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Titelseite des elfseitigen Eckpunktepapiers des Bundeslandwirtschaftsministeriums

Dreizehn Maßnahmen für den Wald der Zukunft

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat am 25. September ein Diskussionspapier zur Bewältigung der aktuellen Waldschäden vorgelegt. Kernstück sind dreizehn Maßnahmen, mit denen sie den Waldbesitzern bei der Schadensbewältigung helfen und die Wälder an den Klimawandel anpassen will.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) stellt in seinem Diskussionspapier fest, dass die Stürme in den Jahren 2017 und 2018, die extreme Dürre und Hitzewellen in den Jahren 2018 und 2019 sowie die darauffolgende massenhafte Vermehrung von Borkenkäfern in den Wäldern Deutschlands schwere zugefügt haben. Für die Jahre 2018 und 2019 sei mit 105 Mio. Fm Kalamitätsholz zu rechnen. Auf rund 180.000 ha müssten die Wälder neu aufbaut werden.

Das BMEL schlägt dafür in seinen elfseitigen Diskussionspapier die folgenden 13 Maßnahmen vor:

1. Aktuelle Schäden begrenzen, Schadholz beseitigen und Verkehrssicherungspflicht beachten

Die akute Borkenkäferkalamität muss weiter aktiv eingedämmt werden. Geschädigte Bäume, die zu einer weiteren rasanten Ausbreitung der Borkenkäfer in Fichtenbeständen beitragen, sollten möglichst zügig aus den Wäldern geräumt und verarbeitet werden. Dabei sind die Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes zu beachten.

Insbesondere Klein-Privatwaldbesitzer sollten bei der Räumung von gefährdendem Schadholz unterstützt werden. Bei bereits abgestorbenen Bäumen sollte, je nach Flächenausmaß, abgewogen werden, ob ein sofortiges Räumen notwendig und sinnvoll ist.

Abgestorbene Bäume können auch zu einem späteren Zeitpunkt, z. B. im Zuge der folgenden waldbaulichen Maßnahmen, gefällt oder ggf. als Totholz im Wald zur Verbesserung der Biodiversität stehen gelassen werden.

Gefahrenpotentiale durch geschädigte Bäume entlang von Straßen und Wegen und sonstiger Infrastruktur müssen schnellstmöglich gemindert werden. Insbesondere Klein-Privatwaldbesitzer sollten in ihrer Verkehrssicherungspflicht unterstützt werden. Bei der Beseitigung von Schadholz ist dem Aspekt Arbeitssicherheit eine hohe Priorität beizumessen.

2. Holztransport und -lagerung regional abstimmen und ausbauen

Die zeitlich befristete Erhöhung der zulässigen Gesamtgewichte für Holz-Lkw von 40 auf 44 t sollten verlängert werden. Eine weitere Aussetzung der Kontrolle und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten im Bereich des Kabotageverbots sind zu prüfen, wenn klar ist, wie sich die Schäden weiter entwickeln werden. Standorte für Lagerplätze, sowohl für Trockenlagerung als auch Nasslager, sollten regional abgestimmt geplant und weiter ausgebaut werden. Genehmigungsverfahren für Nasslager sollten beschleunigt und vereinfacht werden.

3. Geschädigte Flächen wiederbewalden und die Wälder insgesamt stärker an den Klimawandel anpassen

Die Wiederbewaldung der 180.000 ha Schadflächen ist vordringlich. Vom Klimawandel ist jedoch der gesamte deutsche Wald mit rund 11,4 Mio. ha Wald betroffen. Neben der vordringlichen Wiederbewaldung gilt es daher, den Wald insgesamt verstärkt an den Klimawandel anzupassen.

Bei der zeitnahen Wiederbewaldung der geschädigten oder zerstörten Waldflächen sowie der Verjüngung der Wälder insgesamt sollten Naturverjüngungspotentiale und natürliche Sukzession, aber auch hochwertiges Saat- und Pflanzgut, genutzt werden, um klimaresiliente, leistungsfähige Mischwälder zu entwickeln.

Waldbauliche Pflegemaßnahmen in allen Altersstufen sollten zur Förderung von stabilen, klimaresilienten Wäldern gefördert werden.

Insbesondere die Potentiale von heimischen Baumarten, einschließlich besonders resistenter Herkünfte, sollten genutzt werden. Bewährte, nicht-heimische Baumarten sollten ggf. im möglichen Spektrum berücksichtigt werden.

Natürliche Boden- und Humusentwicklungen in Wäldern sollten weiter gefördert werden.

