Die Welt im Wald entdecken
„Nachhaltigkeit“ und „Nachhaltige Entwicklung“ sind heute in aller Munde. Aber wie können wir unseren Kindern vermitteln, was nachhaltiges Handeln bedeutet? Wie können wir den Grundstein zu einem fairen weltweiten Miteinander, für ein bewusstes Konsumieren, für eigene Initiativen und Beiträge zur Erhaltung unserer Natur legen? Alles Fragen, mit denen sich Waldpädagogen und Erzieher häufig auseinandersetzen.
Bundesweit werden 20 so genannte „Förster-Erzieher-Tandems“ gebildet, die gemeinsam in Workshops im Bereich BNE qualifiziert und bei der Entwicklung von konkreten BNE-Projekten begleitet und unterstützt werden. Um der im Rahmen von BNE geforderten interdisziplinären Herangehensweise gerecht werden und die Projekte möglichst vielfältig gestalten zu können, sind die „Tandems“ aufgefordert, mindestens einen weiteren Akteur aus einer anderen Fachrichtung in ihre Arbeit einzubeziehen. Diese „Paten“ können aus dem Naturschutz, der Entwicklungshilfe, einer Kirche, einem Unternehmen oder der Kultur- und Sozialarbeit kommen.
Die Ergebnisse des Projektes werden abschließend publiziert und so allen Interessierten zugänglich gemacht. Ferner werden auf Basis der entwickelten Projekte bundesweite Fachtagungen angeboten.
BNE in Wald und Kindergarten
Der Kongress für Frühpädagogik „Die Welt im Wald entdecken“ der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) im Internationalen Jahr der Wälder 2011 in Limburg war die Auftaktveranstaltung für dieses bundesweite Projekt. Mehr als 80 Teilnehmer waren aus dem gesamten Bundesgebiet angereist, um sich zum Thema „BNE in Wald und Kindergarten“ zu informieren.
Der erste Tag ermöglichte den Kongressteilnehmern einen Überblick über die Möglichkeiten, die Wald als Lern-, Spiel- und Erfahrungsraum, aber auch als Thema in der Bildungsarbeit bietet. Sechs Impulsreferate beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven.
- „Zurück auf die Bäume“: Dr. Andreas Weber, bekannt durch seinen Essay „Lasst sie raus“ in GEO und Träger des Reporterpreises 2010, betonte, dass Kinder ihre seelischen, körperlichen und geistigen Potenziale nur im Kontakt mit der Natur entfalten können. Er forderte daher mehr „kontrollfreie“ Räume zum Spielen und Erfahren in der Natur anstatt in einer von Erwachsenen künstlich gefertigten Lernumgebung.
- „Der Wald ist voller Wörter“: Oliver Balke (Forststation Rheinelbe, Gelsenkirchen) und Sigrid Brusinski (Städt. Kindertagesstätte Leithestraße, Gelsenkirchen) zeigten, welche (zunächst auch unerwarteten) Effekte regelmäßige Waldbesuche auf die Entwicklung der Kindergartenkinder haben können. So zeigte sich, dass die Aufenthalte im Wald auffällig konfliktarm und in entspannter Atmosphäre verliefen. Ferner fördern die vielfältigen Beobachtungen und Erfahrungen der Kinder im Wald natürliche Sprachanlässe und tragen zu einer ganzheitlichen Sprachförderung bei.
- „Integrationskindergärten in Korea“: Dr. Hee Jung Chang (Seoul, Südkorea) gab einen Überblick über die Entwicklung von Waldkindergärten in Südkorea. Hierbei fokussierte sie auf einem integrativ arbeitenden Kindergarten, in dem behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernen. Chang betonte, dass die Herausforderungen, die die Natur bietet, für die Entwicklung aller Kinder förderlich ist.
- „Kinder im Garten – BNE am Beispiel Bambus“: Dr. Ulrike Brunken (Palmengarten Frankfurt) stellte ein dreitägiges Bildungsangebot für Kindergärten im Raum Frankfurt vor. Am Beispiel des Bambus (der weltweit eine Fläche von 37 Mio ha bedeckt) zeigte sie, wie Kinder die ökologische, ökonomische und sozial-kulturelle Bedeutung einer (Wald-)Pflanze für uns Menschen selbständig und interaktiv entdecken können.
- „Wald der Bilder“: Stefan Asenbeck und Michaela Soiderer (Kreativo, München, und Preisträger des Deutschen Waldpädagogikpreises 2011) zeigten eindrucksvolle Bilder des Natur-Kunst-Pfads im Isental. Kinder, Jugendliche und Erwachsene lassen dort in unterschiedlich gestalteten Projekten Kunstwerke und Kunstobjekte entstehen. Spannend hieran ist die ungewöhnliche Auseinandersetzung mit dem Wald: von mystisch bis modern, vom Theaterstück bis zum Umweltprojekt.
