg – ein Wirtschaftsbetrieb mit sozialem Netz und kultureller Tradition. C. A. Starke Verlag 2015, DIN A 5, gebunden, Schutzumschlag, 279 S., zahlreiche Abb., ISBN 978-3-7980-0586-0, Preis 21,90 €

Eberhard Lasson

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