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Professor Dr. habil. Dr. h.c. Harald Thomasius

Professor Harald Thomasius verstorben

Die Forstwissenschaft trauert um einen ihrer herausragenden Vertreter.
Zum Tod von Professor Dr. habil. Dr. h.c. Harald Thomasius

Nur wenige Monate nach seinem 88. Geburtstag verstarb am 24. November 2017  mit Harald Thomasius einer der herausragenden Forstwissenschaftler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Als Inhaber des Lehrstuhls für Waldbau an der seit mehr als 200 Jahren bestehenden ältesten forstakademischen Lehrstätte Deutschlands, der heutigen Fachrichtung Forstwissenschaften der Technischen Universität Dresden in Tharandt, hat er in mehr als 26jähriger Tätigkeit als Hochschullehrer eine ganze Generation von Forstleuten geprägt. Sein Werdegang spiegelt in beeindruckender Weise wider, wozu ein Mensch fähig ist, bei dem herausragende  Begabung, großer Fleiß und Zielstrebigkeit und bis zu einem gewissen Maße sicher auch Glück zusammentreffen. Harald Thomasius hat immer wieder seine große Dankbarkeit dafür ausgedrückt, dass er – vor allem in den unmittelbaren Nachkriegsjahren – in einem gesellschaftlichen Umfeld arbeiten konnte, das den Menschen nach seinen Fähigkeiten und Leistungen und nicht danach beurteilt, wie vermögend seine Eltern waren und welchen elitären Bildungsgang er durchlaufen hat.

Kindheit, Lehr- und erste Berufsjahre

Geboren am 5. August 1929 im westsächsischen Bräunsdorf bei Limbach-Oberfrohna ist er in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Hier besuchte er von 1936 bis 1944 die Volksschule. An eine höhere Bildung war angesichts des bescheidenen elterlichen Einkommens, der räumlichen Entfernung des Gymnasiums und des Krieges nicht zu denken.

Vom Kriegseinsatz in letzter Minute durch einen glücklichen Zufall verschont, begann der für die Natur und Geschichte seiner Heimat in ausgeprägter Weise interessierte Junge  im April 1944 mit der Waldarbeiterlehre im Fürstlich-Schönburgischen Forstamt Oberwald bei Hohenstein-Ernstthal. Nach  kriegsbedingter Unterbrechung beendete er sie im November 1946  im Forstamt Glauchau mit sehr gutem Erfolg. Aufgrund der gezeigten Leistungen wurde er von der Sächsischen Landesforstverwaltung als Forstlehrling bestätigt und zum Januar 1947 dem Forstamt Glauchau als Anwärter für den gehobenen Forstdienst zugewiesen.

Im Rückblick auf diese Jahre schreibt er: „Das Verhältnis der Belegschaft des Forstreviers Oberwald zu den Angehörigen des Fürstenhauses gründete sich auf Respekt und Achtung vor deren Bildungsniveau und jahrhundertelanger  ‚landesherrlicher’  Erfahrung. Zwischen den fürstlichen Beamten, Angestellten und Arbeitern bestanden gute zwischenmenschliche Beziehungen. Sie waren  durch gegenseitige Achtung, Hilfsbereitschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl gekennzeichnet. Das zeigte sich besonders in den Tagen der Besatzung, der Enteignung des Fürstenhauses und des Neubeginns nach 1945.“

Fachschulzeit und Arbeit als Revierförster und Standortserkunder

Aufgrund seiner bisher gezeigten Leistungen wurde er nach einem strengen Auswahlverfahren, dem sich 300 Bewerber unterzogen hatten, im Februar 1948 als einer von 50 zum Studium an die Forstfachschule Tharandt delegiert. Als herausragenden Lehrer hat er Zeit seines Lebens auf Professor Anton Heger verwiesen, der nahezu alle forstlichen Fächer vertrat und die Absolventen für den Forstberuf zu begeistern und auf ihren Einsatz in der Praxis vorzubereiten wusste.

