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Borkenkäferkonzept-ZE-Insekt

Borkenkäferkonzept der BaySF: Ernsthaft

Gebetsmühlenartig wiederholen sich in jedem Jahr die wohlmeinenden Ratschläge, wie man durch eine „saubere Waldwirtschaft“ die Ausbreitung von Borkenkäfern in den Nadelholzbeständen wirksam eindämmen kann. So richtig funktioniert hat dieses Konzept bisher noch selten. Die Bayerischen Staatsforsten gehen die Sache
jetzt konsequent und auch mit modernen Mitteln an.

Wenn der Käfer kommt, muss es einfach schnell gehen. Im Zweifelsfall ist es – gerade in großen Forstbetrieben – schon der Informationsfluss, der oft zu lange dauert: Wo genau ist das Käfernest entdeckt worden? Wie viele Bäume sind betroffen? Welche Entwicklungsstadien der Insekten haben wir? Wie ist der Aufarbeitungsstand? Ist alles gerückt? Spätestens wenn der Käfer aus dem Polter an der Waldstraße wieder ausfliegt, weil die Logistikkette irgendwo ein Loch hatte, waren alle vorhergehenden Bemühungen eigentlich umsonst. Fehlende Abfuhrkapazitäten, wie sie bei Kalamitäten oft auftreten, lassen sich nicht wegzaubern, aber durch eine zielgerichtete Steuerung gewinnt man auch Pufferzeiten.

ZE-Insekt

Des Rätsels Lösung liegt wie häufig in der Arbeitsorganisation und in diesem Fall in einer Smartphone-App, genannt ZE-Insekt mit einer entsprechenden Datenbank-Anbindung. Das neue Käferkonzept haben die BaySF in diesem Frühjahr flächendeckend eingeführt. Wir sind allerdings zum Forstbetrieb Wasserburg gefahren, der zu den Pilotbetrieben gehört hat und schon ein ganzes Jahr Erfahrungen sammeln konnte. Die stellvertretende Betriebsleiterin Linda Madl erklärt uns die gesamte Struktur: „Drei Fallen des permanenten Borkenkäfer-Monitorings der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) befinden sich in unserem Bereich. Diese dienen uns quasi als Frühwarnsystem. Vierzehn Tage nach dem Schwärmflug der Käfer beginnen wir mit der gezielten Suche. Dafür haben wir zwei Wochen Zeit. Die 20 000 ha Staatswald des Forstbetriebs sind in 72 feste Suchbezirke eingeteilt. Mit Hilfe der App werden Käfernester genau erfasst und alle Akteure sofort informiert. Der Informationsfluss wird dadurch deutlich schneller, präziser und vor allem auch vereinheitlicht – endlich müssen die Daten nicht mehr über fünf Schreibtische gehen. Vor allem für die Mengensteuerung bedeutet das zugleich Fakten statt Glaskugel.“

In die Käfersuche ist die gesamte Belegschaft mit eingebunden, Waldarbeiter, Revierleiter, aber auch der Leitungsdienst. Dazu kommen externe Unternehmer. An dieser Stelle haben die BaySF auch Geld in die Hand genommen: Beim eigenen Personal musste man die App nur auf die vorhandenen Diensthandys aufspielen – für die externen Dienstleister wurden landesweit eigens 1 200 Outdoor-Smartphones vom Typ Samsung X-Cover 4 beschafft und als mobile Datenaufnahmegeräte zur Verfügung gestellt.

Fakten statt Glaskugel

Bei der Erfassung eines Käfernestes wird eine Vielzahl von Parametern erhoben: Die genaue Position ermittelt das integrierte GPS-Modul des Geräts, abgesichert durch die hinterlegte Forstbetriebskarte. Neben der Zahl der befallenen Bäume und den geschätzten Festmetern wird auch das Befallsstadium genau dokumentiert (Bohrmehl, Larven, heller Jungkäfer, alle Stadien, ausgeflogen) um damit auch einen Überblick zur jeweiligen Dringlichkeit zu bekommen.

Auch wenn der Name des Programms ZE-Insekt ist, lassen sich natürlich auch Windwürfe und Schneebruch damit erheben. Weitere mögliche Angaben sind die Rückeentfernung, ein Pfeil für die sinnvolle Anfuhrrichtung oder Hinweise zur Aufarbeitungstechnik (Harveser, Motormanuell, Handentrindung, Helikopter)

Punktwolken

ZE-Insekt
Zusammen mit den Windwürfen war hier heuer schon viel los: Die roten Punkte bezeichnen frisch entdeckte Käfernester, die gelben wurden gerade aufgearbeitet und die grünen sind bereits gerückt. Orange Punkte sollen im Auge behalten werden. Lila ist die Signatur für sonstige Punkte außerhalb der ZE-Erfassung. Bildschirmfoto: BaySF

Mit all diesen Daten erscheint ein akuter Befall als roter Punkt auf der Karte. Sobald die Forstwirte oder auch Unternehmer die Bäume aufgearbeitet haben, wird die Markierung von ihnen auf „Gelb“ gesetzt. Auch der Rücker bekommt diese Informationen, damit er genau weiß, welche Mengen er in welcher Ecke finden kann. Sobald das Holz abgefahren ist, setzt der Revier- oder Einsatzleiter den Punkt auf „Grün = keine Gefahr“. Nichtsdestotrotz bleibt er für die laufende Käfersaison im System, weil er so als Ausgangspunkt für den nächsten Suchlauf dienen kann. Die Farbsignatur „Orange mit rotem Rand“ vergibt der Sucher, wenn er eine Nachsuche für erforderlich hält. Das ist generell bei Käfernestern der Fall. Mit „Lila“ lassen sich sonstige Punkte kennzeichnen, die auch nicht unbedingt etwas mit zufälligem Holzanfall zu tun haben. Archivierte Punkte aus dem Vorjahr können auch angezeigt werden; sie erscheinen dann grau.

Aus der Perspektive von Linda Madl, die in Wasserburg den Holzeinschlag und die Vermarktung koordiniert, trägt das neue System maßgeblich dazu bei, dass sie am Forstbetrieb endlich mal am Käfer dranbleiben können und nicht immer nur hinterher rennen müssen. Bisher umfasste das größte Käfernest in diesem Jahr, das ansonsten als hoch brisant gilt, gerade einmal ein Dutzend Bäume. Dafür darf es aber auch keine Bagatellgrenze geben: „Wir rücken auch wegen eines einzelnen Baums aus,“ sagt sie.

Heinrich Höllerl

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