Laubbaumarten, die eine gesunde Boden- und Humusentwicklung im Wald fördern, sollten insbesondere in Nadelwäldern verstärkt beigemischt werden. Alle Maßnahmen, die den Wasserhaushalt im Wald erhalten oder stärken, sind vorteilhaft. Natürliche Nassstandorte sollten mit Blick auf die Erhaltung und Förderung des natürlichen Wasserhaushaltes weiter erhalten und dort, wo möglich, wiederhergestellt werden.

4. Schalenwilddichten anpassen

Wo zu hohe Schalenwilddichten eine naturnahe Waldbewirtschaftung sowie insbesondere die angestrebte Wiederbewaldung oder die verstärkte Anpassung der Wälder durch Waldumbau gefährden, besteht Handlungsbedarf.

Hierfür soll der bestehende gesetzliche Rahmen im Bundesjagdgesetz dahingehend konkretisiert werden, dass einerseits der angemessene Ausgleich zwischen Wald und Wild im Auge behalten wird, andererseits gewährleistet wird, dass die waldbaulichen Maßnahmen, die zum notwendigen Waldumbau ergriffen werden, ihren Zweck nicht verfehlen.

Ein der naturnahen Waldbewirtschaftung möglichst angepasster Wildbestand liegt in der gemeinsamen Verantwortung von Waldbesitzern und Jagdausübungsberechtigten. Diese Verantwortung gilt es zu stärken. Vor diesem Hintergrund sollten z. B. erforderliche jagdliche Vorsorgemaßnahmen (wie der Bau von jagdlichen Einrichtungen bei Flächen zur Wiederbewaldung) unterstützt werden, ebenso wie ein notwendiges Maß an Schutzmaßnahmen für die Jungpflanzen der Hauptbaumarten.

5. Wegenetze, allg. Infrastruktur zum Schutz der Wälder sowie Löschteiche instandhalten

Die Instandhaltung vorhandener Wegenetze sowie Holzlagerplätze und sonstige für die Bewirtschaftung notwendige Infrastruktur sollte weiter gefördert werden. In Regionen mit erhöhtem Waldbrand-Risiko sollten zudem vorhandene Löschteiche instandgehalten, ggf. ausgebaut oder neu angelegt werden.

Im Bereich der Waldbrandbekämpfung sollten Schnittstellen der Zusammenarbeit des Katastrophenschutzes zwischen Forstleuten, Feuerwehr und ggf. Einrichtungen wie dem Technischen Hilfswerk aktualisiert und ggf. stärker ausgebaut werden. In munitionsbelasteten Gebieten sollten geräumte Schneisen angelegt werden, in naturschutzrechtlich geschützten Gebieten in Abstimmung mit den zuständigen Naturschutzbehörden.

6. Klein-Privatwald unterstützen

Der größte Anteil der privaten Waldbesitzer in Deutschland sind die sogenannte Klein-Privatwaldbesitzer mit einer durchschnittlichen Waldfläche von ca. 2,5 ha. In einigen Bundesländern sind die Betreuungs- und Beratungsmöglichkeiten durch die staatlichen Forstverwaltungen aufgrund der laufenden kartellrechtlichen Verfahren zurückgegangen. Deshalb sind Maßnahmen zur Strukturverbesserung im kleinteiligen Waldbesitz weiterhin notwendig.

Die Beratung der Waldbesitzenden sowie die Einrichtung von Waldbesitzervereinigungen und deren Professionalisierung sollten verstärkt gefördert werden.

Darüber hinaus sollte der Kleinprivatwald für waldbauliche Maßnahmen zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel intensiver gefördert werden.

Die Möglichkeiten von Ausbildungen und Fortbildungen für den Klein-Privatwald sind mit Blick auf den angestrebten, langfristigen weiteren Waldumbau und eine an den Klimawandel angepasste, nachhaltige Waldbewirtschaftung essentiell und sollten verstärkt unterstützt werden.

7. Qualifiziertes Fachpersonal und Arbeitsplätze sichern

Eine zukunftsfähige Forst- und Holzwirtschaft braucht qualifizierte Fachkräfte. Die meisten Forstbetriebe in Deutschland haben in den letzten Jahrzehnten einen massiven Personalabbau erfahren.

Um Krisen wie die jetzige künftig besser meistern zu können und weiterhin eine nachhaltige, multifunktionale Waldbewirtschaftung trotz Klimawandels sicherzustellen, bedarf es in den nächsten Jahren einer angemessenen Aufstockung des forstlichen Fachpersonals und zwar sowohl in den öffentlichen und privaten Betrieben als auch in den zuständigen Verwaltungen.