Der Abschlussprüfung im Juli 1949 als „Förster“ vor einer aus namhaften Wissenschaftlern und Praktikern bestehenden Kommission folgte auf Weisung der Landesforstverwaltung Sachsen im September 1949 der Einsatz als „Förster in Vorbereitung“ im Revier Horstsee im Sächsischen Forstamt Wermsdorf. Für die Aufforstung von Großkahlflächen nach Borkenkäferfraß, die Umwandlung von Fichtenbeständen auf Pseudogleyböden und Wegebaumaßnahmen unterstanden ihm 60 bis 80 Waldarbeiter. Seine Vorgesetzten erkannten das außergewöhnlich tiefgründige Wissen  des jungen Mannes und beauftragten ihn mit der Abhaltung von Lehr-  und Weiterbildungsveranstaltungen für Forstfacharbeiter und Revierförster.

Nachhaltigen Einfluss auf seinen fachlichen Reifeprozess hatten die vor allem auf H. KRUTZSCH zurückgehende Vorratspflege und die in erster Linie vom späteren Prof. Dr. E. EHWALD in Jena initiierte und ab 1949 durch die oberste Forstbehörde flächendeckend angewiesene Standortskartierung.  Folgerichtig erwirkte er die Teilnahme am 2. Lehrgang für forstliche Standorterkundung in Jena und Eberswalde, die er später als Höhepunkt in seiner beruflichen Weiterbildung erkannte.  Das nun erreichte gewachsene Verständnis vom forstlichen Standort, vom Wald als Ökosystem und von der Landschaft als Mosaik von Ökosystemtypen befähigte ihn, ab Mai 1951 die Standortskartierung für das gesamte Kreisforstamt Oschatz in Wermsdorf und in den folgenden dreieinhalb Jahren in  weiteren Wäldern Nordwestsachsens durchzuführen.

Hochschulstudium, Assistententätigkeit, Promotion, Expertisen in Vietnam

Durch seine gestaltende Mitwirkung an Exkursionen für Hochschulstudenten aus Eberswalde und Tharandt  wurden die verantwortlichen Hochschullehrer (Ehwald, Erteld, Scamoni, Wagenknecht, Blanckmeister, Sachse, Schretzenmayr, Stenzel) auf ihn aufmerksam. Sie ermunterten ihn, ein Hochschulstudium aufzunehmen. Nach einer  wegen fehlendem Abitur erforderlichen Sonderreifeprüfung, die er an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) der TH Dresden ablegte, erfolgte schließlich zum Herbstsemester 1954  die Zulassung zum  Hochschulstudium, das er nach neun Semestern mit einer Diplomarbeit abschloss, in der er sich, seiner Befähigung zur mathematisch fundierten Prozessmodellierung folgend, mit der vom schwedischen Entwicklungsphysiologen Backman formulierten Wachstumsfunktion bei Waldbäumen kritisch auseinandersetzte.

In logischer Fortsetzung seines bisherigen beruflichen Werdegangs nahm er ab Februar 1959 eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Assistent am Tharandter Institut für Bodenkunde und Standortslehre  unter Prof. Dr. FIEDLER auf. Hauptarbeitsgebiete waren – ganz im Einklang mit seinem stets streng logischen Herangehen an die Lösung wissenschaftlicher Fragestellungen – methodische Fragen der Anlage und Auswertung von Düngungs- und Meliorationsversuchen, daneben Abhaltung von Übungen, Praktika und Exkursionen. Unter Leitung der Professoren J. BLANCKMEISTER und H.- J. FIEDLER fertigte er die mit dem Prädikat „summa cum laude“ bewertete Dissertation „Methodische Untersuchungen über die Möglichkeiten der quantitativen Standortsbeurteilung mit Hilfe von Wachstumsfunktionen“.

Seine fundierten standortskundlichen Kenntnisse waren ausschlaggebend für einen ihn ehrenden Einsatz als Fachexperte für Forstwirtschaft in der Demokratischen Republik Vietnam von Oktober 1962 bis Mai 1963. Nicht zuletzt dieser Einsatz befähigte ihn zu tropenforstwirtschaftlichen Lehrveranstaltungen in Tharandt.

Berufung zum Hochschullehrer sowie waldbauliche Lehre und Forschung

Die bisherige beeindruckende forstpraktische und wissenschaftliche Entwicklung  war ausschlaggebend für die Berufung zum Dozenten für das Fachgebiet „Grundlagen des Waldbaus“ zum 1. September 1966 an der Fakultät für Forstwirtschaft der TU Dresden in Tharandt. Im Jahr 1967 folgte die Habilitation zum Thema „Beitrag zur Theorie und Geschichte des forstlichen Versuchswesens“, 1968 die Berufung zum Professor mit vollem Lehrauftrag und 1969 zum Ordentlichen Professor. Auch wenn Harald Thomasius nicht „aus dem Waldbau kam“ hat er sich der Berufung zum Professor für Waldbau mehr als würdig erwiesen.

