ForstBranche

ANW kommt zur Bundestagung 2021 zusammen

Bearbeitet von Jörg Fischer

Unter dem Motto „Dauerwald – unser Waldweg im Klimawandel!“ traf sich die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Deutschland e. V. (ANW) vom 9. bis zum 11. September 2021 in Bergheim bei Köln zur Bundestagung.

1920 prägte Professor Alfred Möller erstmalig den Begriff „Dauerwald“. Er betrachtete den Wald als dauerhaftes Ökosystem und bezeichnete ihn sogar als „Organismus“ der nur funktioniert, wenn auch seine einzelnen Organe zueinander passen. Seine wichtigsten „Organe“ waren damals wie heute die Mischung, die Ungleichaltrigkeit, ein ausreichender Holzvorrat, die ökosystemare Gesundheit und menschliche Eingriffe, die alles miteinander in einem dynamischen Gleichgewicht halten.

30 Jahre danach, am 1. Juni 1950 wurde die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) gegründet, die diese revolutionäre Idee einer völlig anderen Waldbehandlung mit Einzelbaumpflege anstatt Kahlschlag gegen den damaligen Mainstream hochhielt.

Erst in den letzten 20 Jahren reifte in größeren Teilen der Deutschen Forstwirtschaft die Erkenntnis, dass es langfristig wohl doch zielführender sei, mit der Natur zu wirtschaften, als gegen sie. So erkannte man auch im Zusammenhang mit den neuen Herausforderungen des Klimawandels, dass ein gemischter, strukturreicher und vitaler Wald das Risiko großflächiger Waldverluste senkt. Zahlreiche ANW-Forstbetriebe in ganz Deutschland beweisen gerade den Unterschied. Ihr Wald leidet zwar auch unter dem Klimawandel und einzelne Bäume sterben ab. Im Gegensatz zu den Fichten-, Kiefern- oder Buchenreinbeständen, die inzwischen auf über 300.000 ha abgestorben sind, bleibt der Mischwald aber in seiner Substanz in diesen Betrieben als Wald erhalten. Dauerwald ist die aktuelle zukunftsweisende Antwort auf die neue kritische Waldsituation.

Ein bisher kaum bekanntes, da nicht relevantes Problem ist der mit dem Waldverlust verbundene Verlust seiner Funktionen für die Gesellschaft. Plötzlich ist der Erholungsraum z. B. im Harz nicht mehr existent. Oder bisher sauberes Trinkwasser aus dem Wald muss in Gegenden mit riesigen Kahlflächen aufbereitet werden, um es für uns Menschen genießbar zu machen. Für die Gesellschaft wichtige Wohlfühl- und Überlebensfunktionen des Waldes gehen verloren. Eine unmittelbare Betroffenheit nicht nur der Waldeigentümer, sondern größerer Teile der Gesellschaft findet statt. Parallel steigt natürlich die Sorge um unsere Zukunft.

Die nachhaltige Sicherung der von der Gesellschaft erwarteten Waldfunktionen erfordert eine neue, eine noch verantwortungsvollere Waldbewirtschaftung, in der natürliche Prozesse noch mehr Beachtung finden.

Die ANW sieht die Lösung im Dauerwald. Denn Dauerwald ist gleichzeitig stabil und ertragreich, die optimale Verbindung von Ökologie und Ökonomie. Dauerwaldwirtschaft ist gelebte Waldverantwortung, gelebte Vorsorge.

Die von verschiedenen Ideologen geforderte Stilllegung des Waldes oder ein weiterer Vorratsaufbau erfüllen wesentliche Erwartungen der Gesellschaft an den Wald dagegen nicht.

Hans von der Goltz, Bundesvorsitzender der ANW, sagte klar, was vordringlich neben der Ursachenbeseitigung für den Klimawandel für stabilen Wald getan werden muss: „Überhöhte Schalenwildbestände fressen auf dem größten Teil der deutschen Waldfläche die für Dauerwald nötige und standörtlich mögliche Baumartenmischung auf. Jagd muss auf der Basis angepasster Gesetze zum mitverantwortlichen Partner für erfolgreichen Waldumbau werden.“

Die bisher vorwiegend auf betriebswirtschaftlichen Erfolg ausgerichtete Forstwirtschaft muss ihren prioritären Fokus nun auf Waldstabilität ausrichten. Mehr Personal in der Fläche, das die Zeit und Kompetenz dazu hat das Ökosystem kleinörtlich zu erkennen und die naturverträglichen forstlichen Konsequenzen daraus zu ziehen, wird ebenfalls benötigt.

Das viele Geld der Bundesregierung für die Wiederbewaldung der riesigen Kalamitätsflächen ist sehr willkommen. Es darf jedoch nicht aufgefressen werden oder in nicht zielführenden waldbaulichen Konzepten landen.

Programm der Festversammlung der Bundestagung 2021

Der Festvortrag von Sven Plöger, ein aus Rundfunk und Fernsehen bekannter Klimaexperte, informierte über Ursachen und Wirkungen des Klimawandels. Gerade in der von Starkregenereignissen im Juli 2021 so gekennzeichneten Region unseres Tagungsortes sensibilisierte er nicht nur für eine Zeit mit gehäuften Witterungsextremen, er machte auch Mut, dass wir etwas bewegen, Wald retten können. Hierzu bräuchten wir zielführende forstliche Konzepte, verantwortungsvolle engagierte Praktiker und eindeutige gesetzliche Rahmenbedingungen, die keinen Zweifel an der obersten Priorität „Walderhalt“ zulassen.

Prof. Dr. Christian Ammer von der Universität Göttingen holte in einer supermodernen lasergestützten 3D-Präsentation den Dauerwald in das Medio. Seine wissenschaftlichen Aufnahmen machten sehr deutlich, dass Dauerwälder eine ganz andere Struktur haben, als herkömmlicher Wald. Unter der Überschrift „100 Jahre Dauerwald – Status quo, Perspektiven, Herausforderungen“ zeigte er auf, was die naturnahe Waldbewirtschaftung nach dem Dauerwaldprinzip bereits leisten kann und wo das Dauerwald-Konzept noch weiterentwickelt werden muss.

Podiumsdiskussion

Auf der anschließenden Exkursionen wurde deutlich, dass sich der Mut und der Aufwand, Dauerwald zu entwickeln, in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht tatsächlich lohnen kann.
Auf der anschließenden Exkursionen wurde deutlich, dass sich der Mut und der Aufwand, Dauerwald zu entwickeln, in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht tatsächlich lohnen kann.
Foto: U. Schölmerich

Prof. Dr. Frits Mohren, Prof. Dr. Volker Dubbel, Prof. Dr. Andreas Bitter, Johannes Röhl und Jörg-Andreas Krüger (Vorsitzende des NABU Deutschland) diskutierten im Podium unter Moderation von Jürgen Vogt des WDR das Pro und Kontra zum Dauerwald. Hierbei spielen natürlich Fragen des betriebswirtschaftlichen Erfolges, der Natürlichkeit, der Erfüllung gesellschaftlicher Ansprüche, der praktischen Umsetzbarkeit und Finanzierung eine wichtige, oft widerstreitende Rolle.

Abschließend dankte Hans von der Goltz allen Akteuren für ihre konstruktiv-kritischen, aufrüttelnden, aber auch Mut machenden Beiträge mit den Worten: „Ich glaube, wir sind mit unserem Dauerwald-Modell nicht auf dem Holzweg, sondern auf einem erlebnisreichen zielführenden Waldweg im Klimawandel.“

Hans von der Goltz/ANW