ForstBranche

70 Jahre: Die ANW schreibt Geschichte

Bearbeitet von Jörg Fischer

Letztes Jahr hätte die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) in Bad Gandersheim ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert. Leider musste die Feier Corona bedingt verschoben werden. Am 20. Juli wurde der Festakt in Bad Gandersheim nun nachgeholt, mit prominenten Gästen.

Warum Bad Gandersheim Veranstaltungsort wurde? Ganz einfach: Eine der ersten Arbeitstagungen der neu gegründeten ANW fand 1950 im sogenannten „Landteil“ bei Bad Gandersheim unter Beteiligung des damaligen Forstamtsleiters, Willy Wobst, statt. Heute, 70 Jahre später, kann man sehr gut sehen, dass sich der pflegliche einfühlsame Umgang mit Wald gelohnt hat. Strukturreicher Mischwald bewährt sich gerade in besonderem Maße im Klimawandel. Die naturgemäßen Grundsätze wie Kahlschlagfreiheit, Baumartenmischung, Altersdifferenzierung, Bodenschutz, Integration von Naturschutz- und Erholungsaspekten sind in den heutigen Waldbauprogrammen der Länder fest etabliert. Das Dauerwaldmodell der ANW ist aus der aktuellen Diskussion über zukunftsfähigen Wald im Klimawandel nicht weg zu denken.

70 Jahre ANW

Im Jahr 1950 wurde die ANW von einer Handvoll Forstleuten mit dem Ziel gegründet, durch stärkere Einbeziehung natürlicher Prozesse in die Forstwirtschaft ökologisch besser fundiert und damit wirtschaftlich erfolgreicher zu werden. In vielen Gegenden Deutschlands wurde das als absurde Kampfansage gegen den klassischen Altersklassenwald mit seinen (damals noch üblichen) Kahlschlägen aufgefasst.

Dr. Hermann Wobst, Sohn von Willy Wobst und ein ANW-Urgestein, hat die Geschichte der ANW von einer kleinen, andersdenkenden Schar forstlicher Exoten bis heute, wo die bundespolitische Walddebatte im erheblichen Maß von den Grundsätzen der ANW begleitet wird, aufgearbeitet. Herausragende Persönlichkeiten wie Karl Dannecker, von Arnswaldt, Philipp zu Salm-Horstmar, Willi Gayler, Willy Wobst und eben auch sein Sohn Hermann haben die anfänglichen Grundsätze zu einem schlüssigen, praxistauglichen und erfolgreichen Waldkonzept weiterentwickelt. Sebastian Freiherr von Rotenhan gebührt das Verdienst, auch in der ANW die Wiedervereinigung Deutschlands aktiv gestaltet zu haben. Außerdem hat er unermüdlich und beispielgebend die Jagd als wichtigen Partner der Forstwirtschaft hervorgehoben. „Ohne habitatangepasste Wildbestände wird es keinen naturgemäßen Mischwald geben“, so sein Statement.

Hans von der Goltz ist seit 2001 Bundesvorsitzender der ANW. Ihm ist es gelungen über zahlreiche geförderte Projekte wie zum Beispiel das BioWild-Projekt oder die Weißtannenoffensive wichtigen Praxisthemen eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Die Ergebnisse liefern sichere Argumente für die fachliche und politische Auseinandersetzung mit Waldverantwortlichen in Politik und Gesellschaft. Die ANW kümmert sich einerseits um die Weiterentwicklung der Waldbaupraxis, andererseits ist sie aber inzwischen auch beteiligt an dem Weg zu politischen Entscheidungen in Berlin und den Ländern.

Der Festakt

Nach der Begrüßung durch die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Bad Gandersheim, Ingrid Lohmann, übernahm Dr. Klaus Merker, Präsident der Niedersächsischen Landesforsten das Wort. Er hob hervor, dass mit dem LOEWE-Programm der Landesforstverwaltung von 1991 bundesweit wohl erstmalig ein ganzheitlicher Waldbauansatz auf ökologischer Grundlage ins Leben gerufen wurde. Er beinhaltet auch wesentliche Elemente naturgemäßer Waldwirtschaft der ANW.

Eckart Senitza, Präsident von ProSilva Europa, stellte mit einem gewissen Stolz fest, das seit kurzer Zeit naturnahes Gedankengut auch in der europäischen Forstpolitik in Brüssel angekommen sei. So werde z. B. in der EU-Forststrategie konkret auf die Grundsätze naturgemäßer Waldbewirtschaftung verwiesen.

Dr. Stefanie von Scheliha-Dawid aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium bestätigte, dass wesentliche ANW-Grundsätze zum Beispiel in der Diskussion um die Waldstrategie 2050 der Bundesregierung wie selbstverständlich aufgenommen worden seien. Viele Interessengruppen erwarten von der Bundesregierung finanzielle Unterstützung. Von der Goltz erklärte, dass die ANW gern dazu bereit wäre, an Konzepten mitzuarbeiten, um dieses Geld sinnvoll und zielorientiert beim Waldumbau einsetzen zu können.

Prof. Dr. Manfred Schölch, Waldbauprofessor aus München, hob hervor, dass sich die waldbaulichen Lehrinhalte immer stärker an den naturnahen Grundsätzen orientieren. Zahlreiche Forschungsvorhaben bestätigen inzwischen, dass die Praxiserfahrung der ANW in Verbindung mit wissenschaftlicher Begleitung zielführend sei.

Unter dem Titel „Meilensteine der ANW“ rückte Dr. Hermann Wobst wegweisende Erkenntnisse in 70 Jahren naturgemäßer Waldbewirtschaftung in den Fokus. Insbesondere die Abkehr vom Kahlschlag und die einzelbaumorientierte Waldpflege, die Bedeutung des gesamten Waldökosystems für die Waldstabilität und die Einmischung in politische Entscheidungsprozesse sind einige markante Merkmale, die die deutsche Forstwirtschaft maßgeblich beeinflusst haben. Dr. Wobst gilt ein großer Dank dafür, dass er die „Meilensteine der ANW“ in einem Sonderheft festgehalten hat. Hätte er sich dieser Mammutaufgabe nicht gewidmet, wäre die Geschichte der ANW nach und nach in Vergessenheit geraten.

Und zu guter Letzt…

…zog man im Anschluss an den Festakt in den nahegelegenen Wald. Bei einer kurzweiligen Exkursion lauschten die Gäste den spannenden Ausführungen von Dr. Wobst und konnte an verschiedenen Stationen die naturnahen Grundsätze der ANW hautnah sehen und spüren.

Red./Quelle: Hans von der Goltz/ANW und Dirk Strauch/ANW Niedersachsen