Lehre
Von Beginn an bemühte er sich ganz im Sinne  des LEIBNIZ`schen Leitmotivs Theoria cum praxi um ein neues Konzept für seine Lehrveranstaltungen. Für die Weiterentwicklung des Waldbaus als Wissenschaft war dies essentiell, weil die meisten Vertreter des Waldbaus Praktiker und nur selten Theoretiker waren. Ganze Gebiete des  waldbaulichen Lehrgebäudes waren empirisch geprägt und nur wenig theoretisch durchdrungen.
Nachdem er sich klar geworden war zum Gegenstand und zu den Aufgaben des Waldbaus, zur Abgrenzung von seinen Nachbardisziplinen sowie zur Logik des Lehrgebäudes, zur Frage, welche Forderungen die Gesellschaft an den Waldbau stellt und welchem Wandel er deshalb in Raum und Zeit unterliegt, hat Harald Thomasius das Lehrgebäude des Waldbaus an der TU Dresden völlig neu konzipiert.
Ihm war klar, dass diese formalen Denkprozesse vielschichtig sind und wohl immer unvollendet bleiben werden, weil der Waldbau wegen Wandlungsfähigkeit der Natur und Veränderung der gesellschaftlichen Bedürfnisse stets Entwicklungsprozessen unterliegt und permanent erkenntnistheoretische Betrachtungen erfordert.

Harald Thomasius war es wichtig, seinen Schülern zu vermitteln, dass Ökologie zwar die Grundlage, die Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse aber die Aufgabe des Waldbaus ist. Erst beide zusammen ergeben ein praktikables Ganzes.

Diesem Ziel verpflichtet, bemühte er sich in seinen Lehrveranstaltungen immer um Einbeziehung neuester Erkenntnisse einschlägiger Nachbardisziplinen, um  Erhöhung des Anteils kausal fundierter und quantifizierter Abschnitte im Lehrgebäude sowie Förderung des systemtheoretischen Denkens, um Verbesserung der praktischen Fertigkeiten durch Einführung belegpflichtiger Übungen sowie um Anhebung des Exkursionsniveaus vom bloßen meist unverbindlichen Besichtigen zum unverzichtbaren Bestandteil der Ausbildung.

Bald nach seiner Berufung ergriff er die Initiative zum Aufbau einer forstökologischen, in die Lehre einbezogenen Versuchsstation, in der vor allem Fragen zur Forstpflanzenanzucht im Mittelpunkt der Arbeiten standen.

Forschung und Verbindung mit der Praxis
Auch seine eigenen und die angeleiteten und betreuten Forschungen die u. a. zu 130 Diplomarbeiten und 32 erfolgreich abgeschlossenen Dissertationen führten, zeugen von gedanklicher Klarheit, von Weitblick und  hohem Verantwortungsbewusstsein für innerwissenschaftliche Weiterentwicklung und gesellschaftliche Bedürfnisse. Im Wesentlichen waren dies zwei Hauptlinien:
Zum einen: Waldbauliche Forschungen im engeren Sinne  mit den Schwerpunkten Baumartenwahl einschließlich Exotenanbau, Verjüngungsproblematik sowie Wuchsraum und Bestandesdichte,
zum anderen: Waldbauliche Mitwirkung an überregionalen Forschungsaufgaben mit den Schwerpunkten Rationalisierung, Immissionsschäden sowie Klimawandel.

Einer besonderen Würdigung bedarf seine außergewöhnlich enge Verbindung zur Praxis.
Von unmittelbarem praktischem Wert war die von ihm initiierte und geleitete Erarbeitung einer Übersicht zum Flächenumfang und zu den Leistungen fremdländischer Baumarten im Hügelland und Mittelgebirge der DDR Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre.

Als im November 1972 und im April 1973 orkanartige Stürme zu 7,3 Mio. Festmeter Schadholz in den Wäldern der DDR geführt hatten,  verlegte er kurz entschlossen den Arbeitsplatz für sich und seine Mitarbeiter für Wochen vom Schreibtisch in die vom Sturm schwer geschädigten Wälder. Ergebnis dieser unmittelbaren „wissenschaftlichen“ Aufarbeitung des Schadgeschehens waren fundierte Empfehlungen zur weiteren Bewirtschaftung und Stabilisierung der geschädigten Fichtenforste in den Mittelgebirgswäldern der DDR.