Die Ausbildungen und Studiengänge zu Forstwirtschaft und -wissenschaft sowie Holzbau und -technik sollten weiter ausgebaut und stärker an den Bedürfnissen der Praxis ausgerichtet werden. Ausbildungen zu Forstwirten und Berufe im Bereich der Forsttechnik sollten für junge Leute attraktiver gestaltet werden.

8. Forschung zu Wald und Klima weiter ausbauen

Der Klimawandel verlangt mit Blick auf den Wald eine Intensivierung der praxisbezogenen Forschung und des verstärkten Wissenstransfers in die Praxis. So sollten Forschungen zu geeigneten, klimaresilienten Baumarten und Herkünften intensiviert werden. Dies beinhaltet auch eine verstärkte Forschung zu waldbaulichen und waldökologischen Fragestellungen.

Leistungsfähige dezentrale Forschungscluster sollten gestärkt werden, da sie die unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten und Bedürfnisse der Praxis gut wiederspiegeln. Bei den bedeutenden überregionalen Fragestellungen sollten die Forschungseinrichtungen künftig noch stärker kooperieren.

9. Monitoring zu Waldschäden ausbauen

Zusätzlich zu den bestehenden Monitoringsystemen, wie der Bundeswaldinventur, dem Waldschadens-Monitoring und der Bodenzustandserhebung, sollten systematische Erfassungen zu den Waldschäden mit Hilfe neuer Technologien, wie Fernerkundung, erweitert werden.

Zudem sollte das Waldschutzmeldewesen der Länder harmonisiert und der Informationsfluss über akute Waldschäden zwischen Bund und Ländern verbessert werden. Daher ist der Aufbau eines nationalen Waldschutzmonitorings vorgesehen.

10. Das Forstschäden-Ausgleichsgesetz überprüfen und anpassen

Das BMEL wird das Forstschäden-Ausgleichsgesetz überprüfen und ggf. anpassen. So sind z. B. Regelungen ins Auge zu fassen, wann ein Krisenfall im Wald vorliegt und welche Schlussfolgerungen, verkehrs- oder steuerrechtlicher Art, dadurch ausgelöst werden könnten.

11. Die klimafreundliche Verwendung von Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stärken

Holz und Holzprodukte aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung leisten einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz und zur Schonung endlicher Ressourcen.

Das BMEL setzt mit seiner „Ressourcenpolitik Holz“ auf Nachhaltigkeit, Effizienz, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und den Schutz der Verbraucher. Als Initiator und Koordinator der „Charta für Holz 2.0“ unterstützt das BMEL die verstärkte Verwendung von Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft.

Bestehende Programme und Maßnahmen zur Förderung der Verwendung von Holz und Holzprodukten, insbesondere in den Bereichen Bauen, Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz, sowie der verstärkten Verwendung von Laubholz im stofflichen Bereich sollten weiter ausgebaut und unterstützt werden.

12. Europäische und internationale Zusammenarbeiten im Bereich der nachhaltigen Forstwirtschaft stärken

Deutschland steht mit der Krisensituation im Wald nicht alleine da. Massive Waldschäden in Folge des Klimawandels sind aktuell auch in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Zentral-Europa, zu verzeichnen.

Das BMEL steht mit den europäischen Partnern, auch über die EU hinaus, in engem Kontakt, um sich zur aktuellen Situation auszutauschen und gemeinsame Lösungsansätze zu entwickeln. Dies betrifft insbesondere die Möglichkeiten zur finanziellen Unterstützung im Rahmen bestehender EU-Instrumente, wie der Gemeinsamen Agrarpolitik, sowie verbesserte grenzüberschreitende Beratung.

13. Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Wald stärken

Die Ansprüche der Gesellschaft an den Wald steigen. Die daraus resultierenden Zielkonflikte im Kontext einer naturnahen, nachhaltigen und multifunktionalen Waldbewirtschaftung erfordern eine Stärkung der Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung. Dies bedarf kurzfristig einer klaren Versachlichung und Faktenzusammenstellung zum Zustand der Wälder und der erforderlichen Maßnahmen.

Langfristig gilt es, das Verständnis der Gesellschaft für die Bedeutung der Wälder sowie deren nachhaltige, multifunktionale Bewirtschaftung und der Rolle der Holzverwendung als wesentlichem Beitrag zum Klimaschutz und der Schonung endlicher Ressourcen zu stärken.

Um die Öffentlichkeitsarbeit in den Bereichen Wald und Holz zu forcieren, hat BMEL im Jahr 2019 an der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) das Kompetenz- und Informationszentrum Wald und Holz eingerichtet.

BMEL/Red.

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