Der Chef räumt mit dem zweiten Eliatis die Äste beiseite
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Alticoup

01. September 2020

Die Pflege von Stromtrassen ist in jedem Fall ein aufwändiges Geschäft. Einen wesentlicher Kostenfaktor für die Allgemeinheit bedeutet auch das Abschalten des Stroms. Es gibt aber Alternativen. Zum Beispiel wenn das Werkzeug überhaupt keinen Strom leitet und deswegen gar nicht abgeschaltet werden muss.

Der Chaptrack von Eliatis ist so etwas wie der französische Unimog: ein extrem multifunktionelles Fahrzeug. Er ist zwar „nur“ für 40 km/h zugelassen, aber dafür kann er sogar mit einer Allradlenkung und einer serienmäßigen Überdruck-Kabine aufwarten. Für den Forstbereich ist letzeres in Deutschland spätestens seit den neuen Regelungen zur Polterspritzung relevant geworden, die genau so etwas vorschreibt. Aber auch bei der Arbeit mit der Forstfräse ist es sehr angenehm, nicht den ganzen Tag in einer Staubwolke zu sitzen. Selbstverständlich verfügt die Maschine über Anbauräume vorne und hinten, damit Seilwinde und Kran am Fahrzeug verbleiben können, wenn ein Mulcher zum Einsatz kommen soll.

Auf der Messe ForstLive 2019 stand ein solches Gefährt, zusätzlich ausgerüstet mit einem ganz besonderen Ausleger. Der „AltiCoup“ ist ein Teleskopsystem aus nicht-leitendem Glasfaserkunststoff, an dessen Ende ein Kreissägeblatt mit 70 cm Durchmesser rotiert. Damit auch bei einer Hochspannungsleitung mit 30 000 Volt nichts passieren kann, besitzen auch die Hydraulikzuleitungen für den Sägenmotor eine Armierung aus Kevlar anstelle von Stahlgewebe und der Ausschub läuft über Zahnriemen anstatt eines Kettentriebs. Mit diesem Arm schafft Eliatis eine maximale Reichhöhe von 24 m. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es sich mit diesem Ungetüm arbeitet, muss man es live gesehen haben. In Frankreich, dem Heimatland von Eliatis, sind schon mehr als ein Dutzend dieser Geräte im Einsatz, aber leider noch nicht in Deutschland. Also machen wir uns auf zu unseren Nachbarn, zu einem langjährigen Stammkunden von Eliatis.

Die Firma Voegel hat ihren ersten Chaptrack schon 2006 gekauft. Das Fahrzeug mit seinerzeit noch 129 kW wäre nach heutigen Maßstäben ein wenig untermotorisiert für den Mulchereinsatz. Nach mehreren Evolutionsstufen produziert das aktuelle Modell 206 kW. So eines löste 2017 auch die erste Maschine ab. Diese ist ausgestattet mit einem italienischen MEC-Ladekran CL 60.60.1Z1 mit einer Reichweite von 6 m. Alternativ lässt sich auch eine Auslegersäge mit vier Blättern montieren. Im Heck sitzt außerdem eine Doppelwinde von Ritter mit 2 × 10 t Zugkraft. Das Unternehmen im Schwarzwald hatte einige Jahre eine Kooperation mit den Franzosen und den Eliatis auch nach Deutschland importiert.


 

Doch das Ziel der heutigen Exkursion ist der Alticoup. Das ist eben genau das Ausstellungsfahrzeug von 2019 und seit ziemlich genau einem Jahr bei Voegel im Einsatz.

Michel Bronner fährt den Alticoup, sein Chef Jean-Noel Jacob packt auch mit an
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Der Fahrer heißt Michel Bronner und spricht glücklicherweise auch Deutsch. Er arbeitet gerade an einer kleineren, idyllisch gelegenen Überlandleitung gar nicht so weit weg von seinem Betrieb. Im Normalfall würde er mit dem AHWI-Mulcher vorne an seiner Maschine das Material, das er aus den Bäumen schneidet, gleich an Ort und Stelle zerkleinern. Doch der Landwirt, der in diesem Bereich für die weitere Pflege zuständig ist, möchte gerne auch das aufwachsende Gras nutzen. Deswegen bleibt der Mulchrotor heute aus. Er wird aber nicht abmontiert, denn er dient bei dem langen Ausleger zugleich der Standfestigkeit des Fahrzeugs. Dafür bekommen wir an diesem Tag die Gelegenheit, gleich beide Eliatis-Maschinen auf einer Baustelle zu erleben. Während Michel mit dem Alticoup die Bäume beschneidet, räumt sein Chef Jean-Noel Jacob das Material mit dem Kran gleich beseite.

Wirtschaftlichkeit

Wer den Alticoup zum ersten Mal im Einsatz sieht, hat das Gefühl, dass die Arbeit ziemlich langsam vonstatten geht. Aber was sind die Alternativen? Händisches Kappen der Äste aus dem Hubsteiger oder mit Seilklettertechnik ist definitiv noch zeitaufwändiger. Die spektakulären Gehängesägen am Hubschrauber sind zwar rasend schnell unterwegs, können aber bei weitem nicht so zielgerichtet eingesetzt werden und kosten enormes Geld, ganz abgesehen vom organisatorischen Aufwand solcher Maßnahmen. Allen genannten Methoden gemeinsam ist die Notwendigkeit, aus Sicherheitsgründen den Strom abzuschalten. Das ist ein zusätzlicher Kostenfaktor für den Netzbetreiber. Nur der Glasfaser-Arm ermöglicht es „unter Hochspannung“ zu arbeiten.

