Käferexpress
Mit 50 km/h geht es zum Borkenkäfereinsatz
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Borkenkäferexpress

02. Oktober 2020

Umgebaute Traktoren mit Ernteköpfen waren ziemlich aus der Mode gekommen. Schließlich gibt es für die Holzernte Spezialmaschinen, die wesentlich leistungsfähiger sind. In Zeiten explodierender Kalamitätsflächen bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel werden multifunktionale Maschinenkombinationen mit hohen Umsetzgeschwindigkeiten wieder attraktiv.

Mit 50 km/h kommt Peter Schickert mit seinem grau-metallic-farbenen Borkenkäferexpress angebraust. Die entsprechende Zulassung gestaltete sich aufwändiger als er dachte und dauert auch ihre Zeit: „Der jährliche TÜV und die Bremsen-Sonderuntersuchung sind auch ein Kostenfaktor, aber lieber baue ich später zurück, wenn es sich nicht rentiert, als dass ich den Schlepper im Nachhinein für eine höhere Fahrgeschwindigkeit aufrüsten muss.“

Schnelligkeit ist Trumpf

Schnelle Umsetz- und Transportgeschwindigkeiten sind ein wesentlicher Punkt, der für eine Maschinenkombination spricht, wie wir sie heute vorstellen wollen. In Schickerts fränkischer Heimat gibt es sehr viele Privatwaldbesitzer mit kleinen Parzellen und glücklicherweise oft noch überschaubare Käfernester. Entsprechend sind die Aufträge dann eher klein; trotzdem ist es wichtig, mit der Aufarbeitung dran zu bleiben, damit die Lage sich nicht verschlimmert. Genau für solche Konstellationen ist ein Traktorharvester prädestiniert, der schnell am Ort des Geschehens ist und im zweiten Durchgang gleich das aufgearbeitete Holz mit dem Rückewagen aus dem Wald schaffen kann.

Fotos: H. Höllerl
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Peter ist 32 Jahre alt und arbeitet eigentlich bei einem Automobilzulieferer, der wie die gesamte Branche derzeit in der Krise steckt. Im Forst ist er ein Quereinsteiger und noch in der „Findungsphase“, wie er selber sagt. Dafür hat er aber schon ein paar mutige und weitreichende Entscheidungen getroffen: Zum Beispiel, dass er keinen gebrauchten Harvester gekauft hat, sondern einen nagelneuen Valtra T 174 EA mit dem ersten spitzengesteuerten Kran Kronos Gripto 1009 samt einem Nisula-500H-Harvesteraggregat. Letzteres wird über ein Schnellwechsel-System von Gierkink angeflanscht, um ohne großen Zeitverlust auf den Greifer wechseln zu können, wenn das geerntete Holz gleich rausgefahren werden soll.

Peter Schickert baut sich ein Standbein als Lohnunternehmer auf
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Forst-Valtra

In seiner finnischen Heimat bzw. in ganz Skandinavien versteht sich der Valtra ganz selbstverständlich auch als Forsttraktor. Demnach ist Valtra auch der einzige Großserien-Hersteller bei dem man die Fahrzeuge gleich ab Werk mit Forstausstattung bekommen kann. Im vorliegenden Fall war das die Sicherheitskabine mit Polycarbonat-Verglasung und dem Dachfenster Sky View sowie der Stahltank für den Dieselvorrat. Der ebenfalls erhältliche Unterbodenschutz passte nicht, weil der massive Hilfsrahmen von Jake für die Aufnahme des Krans sich bis zur Vorderachse unter den Schlepper zieht.

Hierzulande ist diese Marke im Wald nicht so verbreitet. Peter Schickert outet sich aber gerne als echter Valtra-Fan. Außerdem wohnt er gerade mal 18 km von der Firma Egelseer Traktoren in Fürth entfernt, die ihm sein Schmuckstück aufgebaut hat. Räumliche Nähe ist immer gut, wenn es mal was zu reparieren gibt. Egelseer ist Vertriebspartner von Kronos, deswegen lag es nahe einen Kran dieser Marke zu verwenden. Der Gripto 1009 ist mit seinem Hubmoment von 104 kNm das stärkste Gerät des Herstellers. Die Krankonsole von Jake bietet sogar einen veritablen Krantilt. Der große Kronos war der erste frei verfügbare Kran, der serienmäßig eine Spitzensteuerung besitzt. Diese Funktion, die bei John Deere beispielsweise viele Forwarder- und Harvesterfahrer nicht mehr missen wollen, erleichtert die Kranbedienung doch sehr, weil für eine bestimmte Bewegungsrichtung des Greifers oder Aggregats nicht mehr diverse Hydraulikfunktionen gleichzeitig angesteuert werden müssen.

Mit Köpfchen

Diese Koordination übernimmt jetzt auf Wunsch der Computer für den Bediener. Seit Kurzem hat Kronos das Sortiment der Gripto-Krane nach unten um die Modelle 608/609 mit 62 kNm sowie 708/709 mit 75 kNm Hubmoment erweitert. Für die 7er Typen ist die Kranspitzensteuerung ebenfalls verfügbar.