Auf  Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre gehen, stimuliert durch Rationalisierungsforderungen übergeordneter Stellen, in enger Zusammenarbeit mit der Praxis ablaufende, grundsätzliche Arbeiten zu Möglichkeiten und Grenzen des Anbaus, der Bewirtschaftung und Leistung plantagenartiger Waldbestände zurück.

Zwischen 1975 und 1985 übernahm er unmittelbar Verantwortung für die Bewirtschaftung der Wälder.  Zusammen mit ausgewiesenen Praktikern war er maßgeblich beteiligt an der Ausarbeitung der „Grundsätze zur Bewirtschaftung des Waldfonds der DDR“, hier besonders an der Arbeitsrichtlinie „Rationelle Pflege von Jungwüchsen und Jungbeständen“ sowie der „Verfügung über die Grundsätze für die Bewirtschaftung der Wälder der DDR“.

Eine gelungene Verbindung ökologischer und ökonomischer Gesichtspunkte gelang ihm mit seinen Arbeiten zur Rekonstruktionsnotwendigkeit minderproduzierender Waldbestände.

Dem waldbaulichen Umdenken, hin zu stärkerer Naturnähe, gelten seine „Empfehlungen für einen ökologisch orientierten Waldbau in den neuen Bundesländern“ aus dem Jahr 1990.

Auslandsbeziehungen und Zusammenarbeit mit der BRD

Beeindruckend sind seine Auslandsaktivitäten. Dies umso mehr, als die Reisemöglichkeiten in der DDR äußerst eingeschränkt waren. Da die Regierung der DDR stets um die Reputation ihres Staates im Ausland bemüht war und alle Gelegenheiten nutzte, die dazu beitragen konnten, waren Reisen eines fachlich herausragenden Professors der TU Dresden, der auf Tagungen und in Publikationen überzeugte, der anerkannte wissenschaftliche Veröffentlichungen schrieb, der in internationalen Gremien mitwirkte, eine logische Folge. Dem erwähnten Experteneinsatz in Vietnam 1962/1963 folgten zwischen 1975 und 2002 weitere drei, im Wesentlichen auf Vortrags- und Lehrtätigkeit ausgerichtete Aufenthalte in diesem Land, dem er sich in besonderem Maße verbunden fühlte. Weitere Tropentätigkeiten führten ihn 1973 und 1974 nach Kuba, 1980 und 1984 in den Sudan sowie 1983 und 1986 nach Mexiko.

Fruchtbare Kontakte und persönliche Beziehungen bestanden zu namhaften Waldbauern wie Prof. H. Meyer in Wien und Prof. H. Schmidt-Vogt in Freiburg. Diese wurden dann über die IUFRO weiter geführt. Als Vortragender nahm er an den IUFRO-Kongressen in Kyoto 1982, Lubljana 1986 und Montreal 1990  teil und  übernahm auch offizielle Funktionen in der IUFRO.

Besonders eng waren die Kontakte zu Kollegen und Institutionen in den meisten Ostblockstaaten, besonders zur CSSR, zu Ungarn (wo ihm 1983 die Ehrendoktorwürde der Westungarischen Universität Sopron verliehen wurde), zu Polen und zur UdSSR.

Sehr oft war er, zusammen mit seiner Familie, ein herzlicher Gastgeber für Gäste der Hochschule aus aller Welt, denen er an Wochenenden auch die Schönheiten seiner Heimat zeigte.

Mitte der achtziger Jahre war er einbezogen in offizielle Kontakte mit den meisten forstwirtschaftlichen Lehr- und Forschungsstätten der BRD. Er war Mitwirkender bei den zwischen E. HONECKER und F. J. STRAUß vereinbarten Begegnungen von Forstwissenschaftlern beider deutscher Staaten sowie an  Verhandlungen der Umweltorganisationen  beider deutscher Staaten. Dies waren für die DDR die Gesellschaft für Natur und Umwelt (GNU), deren Präsident er seit ihrer Gründung im Jahre 1980 war und für die BRD der Bund für Umwelt und Naturschutz  Deutschland (BUND).
Kontakte und Begegnungen gab es weiterhin nach und in Frankreich, Griechenland, Italien, Norwegen, Japan, Österreich, Schweden, der Schweiz, nach Kanada und den USA.

