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Borkenkäfer im Anflug

Der an Waldbesitzer und Förster gerichtete Appell der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in diesem Frühjahr lautet: Widmen sie den Borkenkäfern größte Aufmerksamkeit! Es wird eine erneute Invasion erwartet.

Die Temperaturen steigen, die Tageslängen auch – starke Impulse für Buchdrucker und Kupferstecher, die ihre Winterquartiere verlassen haben. Laut aktueller Waldschutzinfo der Göttinger Versuchsanstalt (NW-FVA) steht in Fichtenbeständen erneut ein starker Stehendbefall durch die Borkenkäfer gleich zu Beginn der Saison bevor. Denn nach den vergangenen beiden Extremsommern leistete der milde Winter sein Übriges. Die überwinternden Borkenkäfer sind offenbar in keinem nennenswertem Ausmaß beeinträchtigt worden.

Noch können letzte vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden, danach heißt es wieder: dem Befall hinterherlaufen, Nester aufspüren und betroffene Bäume aufarbeiten.

Mit zu der hohen Gefährdungslage für Fichten und Lärchen tragen die immer noch knappen und teilweise unzureichenden Aufarbeitungs- und Abfuhrkapazitäten bei.

Das kann vorbeugend getan werden:

Gepoltertes Käferholz aus den Aufarbeitungen des Herbsts und Winters kann noch große Mengen vitale Borkenkäfer enthalten. Das ist teilweise auch nach Harvesteraufarbeitungen der Fall. Deshalb sollte stichprobenartig an liegendem Holz ermittelt werden, ob und in welchem Umfang sich noch Borkenkäfer unter der Rinde befinden.

Vorausflugbehandlung von Poltern:

Die Versuchsanstalt empfiehlt dringend eine Vorausflugbehandlung, falls Polter mit überwinternden Käferbruten nicht mehr rechtzeitg abgefahren oder an unkritischen Orten gelagert werden können.

Ziel: möglichst viele überwinterte Jungkäfer am Verlassen der Brutstätten und der Verursachung von Stehendbefall hindern; lokale Dichtesenkung

Zeitpunkt/Bedingungen: unverzüglich; stabile, trockene Witterung, trockenes Holz, um vollständiges Antrocknen des Spritzbelages nach der Behandlung zu garantieren; möglichst kein Frost in der Nacht nach der Spritzung. Bei zeitlichen Problemen zunächst die wärmeren Lagen behandeln, danach kühlere, beschattete.

Konzentration: Spritzung mit der Hälfte der zugelassenen Konzentration des jeweiligen Pflanzenschutzmittels (halbe Konzentration gilt nicht für im weiteren Verlauf des Jahres 2020 neu befallenes Holz!).

Aktuelle Windwürfe beseitigen:

Die Aufarbeitung der Sturmschäden der letzten Wochen (vor allem Einzel- und Nesterwürfe) sollte sich an der Prioritätenliste des Betriebes für eine Bekämpfungswürdigkeit orientieren, d.h. zuerst die Bestände aufarbeiten, an denen eine Bekämpfungslinie aufgebaut werden soll.

Sinnvoll ist es, wo immer möglich, Einzelwürfe vor Flächenwürfen aufzuarbeiten.

Die NW-FVA rät dringend dazu, bei der Aufarbeitung auch benachbarte stehende Fichten auf Befall zu prüfen und ggf. zeitnah zu beseitigen, bevor Mannschaft und Maschinen den Forstort verlassen haben.

Trotz aller Dringlichkeit sollte Augenmaß im Hinblick auf die Befahrbarkeit des Waldbodens gewahrt werden.

Fangeinrichtungen richtig aufbauen

Als Fangsysteme kommen Trinet P und Fangholzhaufen zum Einsatz. Dazu zusammengefasst die Empfehlungen der NW-FVA:

Grundsatz: Bruttaugliches Holz konkurriert mit den Lockstoffen in den Fangeinrichtungen um die Lockwirkung.

Vorbereitungen: Waldrandbereiche, in denen Fangeinrichtungen installiert werden sollen, müssen vollständig von bruttauglichem Holz (auch liegendes Holz und angeschobene Bäume aus den letzten Windwürfen) gesäubert sein.

