Baum und Natur

Begegnung mit dem Wald – Sonderausstellung im Günter Grass-Haus

Bearbeitet von Jörg Fischer

Der Wald steht im Mittelpunkt der aktuellen Sonderausstellung „INTO THE TREES“, die im Günter Grass-Haus noch bis zum 31. Dezember, zu sehen sein wird.

Günter Grass, der sich sehr gerne im Wald aufhielt, beschäftigte sich bereits in den 1980er-Jahren mit dem Waldsterben, nicht zuletzt in seinem apokalyptischen Roman „Die Rättin“ von 1986. Die Ausstellung zeigt, welche Bedeutung der Wald im Schaffen des Schriftstellers, Malers und Bildhauers hatte. In Poesie und Prosa, in Aquarellen, Zeichnungen, Lithografien und Plastiken setzt sich der Künstler immer wieder mit dem Wald und der stetig fortschreitenden Zerstörung der Umwelt durch den Menschen auseinander. Schnell wird deutlich, dass die Thematik nichts an Aktualität verloren hat, im Gegenteil: Sie ist aktueller denn je. Und so regt sie auch zum Nachdenken über die eigene Beziehung zum Wald heute an.

Insgesamt sind in der Ausstellung 30 bildkünstlerische Werke sowie Manuskripte von Günter Grass zu sehen, darunter Radierungen, Kohle-, Sepia- und Rötelzeichnungen, Lithografien, Aquarelle und Bronzeplastiken. Die Schau ist in drei Themenschwerpunkte unterteilt:

Wald als Rückzugsort für Günter Grass

Ein Themenblock beschreibt den „Wald als Rückzugsort von Günter Grass“.
Ein Themenblock beschreibt den „Wald als Rückzugsort von Günter Grass“.
Bild: Günter und Ute Grass Stiftung/Steidl Verlag

Im Themenblock „Wald als Rückzugsort von Günter Grass“ wird die idyllische Seite des Waldes gezeigt. Hier sind zahlreiche Waldbilder (und auch Gedichte) zu sehen, die in den 1990er-Jahren auf der dänischen Ostseeinsel Møn entstanden sind, wo sich der Literaturnobelpreisträger in den Sommermonaten aufhielt und jeden Tag durch die Wälder streifte. Gleichzeitig wird in diesem Bereich der Ausstellung ein optischer Bruch von Trugbild und Realität vorgenommen, indem an der Decke befestigte und an einen künstlichen Wald erinnernde Paneele eine Trennung zwischen idyllischem Wald und zerstörtem Wald vollziehen und gegenüberstellen. In diesem Bereich geht es zudem um den Bildband „Totes Holz“, in dem Günter Grass seine in den Jahren 1988/1989 mit Kohle und Sepia angefertigten Zeichnungen von abgestorbenen Bäumen herausgegeben hat. Mit dieser Dokumentation von sterbenden Wäldern, für ihn gleichbedeutend mit dem Untergang einer ganzen Märchenkultur, führte er den „Waldzustandsbericht“ der damaligen Bundesregierung als Satire vor. Einige der Manuskripte sind erstmals im Original ausgestellt.

Apokalypse und Waldsterben – Günter Grass und die 1980er-Jahre

Dem Roman „Die Rättin“ kommt in der Ausstellung eine Sonderstellung zu, da darin die apokalyptische Grundstimmung der 1980er-Jahre verarbeitet wurde. Dementsprechend widmet sich der zweite Themenschwerpunkt dem Märchenwald in diesem Werk. Auszüge daraus machen deutlich, in welch satirischer Form das Schicksal der darin beschriebenen Waldfiguren, die ihren Lebensraum retten wollen und kläglich scheitern, abgehandelt wird. Außerdem wird in diesem Bereich das Drehbuch für einen Stummfilm thematisiert, den Günter Grass zusammen mit Volker Schlöndorff über das Waldsterben realisieren wollte. Zwar kam es dazu nie, doch wird ein für die Ausstellung produziertes Interview mit Schlöndorff gezeigt, der darin über die Pläne für diesen Film spricht.

„Mit uns überlebten die Schlümpfe“ – dem Roman „Die Rättin“ kommt in der Ausstellung eine Sonderrolle zu.
„Mit uns überlebten die Schlümpfe“ – dem Roman „Die Rättin“ kommt in der Ausstellung eine Sonderrolle zu.
Bild: Günter und Ute Grass Stiftung/Steidl Verlag

Im dritten Bereich schließlich geht es um die Welt der 1980er-Jahre, um den Hintergrund des Entstehungszeitraumes der „Rättin“ zu beleuchten. Auf die Besucherinnen und Besucher wartet darin eine eigens für die Ausstellung entwickelte Filminstallation mit Originalaufnahmen der 1980er-Jahre, um den Kontext dieses widersprüchlichen Jahrzehnts zwischen Punkern und Poppern, zwischen den Grünen und Helmut Kohls „geistig-moralischer Wende“ herzustellen. Während über die Bildschirme zu Hause „Die Schwarzwaldklinik“ oder „Die Schlümpfe“ flimmerten, wuchs in Wirklichkeit die Angst vor einem Atomkrieg, vor saurem Regen und vor dem Waldsterben. Die Filminstallation, die Mikhele Apitzsch erstellte, zeigt zahlreiche Referenzen zur Popkultur, auf die sich auch Grass zum Teil bezog.

Für kleine Besucherinnen und Besucher ist eine Kinderecke vorgesehen. Dort wartet das beliebte Waldungeheuer „Grüffelo“ auf junge Talente, die es dem Maler Günter Grass gleichtun und die Wände bemalen wollen.

Stimmen zur Sonderausstellung

Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau zeigte sich begeistert, dass sich das Günter Grass-Haus mit „INTO THE TREES“ erneut einem Umweltthema widmet: „Gerade in diesen Zeiten, wo der Klimawandel und damit einhergehend der Klimaschutz endlich im Bewusstsein der Gesellschaft angekommen sind, ist es beeindruckend zu sehen, dass Günter Grass sich bereits vor 40 Jahren mit derselben Thematik auseinandergesetzt hat.“

Der Leitende Direktor der LÜBECKER MUSEEN Prof. Dr. Hans Wißkirchen ergänzte: „Dieses Thema ist heute brisant wie nie und macht deutlich, dass Günter Grass ein sehr wachsamer und kritischer Beobachter seiner Zeit war. Die Ausstellung zeigt, dass sich das Günter Grass-Haus ganz wie sein Namensgeber bei Weitem nicht nur mit Literatur, sondern auch mit aktuellen und zentralen Fragen der Gesellschaft auseinandersetzt, die weit über das Literarische hinausgehen.“

Dr. Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Günter Grass-Hauses, betonte: „Mir ist es wichtig, regelmäßig Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema Wald und Naturschutz zu initiieren und auf der Basis des Werks von Günter Grass dieses interdisziplinär bzw. aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Das Projekt zeigt einmal mehr, wie sinnhaft und erhellend es ist, sich mit seinem Werk zu beschäftigen. Ich danke allen Förderern und Kooperationspartnern, den Gestalterinnen Janna Nikoleit und Jana Beckmann, der Kuratorin Tatjana Dübbel und den Mitarbeiter:innen des Günter Grass-Hauses für die Verwirklichung dieses großen Projekts.“

Weitere Informationen unter www.grass-haus.de

Quelle: die LÜBECKER MUSEEN