Wende- und Nachwendezeit

Von der politischen Wende 1989/1990 war er nicht überrascht, der Zeitpunkt und die Art waren aber für ihn und andere nicht voraussehbar. Die in der Folge an der Sektion Forstwirtschaft betriebene Aufarbeitung der nun zurückliegenden Jahre sind ein bis heute umstrittenes Kapitel der Vergangenheitsbewältigung. Wer, wie zwei der Unterzeichnenden,  Professor Thomasius über Jahrzehnte gekannt, mit ihm zusammengearbeitet, als Direktor der Sektion Forstwirtschaft erlebt hat, dem ist sein stets korrektes und faires Verhalten gegenüber Studenten, Mitarbeitern und Kollegen in ungetrübter Erinnerung. Er trat schon sehr bald nach Kriegsende in eine Partei ein, die einen neuen Anfang und den radikalen Bruch mit dem Unrechtsstaat des Nationalsozialismus versprach. Angesichts des sich dann Jahre später auf vielen Lebensbereichen einstellenden unbestreitbaren Niedergangs der DDR machte auch Harald Thomasius einen politischen Reifeprozess durch.

Nach demütigenden und verletzenden Vorkommnissen und Unterstellungen und nachdem ihm vom Sprecher der Fachrichtung (der später als Mitarbeiter der Staatssicherheit entlarvt wurde) am 13. Mai 1992 übermittelt wurde, dass ihm die Berechtigung zur Lehre an der TU entzogen worden ist, stellte er nach Beendigung des Studienjahres 1991/92 den Antrag um Entlastung vom Lehramt. Diesem wurde vom Sächsischen Minister für Wissenschaft und Kunst mit Wirkung vom 1. September 1992 entsprochen. Vorausgegangen war der Auflösungsvertrag vom 28. Juli 1992, der „zur Vermeidung einer betriebsbedingten Kündigung wegen mangelndem Bedarf“ begründet wurde. Nach 48-jähriger Berufstätigkeit für die Forstwirtschaft, 33-jähriger Zugehörigkeit zur Tharandter Hochschule, davon 26 Jahre als hoch befähigter und  von den Studenten bis zu seinem Tod verehrten Lehrer, der hohen Wertschätzung der weit überwiegenden Zahl der Kollegen und nachgeordneten Mitarbeiter sicher, verließ Harald Thomasius, Dr. habil. Dr. h. c. am 31. August 1992 die Stätte seines jahrzehntelangen verdienstvollen Wirkens.  Nach den gerade geschilderten Erfahrungen war es ihm zunächst nicht möglich, weiterhin in Tharandt, in unmittelbarer Nähe der Hochschule zu bleiben. Im Jahre 1997 verlegte er seinen Wohnsitz nach Neuhof-Rommerz in Hessen. Ihm verbundene und ihn schätzende Kollegen in Tharandt bemühten sich um Wiedergutmachung und Aussöhnung. Anlässlich seines 70. Geburtstages veranstaltete die Fachrichtung Forstwirtschaft auf Initiative einiger Hochschullehrer ein Ehrenkolloquium in Tharandt, dessen bewegender Ablauf all denen, die daran teilgenommen haben, für immer in Erinnerung bleiben wird. Nicht zuletzt dieses Ereignis war ausschlaggebend, dass er im Jahre 2003 wieder in seine sächsische Heimat nach Tharandt zurückkehrte.

Für Harald Thomasius war der Abschied von seiner alma mater tharandtensis zunächst eine kaum zu ertragende Zäsur. Seine  weit über die Forstwissenschaft hinaus bekannten tiefgründigen geologisch- bodenphysikalischen, standortskundlichen und im weitesten Sinne landschaftsökologischen Kenntnisse und Erfahrungen ermöglichten es ihm, bereits zum 1. September 1992 eine Tätigkeit als Wissenschaftlicher Leiter bei einem Verein für Strukturförderung Berlin, Zweigstelle Großdeuben bei Leipzig aufzunehmen. Per 6. Januar 1993 wurde er Leiter der Arbeitsgruppe Umweltgestaltung bei der Firma Steine und Erden, Lagerstättenwirtschaft Dresden. Hier wurde er mit Aufgaben der Naturraumerkundung, der Melioration und Gestaltung von Bergbaufolgelandschaften sowie deren Bewirtschaftung betraut. Schwerpunkt war die Rekultivierung von Kippen und Halden im Braunkohlenbergbaugebiet Mitteldeutschlands und in der Niederlausitz. Der Kontakt mit neuen Kollegen, der Zugang zu  einem artverwandten Arbeitsgebiet bedeutete für ihn Lebenserfüllung im Alter.

