Holzindustrie, -verbände

Achterbahnfahrt für die deutsche Möbelindustrie

Bearbeitet von Marc Kubatta-Große

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie verzeichnen, die deutschen Möbelhersteller eine höchst volatile Geschäftsentwicklung, wie Jan Kurth, Geschäftsführer der Verbände der deutschen Möbelindustrie (VDM/VHK) im August zur wirtschaftlichen Situation der Branche erklärte.

Dem Corona-Schock im Frühjahr 2020 folgte eine überraschend schnelle Erholung, die allerdings durch den drastischen Materialmangel im Verlauf des Jahres 2021 ausgebremst wurde. Die Verteuerung nahezu aller Vorprodukte wurde zur großen Belastung für die Möbelbranche. Dies insbesondere deshalb, weil die drastischen Kostensteigerungen entweder nicht vollständig oder nur zeitversetzt weitergegeben werden konnten, bzw. können.

Lage ist angespannt, die Lieferketten fragil

Durch den Ausbruch des Ukraine-Kriegs haben sich die Störungen in den Lieferketten weiter verschärft. Aktuell scheine sich die Materialverfügbarkeit in vielen Bereichen zwar wieder etwas stabilisiert zu haben. Auch haben sich die Lieferzeiten in der Folge wieder etwas verkürzt. Die Versorgungslage bleibe jedoch angespannt, die Lieferketten fragil.

Besonders heikel sind die höheren Energiepreise. Sie ließen die Erzeugerpreise für Holzwerkstoffe, als eine der Hauptkomponenten für Küchen- und Kastenmöbel, im Juni 2022 um 46,4 % über den Wert des Vorjahresmonats steigen. Auch für das zweite Halbjahr 2022 wurden bereits weitere Steigerungen umgesetzt bzw. angekündigt. Für die Unternehmen bleibe die Weitergabe dieser Belastungen in der Kette existenziell.

Ab Herbst, nach der Urlaubssaison, rechnen die Verbände wieder mit einem stärkeren Fokus auf das eigene Zuhause und damit mit positiven Impulsen für die Möbelbranche.

Umsatz um 13,4 % gestiegen

Im ersten Halbjahr 2022 konnten die deutschen Möbelhersteller ihren Umsatz um 13,4 % auf 9,5 Mrd. € steigern. Das Umsatzwachstum spiegelt dabei vor allem die gestiegenen Materialkosten wider. Das mengenmäßige Wachstum fiel deutlich geringer aus als das Umsatzwachstum. Im Monat Juni zeigte sich mit einem Umsatzplus von 4,3 % eine abgeschwächte Dynamik. Der Inlandsumsatz stieg um 13,8 %, der Auslandsumsatz um 12,6 %. Die Umsätze liegen deutlich über dem Niveau des Jahres 2019 und somit über den Vergleichswerten vor der Corona-Krise.

Die Küchenindustrie bleibt mit einem Umsatzanstieg um 12,4 % auf 3,2 Mrd. € der Wachstumsmotor der Branche. Den höchsten Umsatzanstieg mit 19,1 % hatten die Hersteller von Polstermöbeln auf 577 Mio. €. Auch die Umsatzentwicklung beim größten Segment der Möbelindustrie – den sonstigen Möbeln (darunter Wohn-, Ess- und Schlafzimmermöbel) sowie Möbelteilen – fiel mit plus 17,1 % auf 3,3 Mrd. € positiver aus als im Branchendurchschnitt.

Wie bereits im Vorjahr weisen die konsumgüternahen Segmente der Möbelindustrie einen leicht besseren Konjunkturverlauf auf als die Investitionsgütersegmente. Die Büromöbelindustrie registrierte mit einem Umsatz von rund 1,06 Mrd. € ein Wachstum von 10,9 Prozent. Die Hersteller von Laden- und sonstigen Objektmöbeln lagen um 13 Prozent über dem Vorjahreswert und erzielten einen Umsatz von 968 Mio. €.

Export hat sich erholt

Der Export legte in den meisten europäischen Ländern nach der Überwindung der negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise deutlich zu. Stärker als erwartet haben sich die Ausfuhren ins Vereinigte Königreich mit einem kräftigen Plus von 17 % erhöht. Der britische Markt erlebte nach der Unterzeichnung des Handelsabkommens mit der EU ein Comeback und entwickelte sich zum fünftwichtigsten Exportmarkt der deutschen Möbelindustrie. Frankreich belegt nach wie vor Platz eins im Ranking der wichtigsten Exportmärkte mit einem leichten Minus von 2,8 %, gefolgt von der Schweiz mit plus 3 %, Österreich mit minus 3,4 % und den Niederlanden mit plus 11,6 %.