Fangeinrichtungen sollten niemals einzeln sondern stets mindestens zu Dritt oder Viert entlang eines sonnenexponierten Waldrandes als Linie aufgebaut werden. Dabei sind die vorgeschriebenen Abstände zueinander und zum Waldrand einzuhalten; zwischen den in Reihe aufgestellten Trinets bzw. Fangholzhaufen betragen die Abstände im Minimum 20 m, höchstens aber 30 m.

Sicherheitsabstand eines Fangholzhaufens zur nächsten lebenden Fichte: Mindestens 6 bis 7 m, höchstens 9 m.

Sicherheitsabstand eines Trinet P – gerechnet vom Mittelpunkt des Dreibeins bis zum Stammfuß der Fichte: mindestens 9 m; höchstens 12 m.

Kontrolle: Bereits vor den letzten Sturmereignissen ausgewählte Standorte für Fangsysteme müssen noch einmal kritisch überprüft werden, inwieweit sie noch geeignet sind.

Zu prüfen ist auch, ob in Randlagen einzelne (mit PSM behandelte) Windwürfe in das Konzept der Fanglinie integriert werden können, um eine optimale Wirkung zu erzielen.

Fangsysteme jetzt „scharfstellen“!

Die Trinet-Fangsysteme werden durch Einsetzen der Pheromone, Fangholzhaufen durch die Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln aktiviert. Aufgrund der Wetterentwicklung sollte das jetzt geschehen.

Auch wenn die Fangeinrichtungen Wirkung zeigen, wird es voraussichtlich vielerorts zu umfangreichem Stehendbefall und der Anlage einer ersten Käfergeneration kommen.

Noch bedeutender als das Aufstellen von Fangeinrichtungen, ist die Organisation und Durchführung von Sanierungsmaßnahmen im Laufe des Frühjahrs. Diese gelten der auf die Überwinterer folgenden, ersten Käfergeneration.

Alle Kräfte in die Stehendbefall-Sanierung

Weil die Käferpopulationen (ähnlich wie Corona-Viren) exponentiell wachsen, könne damit die Zunahme der Schäden im Sommer und Herbst stark begrenzt und vielerorts sogar unterbunden werden, betonen die Waldschutzexperten der NW-FVA, und fordern dazu auf, hier alle verfügbaren Kräfte zu bündeln. Dazu müssen etwa ab April frische Befallsherde frühzeitig gefunden und aufgearbeitet werden; dadurch werden die Brutentwicklung gestört und die Jungkäfer der ersten Käfergeneration am Ausfliegen gehindert.

Umsicht bei Insektizidanwendungen

Aufgrund der Kalamitätslage sind, wie im Jahr zuvor, die Zulassungen der drei gegen Borkenkäfer einsetzbaren Pflanzenschutzmittel um ein Jahr verlängert worden, informiert die NW-FVA. Für diese Wirkstoffe laufen die Zulassungen anschließend aus. Zurzeit sei unklar, welche Hersteller sich weiter im Forstbereich engagieren und einen Antrag auf Wiederzulassung stellen werden. Die aktuell zugelassenen Insektizide gegen Borkenkäfer können Sie der Tabelle auf S. 55 entnehmen.

Das ist Pflicht:

Pflanzenschutzmittel dürfen grundsätzlich nur von Personen mit gültigem Sachkundenachweis angewendet werden. Beachten Sie bei allen PSM-Anwendungen die Anwendungsbestimmungen und Auflagen!

Wichtig: Keine Auffrischung von Trinet- Netzen!