Präzise steuert Michel Bronner das Fahrzeug am Waldrand entlang. Die Allradlenkung mit der Option zum Hundegang ermöglicht eine ganz genaue Positionierung in der Flucht der zu bearbeitenden Äste. In einer zügigen Bewegungskombination von Ausschub und Absenken des Arms beschreibt er mit der Säge einen Bogen und schneidet gleich eine Reihe von Ästen ab. Das soll gar nicht direkt am Stamm erfolgen, sagt er, weil man sonst beim folgenden Eingriff die gegebenenfalls nachgeschobenen Reiser nicht mehr gut erwischt. Lieber schneidet er nächstes mal den Aststummel wieder ein bißchen kürzer.

Blick zum Himmel

Die Tätigkeit erfordert volle Konzentration. Mit dem langen Hebelarm bedeuten schon kleine Hubbewegungen an der Spitze des Auslegers weite Ausschläge. Um die Äste jweils in einem günstigen Winkel abtrennen zu können, lässt sich der Sägenkopf auch verdrehen. Bei voller Auslage ist es schon ganz schön weit vom Fahrer bis zur Säge. Dann ist es manchmal gar nicht so einfach, die Distanzen richtig einzuschätzen.

Das ist die Perspektive des Fahrers
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Der Blick steil nach oben durch das kleine Dachfenster ist auf Dauer durchaus anstrengend und offenbart, dass der Eliatis eben doch eine Universalmaschine ist, die an dieser Stelle ergonomisch nicht perfekt ist.

Für die Arbeit in mit dem langen Ausleger ist die Ergonomie nicht perfekt
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Das Konkurrenzprodukt aus den USA, die „Jaraff“ (franz. für Giraffe) besitzt ebenfalls so einen langen GFK-Ausleger und ist als reines Spezialgerät konzipiert. Hier liegt der Fahrer fast in der Kabine, die immer leicht nach hinten geneigt ist und hat dadurch einen entspannten Blick nach oben. Die Nachteile der extremen Spezialisierung liegen hier allerdings auch auf der Hand: Die Jaraff ist mit ihrem rein hydrostatischen Fahrantrieb sehr langsam und muss tendenziell immer mit dem Tieflader umgesetzt werden. Der Eliatis braust derweil mit bis zu 40 km/h auf der eigenen Achse zur nächsten Baustelle. Die Möglichkeit, das abgeschnittene Material gleich bei einer zweiten Überfahrt mit derselben Maschine zu zerkleinern bedeutet natürlich auch noch einen guten Synergieeffekt. Mit dem neuen Motor und einem Drei-Pumpen-Hydrauliksystem ist der Eliatis auch potent genug, um ausgewachsene Mulcher oder Fräsen anzutreiben. Dabei gibt es grundsätzlich keine Markenbindung – alle namhaften Fabrikate lassen sich hier anbauen.

Die Kabine der Jaraff ist immer leicht nach hinten gekippt. Seitwärts neigt sie sich zusammen mit dem Ausleger. So ist der Blick des Fahrers immer genau in der Flucht mit der Säge
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Á la francaise

Am Fahrgestell des Eliatis werden die verkehrsrechtlichen Vorgaben für Frankreich ersichtlich: Obwohl die Maschine im vollen Ornat mit Alticoup und Mulcher sicher an die 16 t schwer ist, rollt sie nur auf schmalen 500´er Pneus. In ihrer Heimat, genau wie übrigens in der Schweiz, darf sie auf öffentlichen Straßen maximal 2,50 m breit sein. Nach deutschen Spielregeln ließen sich hier sicher problemlos 700´er Reifen montieren und die Maschine bliebe dabei immer noch locker unter 3 m. Allerdings müssten die Felgen eine sehr geringe Einpresstiefe haben, denn auch mit der Standardbereifung streift das Gummi derzeit bei vollem Lenkeinschlag schon leicht am Chassis.

Mit dieser Modifikation könnte der Eliatis auch bei uns gleich mehrere Nischenmärkte besetzen, die zusammen eine gute Auslastung bieten. In der gezeigten Konfiguration mit Mulcher und dem Alticoup-Spezialwerkzeug liegt die Maschine bei rund 350 000 €. Das sollte schon wirtschaftlich darstellbar sein.

Mittendrin

 

Die Firma Voegel-Elagage sitzt in Valff ziemlich exakt in der Mitte des Elsass. 1969 als Forstunternehmen gegründet, konnte sie im vergangenen Jahr das 50-jährige Jubiläum feiern. Heute besitzt der Betrieb 15 Mitarbeiter und hat sich vollständig auf Baumpflege, Sonderfällungen und die Trassenpflege spezialisiert. In letzterem Arbeitsfeld ist sie im gesamten Elsass aktiv, einer Region mit 190 km Nord-Süd-Ausdehnung und einer Breite von West nach Ost von 50 km. Dieses Einzugsgebiet teilt sich das Unternehmen mit zwei weiteren Firmen.

Voegel-Elagage SAS
3 Route de Meistratzheim
67210 Valff
www.voegel-elagage.alsace

 

Heinrich Höllerl