Fotos: H. Höllerl
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In Kombination mit dem Ernteaggregat war es für Peter Schickert nicht sinnvoll, die Langversion Gripto 1010 zu nehmen, der bei voller Auslage von 10 m wirklich nur noch die 630 kg des Harvesterkopfs Nisula 500 H heben kann. Der Gripto 1009 schafft bei seinen 8,5 m immerhin noch 780 kg. Trotzdem ist Schickert klar, dass er entfernt stehende Bäume mehr oder weniger nur abziehen kann. Zur Unterstützung des Schwenkmoments von 30 kNm hilft ihm nach eigener Aussage die Tiltfunktion des Krans ganz enorm. Im Zwischenbereich der Gassen wird im Zweifelsfalle vorgefällt, und er arbeitet die Bäume liegend auf. Dafür ist das Nisula 500H schon ziemlich gut geeignet, die Kombiversion 500C mit ihren verlängerten Greifarmen anstelle der mittleren Messer wäre zum Manipulieren sogar noch besser, wiegt aber auch wieder etwas mehr.

Arbeitsplatz

Wenn das Lenkrad der Rückfahreinrichtung ausgebaut ist, wird der Arbeitsplatz im Valtra noch geräumiger
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Valtra ist auch bekannt für eine sehr komfortable Rückfahreinrichtung. Egelseer ging bei diesem Projekt aber sogar noch ein Stückchen weiter und legte die Fahrfunktionen auf die Joysticks bzw. die Lenkung auf ein kleines Rädchen an der Armlehne. Damit erübrigt sich das Klapp-Lenkrad hinten in der Kabine und soll demnächst auch ausgebaut werden. So gewinnt der hochgewachsene Jungunternehmer noch zusätzliche Beinfreiheit für die Kranarbeit. Das große Dachfenster bietet einen guten Blick in die Baumkronen bei der Fällung. Dass man dabei immer genau die Kransäule vor der Nase hat, liegt in der Natur der Sache. Schickert stellt sich mit dem Traktor im Zweifel immer leicht schräg zu dem Baum, den er gerade umschneiden will. Natürlich steht der Valtra nicht ganz so ruhig wie ein „echter Harvester“. Die Vorderachse des Valtra verblockt sich natürlich sofort, wenn man mit dem Kran arbeitet, aber so ein kurzer und relativ leichter Traktor mit seinen großen Reifen schaukelt natürlich bei Bewegungen des Auslegers immer ein bisschen. Das ist eben der Preis für die hohe Flexibilität.

Apropos Flexibilität: Peter Schickert möchte natürlich mit seinem Traktor auch für landwirtschaftliche Dienstleistungen weiterhin gerüstet sein.

Flexibel bleiben

Deswegen hat er in seinem Schlepper zwei völlig getrennte Ölkreisläufe installiert. Der Forstkran und das Aggregat wird selbstverständlich mit biologisch abbaubarer Hydraulikflüssigkeit betrieben. Bei landwirtschaftlichen Anbaugeräten ist das noch immer nicht üblich. Deswegen bleibt das Öl im Schlepper selbst mineralisch. Die getrennten Systeme erfordern natürlich auch eine separate Kühlung für den Kran. Die Kronos-Antwort für diese Fragestellung sitzt ganz vorne am Fahrzeug, noch vor dem „Hirschgeweih“ das zur Ablage des Krans bei der Straßenfahrt dient. Diese Stelle erscheint uns vergleichsweise exponiert, weil man zum Beispiel schon beim Rückwärtsfahren in Arbeitsposition relativ leicht mit dem aufgebauten Kühler an einem Baum anecken kann. Vielleicht gäbe es da noch eine elegantere Lösung. Die geschwungene Ablage-Gabel für den Ausleger an der Fahrzeugfront mag zwar dem einen oder anderen optisch nicht so gefallen, aber praktisch ist sie allemal: Während bei ähnlichen Fahrzeugkombinationen oft das Aggregat hinter dem Fahrzeug verzurrt werden muss, legt Schickert es einfach nach vorne ab und saust los. Selbst für die Straßenfahrt ist bei dieser Konstruktion keine weitere Sicherung gefordert.

Der Zusatzkühler auf dem Vorbau ist etwas exponiert
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Ein fester Rahmen für die Hängerkupplung frisst Bodenfreiheit
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Für die Mitnahme schwerer Anhänger, unter anderem eines Mobilhackers wollte Peter Schickert eine besonders stabile Lösung haben. Deswegen hat er einen fest angebauten Kugelkopf geordert, mit einer zulässigen Stützlast von 4 t. Das erwies sich im Wald jedoch schnell als hinderlich weil deren Aufnahme mindestens 15 cm Bodenfreiheit klaut. Zwischenzeitlich hat er das Ding wieder ganz abgebaut und setzt jetzt auf ein Standard-Zugmaul. In Verbindung mit dem Jake-Rahmen kann er beim Ankuppeln jetzt auch ganz hervorragend auf die Deichsel blicken, was vorher ein echter Blindflug war.

Gefunden

So gab es bei Peter und seinem Valtra tatsächlich eine gewisse Findungsphase, in der noch die eine oder andere Veränderung vorgenommen wurde. Mittlerweile hat sich aber auch bei der Erntearbeit eine gewisse Routine eingestellt. Es zeichnet sich ab, dass es für die beiden reichlich Arbeit gibt, so dass aus dem Nebenerwerb durchaus auch eine Hauptbeschäftigung werden könnte.

 

Heinrich Höllerl