Eine mehrfach verbissene Tanne
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Bayerisches Verbissgutachten: „Teures Rehfutter“

26. November 2021

Die Hälfte der bayerischen Hegegemeinschaften soll die Abschüsse erhöhen. Das geht aus dem forstlichen Gutachten hervor, das die Grundlage für die Abschussplanung bildet. „Wir können nicht zufrieden sein“, sagte Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber bei der Vorstellung des Gutachtens im Landtag. Alle drei Jahre wird das Gutachten erstellt, das auf wissenschaftlicher Basis die Grundlage für die Abschussplanung bildet. Es zeigt, dass Bayerns Wälder vielerorts noch unter zu starkem Wildverbiss leiden.

Der Anteil des Leittriebverbisses durch Rehe, Hirsche und Gämsen hat sich seit der Erhebung vor drei Jahren kaum verändert: Bei Laubbäumen ist er von 20 auf 21 Prozent gestiegen, bei Nadelbäumen von vier auf drei Prozent zurückgegangen. „Uns allen muss klar sein, dass unsere Wälder die Klimakrise nur dann bewältigen können, wenn zukunftsfähige Baumarten eine Chance haben, zu stabilen Mischwäldern heranzuwachsen. Aber genau das ist in zu vielen Jagdrevieren Bayerns noch nicht der Fall,“ sagte Kaniber. Der zu hohe Verbiss lasse auf Dauer ausgerechnet die Baumarten verschwinden, auf die klimafeste Wälder so dringend angewiesen seien.

Nur die Hälfte der Hegegemeinschaften als grün eingestuft

Nur die Hälfte der 750 bayerischen Hegegemeinschaften wird als grün eingestuft, wo das Gutachten die Verbisssituation als „tragbar“ (47 %) oder „günstig“ (3 %) einordnet. Der Anteil roter Hegegemeinschaften mit nicht tragbarer Verbisssituation liegt ebenfalls bei 50%. Eine „zu hohe“ Verbissbelastung weisen 47% der Hegegemeinschaften auf, in 3% ist sie sogar „deutlich zu hoch“- „Da muss eindeutig mehr getan werden“, sagte die Ministerin. 23% der Hegegemeinschaften seien seit fünf Inventuren dauerhaft rot, da brauche es dringend Fortschritte. Kaniber appellierte eindringlich an Grundbesitzer und Jäger, in den betroffenen Regionen gemeinsam und mit Nachdruck für waldverträgliche Wildbestände zu sorgen: „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, der Klimawandel sitzt uns im Nacken.“ Das heißt für die Abschussempfehlung: Nur die Hälfte der Hegegemeinschaften kann ihre Abschusshöhe auf bisherigem Niveau beibehalten. Für 46% lautet die Abschussempfehlung „erhöhen“ und für weitere vier Prozent „deutlich erhöhen“.

Besser sieht es dagegen in den bayerischen Bergwäldern aus: Hier hat sich der Verbiss bei Buchen um drei, bei Edellaubhölzern und bei den für die Stabilität so wichtigen Tannen um jeweils vier Prozentpunkte verbessert. Der ÖJV Bayern stellt dazu fest: Interessanterweise ist die leichte Verbesserung im vom Staatswald dominierten Bergwald trotz des Corona bedingten Freizeitdruckes gelungen, welcher sonst oft als Hinderungsgrund für einen nicht ausreichenden Abschuss ins Feld geführt wird.

Teures Rehfutter, das da ausgebracht wird

Der Forstexperte der Landtags-Grünen, Hans Urban, lobte die Erhebung der Daten als „weltweit beachtetes Vegetationsgutachten, das seinesgleichen sucht“. Um in roten Hegegemeinschaften die Situation zu verbessern, seien besonders die revierweisen Aussagen hilfreich. Kritisch sieht er die Verschlechterung im Staatswald bei Buche, Eiche und Tanne: „Wenn wir da jährlich sechs Millionen Bäume für dreißig Millionen Euro reinbringen, dann fressen das die Tiere“, sagte er. Das sei „teures Rehfutter, das da ausgebracht wird“. Er forderte, die Anstrengungen im Staatswald zu verstärken. Ziel müsse der Waldumbau ohne Pflanzungen sein.

Für den bayerischen Waldbesitzerverband konstatierte dessen Vize-Präsident Götz Freiherr von Rotenhan: „Der Anteil der Hegegemeinschaften mit dauerhaft hoher Verbissbelastung ist erschreckend hoch. Hier können nicht nur die künftigen Bäume nicht wachsen und die Wälder werden dauerhaft entmischt, sondern es werden letztlich gesetzeswidrige Zustände toleriert“. Er appelliert an die Beteiligten vor Ort sowie die Landräte, Jagdbeiräte und unteren Jagdbehörden, in diesen dauerhaft roten Bereichen Rahmenbedingungen zu schaffen und sich gemeinsam dafür einzusetzen, dass die Situation nachhaltig verbessert wird.

Wir brauchen bayernweit endlich waldverträgliche Wildbestände

Der Vorsitzende des ÖJV Bayern Dr. Wolfgang Kornder nimmt die Jägerschaft direkt in die Pflicht: „Die Schalenwildbejagung hat endlich die gesetzlich vorgegeben Ansprüche zu erfüllen, weil klimastabile Wälder für unsere Gesellschaft systemrelevant sind. Der Auf- und Umbau dieser Wälder darf durch die Jagdegoismen einer kleinen Minderheit unserer Gesellschaft (ca. 0.3% sind Jäger), nicht weiter beeinträchtigt werden.“

Vom Bayerischen Jagdverband gab es zunächst keine Stellungnahme, nur den Hinweis, dass dessen Vorsitzender Ernst Weidenbusch sich mit der Ministerin über die notwendigen Konsequenzen aus dem neuen Vegetationsgutachten beraten werde.

Den vollständigen Bericht zum forstlichen Gutachten 2021 gibt es hier

Die hegeringweisen Auswertungen und die jeweiligen Abschussempfehlungen findet man hier

Auf einer interaktiven Karte im bayerischen Wildtierportal kann man sich das auch direkt ansehen. Leider sind die Daten bisher noch nicht aktualisiert – das sollte aber in den nächsten Tagen erfolgen.