- „SOKO Wald – Auf den Spuren des Unsichtbaren“: Julia Hoffmann (SDW) erläuterte das Konzept der Deutschlandtour der Waldmobile zum Internationalen Jahr der Wälder. Im Rahmen der „SOKO Wald“ wurden Kinder zu „Ermittlern“ und machten sich mit allen Sinnen auf die Suche nach dem „Wald“ in der Stadt. Ausgestattet mit Kameras und Diktiergeräten zogen die Kinder los, um Produkte zu finden, die aus dem Wald kommen und entdeckten so die Bedeutung der Wälder für die Städte auf beeindruckende und oft unerwartete Weise. Ferner wurde den jungen Ermittlern schnell klar, dass wir tagtäglich Waldprodukte konsumieren, die aus Rohstoffen unserer Wälder weltweit produziert werden.
Der Wald ist voller Nachhaltigkeit
Am zweiten Tag der Veranstaltung standen Bildung für nachhaltige Entwicklung und das neue Projekt: „Der Wald ist voller Nachhaltigkeit“ im Mittelpunkt. Nach zwei Impulsreferaten waren dann die Teilnehmer der Veranstaltung gefordert. Im Rahmen eines Open Space wurden Chancen und Möglichkeiten für eine BNE in Wald und Kindergarten herausgearbeitet.
- „Bärenstarke Kids“: Asha Scherbach (Waldkindergarten der AWO Obertshausen) berichtete über Waldkindergartenkinder, die sich auch nach dem Wechsel in die Schule weiterhin regelmäßig in „ihrem Wald“ treffen und gemeinsam mit den ehemaligen Pädagogen Programme im Wald durchführen. Diejenigen dieser Kinder, die später Interesse haben, Kinder-und Jugendgruppen im Wald zu betreuen, können sich in Kooperation mit dem Landesbetrieb Hessen-Forst zum „Naturleiter“ qualifizieren lassen.
- „Die Welt im Wald entdecken“: Dr. Beate Kohler (Universität Freiburg) und Ute Schulte Ostermann (Bundesverband für Natur und Waldkindergärten) führten in die Grundlagen der BNE ein und stellten das Projekt „Der Wald ist voller Nachhaltigkeit vor“. Ihr Beitrag war die Basis für das nachfolgende Open Space.
- Im Rahmen des Open Space „BNE im Wald: Chancen und Möglichkeiten“ waren die Teilnehmer aufgefordert, ihre Interessen, Fragen, Wünsche und Bedürfnisse zu einer BNE in Wald und Kindergarten zu äußern. In selbstgewählten Kleingruppen fand ein Austausch statt, Vorschläge und Ideen wurden ausarbeitet und im Plenum präsentiert. Die Ergebnisse des Open Space sollen im Projekt Berücksichtigung finden.
Fazit
Der Kongress hat erneut gezeigt, dass „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auch im Wald alternativlos ist. Dabei sollen die Kinder keineswegs mit von Erwachsenen zu verantwortenden komplexen Problemen nicht-nachhaltiger Entwicklung überfrachtet werden, sondern ausgehend von ihren eigenen Fragen altersgemäß auf ein Leben in unserer komplexen Weltgemeinschaft vorbereitet werden.
Die Teilnehmer waren sich einig, dass Erlebnisse, Freude und Abenteuer im Wald wesentliche Voraussetzungen sind, damit Kinder sich mit zusammenhängenden Themen nachhaltiger Entwicklung im Wald auseinandersetzen können und wollen.
Zusatzinfo: "Der Wald ist voller Nachhaltigkeit" ...
... ist ein Gemeinschaftsprojekt des Bundesverbandes der Natur und Waldkindergärten in Deutschland (BvNW) und der Universität Freiburg (Institut für Forst- und Umweltpolitik) sowie den Landesforstverwaltungen der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen, der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) sowie Partnern aus Österreich (Verband Österreicher Förster), Südkorea (die Nichtregierungsorganisation NALMANNAUNSUB – was so viel heißt wie „sich im Wald treffen“) sowie Japan (Lizuna Outdoor & Nature Experience Center). Ferner hat die Stiftung Silviva aus der Schweiz Interesse an einer Teilnahme bekundet. Das Projekt wird gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und den beteiligten Forstverwaltungen.
Beate Kohler, Christoph Rullmann, Ute Schulte-Ostermann



