Würdigung der Persönlichkeit, seines mitmenschlichen Verhaltens und seiner wissenschaftlichen Leistungen

Obwohl bereits angedeutet, gehört zur Würdigung der Person Harald Thomasius auch sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen.

Ob   Angehörige des von ihm geleiteten Wissenschaftsbereiches, ob Kollegen oder andere Beschäftigte der Sektion, ob Studenten oder Vertreter der Praxis – alle haben ihn stets als korrekten, sein Gegenüber achtenden und respektierten Menschen erlebt. Er nahm Anteil am Ergehen seiner Mitarbeiter, wobei in privaten Fragen durchaus eine gewisse Distanz spürbar war.

Auch in schwierigen Phasen war er gegenüber nachgeordneten und gleichgestellten Kollegen immer ausgeglichen, nie von Tageslaunen beherrscht, in fachlichen und persönlichen Gesprächen aber durchaus auch dominant.
Seine Mitarbeiter, Diplomanden und Doktoranden hat er konsequent geführt, sich regelmäßig vom Fortgang der Arbeiten überzeugt.  Uneigennützig gab er wertvolle fachliche  Hinweise,  ermunterte und befähigte sie, ihre Ergebnisse bei Tagungen und Kongressen  vorzutragen und mit ihrem eigenen Namen zu publizieren. Er hatte es nicht nötig, seine ca. 300 Titel umfassende Publikationsliste durch Hinzusetzen seines Namens zu Arbeiten der Mitarbeiter aufzublähen. Bis ins hohe Alter war er wissenschaftlich, in den letzten Jahren vor allem forsthistorisch tätig. Es wird an dieser Stelle darauf verzichtet, einzelne Veröffentlichungen herauszustellen. Alle seine Arbeiten  zeugen von einem bewussten Herangehen an den Wald als Ökosystem, vom Wissen seiner Einbindung in die Landschaft als Mosaik von Ökosystemtypen, sie  waren gekennzeichnet durch bestechende Logik und einen  scharfen analytischen Verstand.

Ausblick

Sein Werdegang und seine Spuren, die Harald Thomasius hinterlässt, geben einen Eindruck davon, wie die Waldbau-Wissenschaft der forstlichen Praxis mustergültig ihren Dienst erweisen kann und dennoch Wissenschaft bleibt: Es ist kein Zufall, dass gerade dieser Mann stets die Verbindung zu den Forstpraktikern hielt und dass er – neben grundlegend theoretischen – sehr praktisch orientierte Publikationen oder auch Handlungsanweisungen gab und geben konnte. Seine eigenen Jahre in der Forstpraxis gaben ihm die Sprache und den sozialen Zugang zu den Praktikern und verliehen ihm in der Lehre eine natürliche Autorität. Die Fragestellungen, die von ihm, seinen Assistenten und seinen Doktoranden bearbeitet wurden, hatten oft unmittelbar praktischen Hintergrund. Dennoch ist man von der theoretisch-konzeptionellen Tiefe der Forschung ebenso beeindruckt, wie von der Zukunftsorientierung. Die Ausführungen von Harald Thomasius zu Wald und Klimawandelproblematik oder zu einer Dauerwaldwirtschaft, die ökologische Funktionen und Leistungen der Wälder für den Menschen verbindet, sind Beispiele für eine sehr innovative Sicht auf die Waldwirtschaft, die manche Entwicklung 20 Jahre vorweg genommen hat und Hinweise auf lohnende Forschungsrichtungen gab.

Es ist deshalb zu wünschen, dass auch in Zukunft der Waldbau die Brücke zwischen Waldpraxis und Waldwissenschaft bleibt – so, wie Harald Thomasius den Waldbau verstanden hat.

Alle, die Harald Thomasius gekannt und mit ihm gearbeitet haben, sind angesichts seiner Lebensleistung dankbar und voller Achtung. Die deutsche  Forstwirtschaft hat einen ihrer hervorragenden Vertreter verloren.

Siegfried Anders, Albrecht Bemmann, Sven Wagner

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