WaldÖkologie

Alte Bäume als Kohlenstoffspeicher überschätzt?

Bearbeitet von Jörg Fischer

Wissenschaftler vom Forstinstitut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg wollen den Einfluss von dickstämmigem Alt- und Totholz auf den Kohlenstoffvorrat in Wäldern überprüfen. Hintergrund ist die Auffassung, dass die 1 % größten Bäume die Hälfte der oberirdischen Biomasse in Wäldern stellen. Das fußt auf Schätzungen, bei denen Stammhöhlungen unberücksichtigt blieben, die aber gerade in alten Bäumen häufig sind. Daher wollen die Freiburger gängige Biomasse-Schätzverfahren verbessern. Ihr Projekt „Habitatbaum“ wird vom Waldklimafonds der Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) unterstützt.

Ob als wertvoller Hort der Biodiversität oder als ästhetisches Naturdenkmal – es gibt viele gute Gründe, alte und dicke Bäume in unseren Wäldern zu schützen. Doch sind die dickstämmigen Bäume auch tatsächlich überproportionale Kohlenstoffspeicher, wie es Biomasseschätzungen darstellen?

Ein Prozent der Bäume fassen 50 Prozent der Biomasse?

Das wollen Wissenschaftler von der Professur für Angewandte Vegetationsökologie der Uni Freiburg nun überprüfen: Anlass sind Schätzungen amerikanischer Forscher, dass die dickstämmigsten Bäume eines Bestandes – ihr Anteil macht etwa 1 % aus – rund 50 % der oberirdischen Biomasse enthalten würden. Eine These, die allerdings außer Acht lässt, dass gerade die besonders alten Bäume im Innern stark vermorscht sind und beträchtliche Höhlungen aufweisen können. Eine Vernachlässigung der Holzzersetzung in diesen Bäumen bei der Biomasseschätzung könnte zur Folge haben, dass Aussagen zu den Kohlenstoffvorräten von Wäldern verfälscht werden.

Schalltomographische Messungen

Mit dem Forschungsprojekt „Habitatbaum“, das am 1. Oktober 2021 startete, gehen die Freiburger dieser Aussage auf den Grund, indem sie den Anteil der Biomasse von sogenannten Habitatbäumen an der gesamten Bestandsbiomasse ermitteln und daraus den Kohlenstoffvorrat ableiten. Mit der Ergänzung durch schalltomographische Messverfahren wollen sie herkömmliche Schätzverfahren verbessern, die lediglich auf der äußeren Form der Stämme (allometrische Biomassefunktion) basieren.

Korrekturfaktor verbessert Biomasseschätzungen

Mit den erweiterten Messmethoden wollen die Wissenschaftler Korrekturfaktoren für eine verbesserte Biomasseschätzung für wichtige Waldtypen ermitteln. Zudem soll mit dem Vorhaben analysiert werden, wie sich Habitatbaumkonzepte für den Schutz der Biodiversität effizient auch für den Klimaschutz nutzen lassen.

Hintergrund: Was sind Habitatbäume?

Habitat- oder Biotopbäume werden nach den Alt- und Totholzkonzepten der Länder ausgewiesen. Es handelt es sich um einen freiwilligen Nutzungsverzicht aus ökologischen Gründen. Dazu werden in Wirtschaftswäldern einzelne Bäume und Baumgruppen markiert und bleiben dann unberührt stehen. Meist werden sehr alte und entsprechend dickschäftige, zum Teil auch bereits absterbende oder tote Bäume ausgesucht – häufig auch Bäume mit Spechthöhlen oder mit Horsten baumbrütender Vogelarten, sogenannte Horstbäume. Aber auch Bäume mit besonderen Wuchsformen, mit größeren Stamm- oder Rindenverletzungen oder mit hohem Totholzanteil fallen darunter. Allen gemein ist, dass sie vielen Tieren, Pflanzen oder Mikroorganismen besondere Lebensräume bieten, sogenannte Habitate. Bei der dritten Bundeswaldinventur von 2012 wurden in den deutschen Wäldern im Mittel neun Biotopbäume je Hektar gefunden. Das bedeutet, im gesamten deutschen Wald gibt es 93 Mio. Biotopbäume; 60 % davon sind Laubbäume.

Weitere Infos zum Projekt „Das Potential von Habitatbäumen für die Kohlenstoffspeicherung in Waldökosystemen (Habitatbaum)“ finden sich im Projektverzeichnis.

Quelle: FNR