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Die Verbreitung von gefährdeten Holz bewohnenden Käfern in Schleswig-Holstein unter dem Einfluss von Forstgeschichte und Besitzstruktur

Quelle: Forstarchiv 85; 3, 84-101 (2014)
Autor(en): MÖLDER A, GÜRLICH S, ENGEL F

Kurzfassung: Die heutige Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten in der Kulturlandschaft steht vielfach in einem direkten Zusammenhang mit der Nutzungsgeschichte. Dabei sind vor allem ausbreitungsschwache xylobionte Käfer auf eine ungebrochene Altbaumund Totholzkontinuität angewiesen. In dieser Studie wird für das waldarme Schleswig-Holstein hinsichtlich einer Auswahl gefährdeter Holz bewohnender Käfer untersucht, ob es Zusammenhänge zwischen deren aktuellen Verbreitungsmustern und forstgeschichtlichen Entwicklungen gibt. Dabei ist es sinnvoll, das Vorkommen von xylobionten Käfern im schleswigholsteinischen Landeswald mit dem Vorkommen im Privat- und Körperschaftswald zu vergleichen, da diese Besitzabgrenzung seit ca. 200 Jahren relativ unverändert Bestand hat. Es muss davon ausgegangen werden, dass es um das Jahr 1800 einen historischen Flaschenhalseffekt im Hinblick auf die Habitat- und die Strukturkontinuität und damit auch bezüglich der Verbreitung von heute gefährdeten xylobionten Käfern gab. So waren Altbaum- und Totholzstrukturen im frühen 19. Jahrhundert vor allem in extensiv bewirtschafteten Gutswäldern zu finden. Demgegenüber wurde in den landesherrlichen Waldungen eine zunehmend ertragsorientierte Forstwirtschaft betrieben, die besonders die Zahl der Alteichen reduzierte. Zudem war außerhalb des heutigen Landeswaldes eine größere historische Konnektivität der Waldflächen gegeben. Im heutigen Landeswald hingegen machte eine starke Verinselung von Waldflächen die Populationen von xylobionten Käfern verletzlich. Deshalb erweisen sich Wälder außerhalb des Landeswaldes heutzutage als reicher an anspruchsvollen und gefährdeten xylobionten Käferarten. Diese kommen vor allem dort vor, wo Altbaum- und Totholzstrukturen die drastischen Veränderungen in der Kulturlandschaft überdauert haben, die sich nach 1800 ereigneten. Eine Vielzahl von anspruchsvollen und gefährdeten xylobionten Käfern überlebte zudem in Altbaumstrukturen im Bereich von landwirtschaftlichen Flächen und Siedlungen. Im Zuge einer geplanten Ausweitung von Naturwaldflächen in Schleswig-Holstein müssen vor allem solche Flächen identifiziert und geschützt werden, die Reliktvorkommen von anspruchsvollen xylobionten Käfern und einen besonders hohen Artenreichtum aufweisen (sog. „Hotspots“). Um Hotspots im Privatwald dauerhaft zu schützen, zu entwickeln und zu vernetzen, sollte das Instrument des Vertragsnaturschutzes genutzt und weiter ausgebaut werden. Darüber hinaus sind auch Managementkonzepte vor allem für solche xylobionten Arten notwendig, die auf Alteichen angewiesen sind. Habitatbäume der Zukunft müssen schon heute gefördert werden. Dies sollte im direkten Umfeld von bekannten Käfervorkommen geschehen, die dann als „Spenderflächen“ fungieren können.


The distribution of endangered saproxylic beetles in Schleswig-Holstein (northern Germany) as influenced by forest history and land tenure

Abstract: The present distribution of plant and animal species in the cultural landscape is often related to land-use history. This is particularly true for saproxylic beetles with low dispersal abilities which are depending on a continuous tradition of overmature trees and dead wood. In this study, we analyse the distribution patterns of endangered saproxylic beetles in the Federal State of Schleswig-Holstein (northern Germany) and search for dependencies on forest history. In doing so, we compare the occurrences of saproxylic beetles in the Schleswig-Holstein state forests with those in private and corporation forests since this land tenure has been nearly stable for about 200 years. We conclude that a historical bottleneck effect took place around 1800 not only with regard to habitat and dead wood continuity, but also in terms of the related saproxylic beetles. In the early 19th century, overmature trees and decaying wood occurred particularly in extensively managed manor woodlands. In contrast, forest management in the state-owned woodlands was much more intensive and the number of habitat trees was reduced considerably. Furthermore, the private and corporation woodlands feature a greater historical connectivity than the state-owned woodlands, where populations of saproxylic beetles were more vulnerable due to habitat fragmentation. For these reasons, the present private and corporation woodlands harbour a greater diversity of endangered and very demanding saproxylic beetles than the state-owned woodlands. Endangered saproxylic beetles mostly occur where suitable habitat structures outlasted the dramatic changes of the cultural landscape around 1800. These refugia comprise not only woodlands, but also scattered veteran trees in agricultural areas and old trees after settlements and parks. In Schleswig-Holstein, there are plans to establish more forest reserves for nature conservation reasons. We recommend identifying and protecting those “hotspot” sites that feature a high diversity or relic occurrences of rare saproxylic beetles. In order to protect, to develop and to link hotspots, which are in private forests, we advise long-term arrangements (contractual nature conservation) with the forest owners. Additionally, special management concepts are essential to preserve those saproxylic beetles depending on old oak trees. Future habitat trees have to be supported in the surroundings of established beetle habitats, which can serve as contributing habitats.

© DLV München

 

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