Eine Wiederverwendung von Netzen der im letzten Jahr eingesetzten Trinet P-Systeme durch eine Nachbehandlung („Auffrischung“) mit Pflanzenschutzmitteln ist nicht möglich. Die NW-FVA hatte dazu zahlreiche Anfragen erhalten und weist jetzt ausdrücklich darauf hin, dass eine solche Behandlung weder zugelassen noch sinnvoll ist, da die Eigenschaften des professionell vorbehandelten Netzes nicht wiederhergestellt werden können:

Zur Erläuterung: Das im Trinet P verwendete Netz enthält den Wirkstoff alpha-Cypermethrin, der auch in Fastac Forst enthalten ist. Der Wirkstoff wird bei der Herstellung über ein aufwendiges Verfahren im Netz eingelagert. Der Wirkstoff ist damit sehr umweltstabil; er wird über einen langen Zeitraum in geringer, gleichmäßiger Rate abgegeben und eine Auswaschung durch Regen findet praktisch nicht statt. Da keine Spritzung vor Ort erfolgt, gibt es auch keine Abdrift. Alles zusammen führt zu der geringen Gewässerabstandsauflage von nur 10 m. Durch eine (nicht zulässige!) Nachbehandlung benutzter Netze würden diese Vorteile entfallen.

Gefahren einer Netznachbehandlung:

Dauer der Anhaftung des Spritzbelages und der Wirksamkeit unbekannt;

Gefahr von Abdrift und Auswaschung.

Ohnehin sollen nach dem Kenntnisstand der NW-FVA bis auf Weiteres ausreichend neue Netze lieferbar sein. Daher der eindringliche Aufruf der Waldschutz-Experten: Keine Nachbehandlung von Fangnetzen!

Schadenserfassung per App

Seit zwei Jahren gibt es für registrierte Nutzer des Waldschutz-Meldeportals der NW-FVA die Android-basierte App „Schadendsmeldungen mobile“. Aktuell zu dieser Käfersaison wurde auch eine gleichartige App für iOS-basierte Smartphones und Tablets entwickelt und findet überwiegend im Staatswald Anwendung. Die App dient vor allem der Aufnahme von Waldschäden mit Hilfe mobiler Geräte direkt vor Ort.

Speziell für den Privatwald hat im vergangenen Jahr die LWK Niedersachsen in Abstimmung mit der NW-FVA zusätzlich die App „Waldkat mobil“ zur Schadenserfassung entwickelt. Aktuell wurde die neue Version „1.1“ herausgebracht.

Die NW-FVA auf dem Laufenden halten:

Die Versuchsanstalt bittet um Hinweise aus der Praxis. Teilen Sie der Abteilung Waldschutz mit, wenn Sie den Ausflug von Buchdruckern wahrnehmen oder auch Beobachtungen zum Schwärmverhalten und dem ersten, frisch auftretenden Befall durch rindenbrütende Borkenkäfer machen.

Informationen und Ansprechpartner: www.nw-fva.de; Abteilung Waldschutz: Mail: Waldschutz@nw-fva.de; Tel. 0551-69401-0;

Infos zum Waldschutz-Meldeportal: www.nw-fva.de

Wetter und Wirkung

Deutschlandweit war der vergangene Winter der zweitwärmste seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen. In den meisten Regionen fiel allerdings auch überdurchschnittlich viel Regen, was in den oberen Bodenschichten zu einem guten Wasserangebot für die Pflanzen und auch in tieferen Bodenschichten zu einer Verbesserung der Bodenfeuchtesituation führte.

Die Vitalität und damit auch die Abwehrbereitschaft der Fichten dürfte somit deutlich besser als nach dem letzten Winter ausfallen.

In der ersten Märzhälfte herrschten teilweise Temperaturen, die zu erhöhter Aktivität überwinternder Rindenborkenkäfer unter der Rinde führten und bereits Schwärmflüge und ersten Befall durch holzbrütende Borkenkäfer (Gestreifter Nutzholzborkenkäfer, X. lineatus) sowie Bastkäferarten ermöglichten.

Rindenbrütende Borkenkäfer waren an Schwärmflügen nach unserem Kenntnisstand bisher nicht beteiligt, entsprechend wurde auch noch kein frischer Befall beobachtet.

Kälteeinbrüche in dieser und der vergangenen Woche mit nächtlichem Frost und längerfristige Prognosen (die allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet sind) lassen erwarten, dass es in der ersten Aprilhälfte voraussichtlich noch nicht zu stärkerem Schwärmflug von Buchdrucker und Kupferstecher kommen wird. NW-FVA

 

Heidrun Mitze

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