Die Exportmärkte außerhalb Europas entwickelten sich unterschiedlich. Die Exporte in die USA stiegen nach der Überwindung der Folgen der Corona-Krise von Januar bis Juni 2022 um 25,8 % im Vergleich zum Vorjahr. China bleibt zwar auch im Jahr 2022 der zweitwichtigste außereuropäische Exportmarkt für deutsche Möbel, jedoch gingen die deutschen Möbelexporte ins Reich der Mitte im ersten Halbjahr um 10,4 % zurück. Ursächlich hierfür war nicht zuletzt die strenge Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung, die das Wirtschaftswachstum negativ beeinträchtigt und erhebliche Reiseeinschränkungen zur Folge hat.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine führte seit Ende Februar dazu, dass viele deutsche Möbelhersteller ihre Geschäftsaktivitäten in Russland ganz oder teilweise einstellten. In der Folge brachen die deutschen Möbelexporte nach Russland im bisherigen Jahresverlauf um 29 % ein. Dagegen stiegen die Exporte nach Saudi-Arabien um18,7 %.

Importierte Möbel wurden teurer

Die deutschen Möbelimporte legten im ersten Halbjahr 2022 kräftig um 13,5 % auf 5,8 Mrd. € zu. Mit plus 24,1 % auf knapp 1,9 Mrd. € stiegen die Einfuhren aus China überdurchschnittlich stark. Allerdings lag das Wachstum des Importwerts überwiegend an der deutlichen Verteuerung von Möbeln aus chinesischer Produktion – die Importmenge ging im gleichen Zeitraum um 8,6 % zurück. Die Importe aus Polen stiegen um 10,6%, der Anteil Polens an den Gesamtimporten ging jedoch auf 26,2 % zurück. Die Importe aus dem drittplatzierten Italien reduzierten sich leicht um 0,5 %. Die Einfuhren aus Vietnam (+31,9%), der Türkei (+80,4%) und Litauen (+19,2%) stiegen deutlich, während die Einfuhren aus der Ukraine (-18,8%) und Belarus (-25,2%) vor allem aufgrund des andauernden Krieges rückläufig waren.

Auftragseingang könnte einbrechen

Nach internen Erhebungen der Fachverbände stieg der Auftragseingang in der deutschen Küchenmöbelindustrie in den ersten sieben Monaten 2022 um 15,5 %, in der Wohnmöbelindustrie um 12,1 % und in der Polstermöbelindustrie sogar um 25,3 %.

Sorgen bereitet den Möbelherstellern jedoch die Nachfrageentwicklung in den Monaten Juni und Juli. Der Auftragseingang brach im Juli deutlich ein: Die entsprechenden Werte lagen in der Küchenmöbelindustrie um 6,7 % im Minus, in der Wohnmöbelindustrie gingen sie um fast 35 % und in der Polstermöbelindustrie sogar um 38,3 % zurück.

Es zeichnet sich ab, dass das zweite Halbjahr für die Möbelbranche schwieriger werden wird als die ersten sechs Monate. Die höheren Preise für Lebensmittel und Energie, die drohende Gasknappheit sowie die Unsicherheiten über den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs und die Entwicklung der Pandemie drücken auf die Stimmung der Bevölkerung. Wenig erfreulich sind auch die Meldungen aus dem Wohnungsbau. Die höheren Bauzinsen erschweren für Bauherren die Finanzierung ihres Hausbaus deutlich, zudem sinken die Baugenehmigungszahlen.

Materialbeschaffung ist größte Herausforderung

Als größte Herausforderungen nenne die Hersteller den Anstieg der Materialkosten und die Lieferfähigkeit der Vorlieferanten. Als besonders problematisch bei der Beschaffung erweisen sich den befragten Unternehmen zufolge derzeit die Regionen Asien und Osteuropa, was auf die Folgen der Corona-Lockdowns in China und des Ukraine-Krieges zurückzuführen ist. Vor dem Hintergrund der Lieferkettenproblematik streben knapp 60 Prozent der befragten Firmen eine stärkere Diversifizierung ihrer Beschaffung an. Dabei soll insbesondere der Einkauf auf dem Heimatmarkt und innerhalb der Europäischen Union ausgedehnt werden.

Als herausfordernd werden zudem die Energieversorgung und die steigenden Energiekosten eingeschätzt, vor allem im Hinblick auf Vorprodukte, für deren Herstellung gasintensive Erzeugnisse aus der Chemieindustrie benötigt werden. Beim Thema Heizen dagegen ist die Branche wenig tangiert, da die Heizenergie in der Regel durch das Verbrennen von Holzabfällen aus der eigenen Produktion erzeugt wird.

Quelle: VDM/VHK