Redaktion
19.05.2010 | Waldkunde | Waldökologie

Waldwirtschaft 10 Jahre nach dem Orkan „Lothar“

Mit dem Orkanereignis vom zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1999 ist über Europa eine Katastrophe bisher unbekannten Ausmaßes hereingebrochen. Verbarrikadierte Straßen und Gleise, abgedeckte Dächer, 110 Todesopfer. Die meteorologischen Stationen verzeichneten die höchsten jemals bei uns gemessenen Windgeschwindigkeiten: Auf dem Feldberg streikte das Messgerät bei 212 km/h, auf dem Hohentwiel wurden gar 272 km/h gemessen! Am augenfälligsten hatte „Lothar“ im Wald gewütet.

Blick auf den Siedigkopf im Nordscharzwald während der im Frühjahr 2009.
Foto: Wolf Hockenjos
In Baden-Württemberg, mit Schwerpunkt Nordschwarzwald, lagen 30 Mio Fm Holz am Boden (das Dreifache einer normalen Jahresnutzung), wobei Kahlflächen von 40 000 ha entstanden sind. Kontinentweit waren 200 Mio Fm Sturmholz zu beklagen, davon allein in Frankreich 140 Mio; mit eingerechnet allerdings die Schäden des Orkans „Martin“, der
48 Stunden nach „Lothar“ über Frankreich hinwegraste – und der gottlob nach Süden abgedreht hatte. Insgesamt wurde der volkswirtschaftliche Schaden mit 11,5 Mrd €, der Versicherungsschaden mit 6 Mrd $ beziffert, bis dato einer der teuersten Schadensfälle
überhaupt!
 
Eigentlich hatte man ausgangs des Jahrhunderts ja geglaubt, mit dem Orkan „Wiebke“ (der in der Nacht vom 28. Februar zum 1. März 1990 über Mitteleuropa hinweg gerast war) den Jahrhundertsturm längst hinter sich zu haben. Mit 70 Mio Fm hatte der mehr Sturmholz hinterlassen als alle bis dahin verbuchten Sturmholzmassen zusammen gerechnet. Weil schon damals der Holzmarkt nach soviel Bruch und Wurf im Wald heillos übersättigt war, wurde erstmals in großem Stil die Beregnung (Nasskonservierung) von Stammholzpoltern praktiziert. Das personalaufwendige Krisenmanagement nach „Wiebke“ sollte so zur Generalprobe geraten für die ganz große Katastrophe zum Jahrtausendende.
 
Waldwirtschaftliche Umkehr?
 
Förster und Waldeigentümer, private wie öffentliche, sahen sich schon nach „Wiebke“ bundesweit zur waldwirtschaftlichen Umkehr aufgerufen – nicht so sehr durch selbst ernannte Bußprediger und Naturschützer, als vielmehr durch die Länderforstverwaltungen selbst: Denn es waren vorzugsweise naturwidrige Fichtenreinbestände, die geworfen worden sind. Waren die immensen Schäden etwa nicht überwiegend hausgemacht, verursacht durch allzu viel Nadelholzanbau in den zurückliegenden Jahrhunderten und durch allzu hohe Holzvorräte im Wald?

Seit „Wiebke“ jedenfalls hieß die waldbauliche Devise landauf, landab: Umbau der Waldbestände in stabilere Mischwälder! Naturnähe war angesagt, und die Pflanzung standortgerechter Mischbaumarten erfolgte fortan am goldenen Zügel öffentlicher Förderprogramme, kofinanziert von Brüssel und vom Land. War „Wiebke“, so wurde erstmals gefragt, womöglich ein Vorbote des Klimawandels? Nicht einmal ein Jahrzehnt später ließ „Lothar“ mit seiner noch gewaltigeren Wucht kaum mehr Zweifel an der Treibhaustheorie aufkommen. Resignation machte sich breit unter den Waldbesitzern und die Ohnmacht gegenüber einer womöglich durch den Menschen verursachten höheren Gewalt setzte einen erneuten Umdenkungsprozess in Gang: Wozu noch Waldumbau, wozu die Pflanzung sturmfesterer Baumarten, wo doch die Spitzenböen diesmal schlichtweg alles kurz und klein geschlagen haben, naturwidrige Monokulturen ebenso wie naturnahe Plenterwälder?

Am raschesten zog der Großprivatwald die Konsequenz aus dem Debakel: Herunter mit den Umtriebszeiten, auf Neudeutsch „short rotation“, Halbierung der Produktionszeiträume, so wurde argumentiert, auf dass kommende Orkane die Bäume nicht mehr gar so leicht würden aushebeln können! Der Waldumbau-Elan der 1990er-Jahre und die Wende hin zur naturnahen Waldwirtschaft sind nach dem GAU „Lothar“ ziemlich schlagartig zum Erliegen gekommen, auch im öffentlichen Wald. Schließlich hatte man genug am Hals mit dem großen Aufräumen und mit dem Wiederaufforsten, zumal nach dem erneuten Zusammenbrechen der Holzpreise. Obendrein hatte man sich ja auch noch mit den Auswirkungen der Reformen herumzuschlagen, die in Baden-Württemberg und anderswo über die Forstverwaltungen hinwegfegten, wiewohl die Förster von den Politikern doch eben noch gelobt und gepriesen worden waren ob ihrer
Tatkraft und der organisatorischen Glanzleistungen bei der Schadensbewältigung, beim Einsatz von Legionen betriebsfremder Waldarbeiter und der Forstmaschinenunternehmer aus aller Herren Länder.
 
Das Wehklagen ist erstaunlich rasch verstummt
 
Dennoch ist das Wehklagen über die Sturmschäden nach „Lothar“ erstaunlich rasch verstummt, als die Sturmholzberge vermarktet und die gröbsten Spuren der Verwüstung beseitigt waren. Ökologen und Ornithologen hatten schon bald da­rauf verwiesen, dass die ökonomische Katastrophe ökologisch auch neue Chancen eröffnete, etwa für die vom Aussterben bedrohten Hasel- und Auerhühner. Bürgermeister und Kurdirektoren in den mit Wald allzu reich gesegneten Schwarzwaldgemeinden hatten sogar hörbar aufgeatmet, weil „Lothar“ ihnen unversehens neue Aus- und Fernblicke beschert hatte. Oben am Schliffkopf
eröffneten die Naturschützer den „Lotharpfad“, am Plättig die Stadt Baden-Baden einen „Wildnispfad“. Die Klettersteige am Rande der Schwarzwaldhochstraße, quer durch die Sturmverhaue, wurden alsbald zu vielbesuchten touristischen Attraktionen. Wird hier doch den Besuchern (jeweils bis zu 100 000 pro Jahr) auf das Eindrucksvollste vorgeführt, wie die Natur sich selbst behilft bei der Wiederbewaldung von Orkanflächen.
 
Dort hat es mittlerweile zwischen vermorschenden Stämmen und Wurzeltellern den Anschein, als habe die Natur vielerorts die bessere Strategie gewählt als die Förster, soweit die sich auf kostspielige Räumungen defizitärer und kaum mehr verkäuflicher Sturmhölzer eingelassen hatten mit anschließender Bepflanzung der Kahlflächen. Hatte es an Mut zum Liegenlassen gefehlt, oder wären die Verhaue geradewegs zu Brutkammern von Buchdruckern und Kupferstechern geworden, deren Massenvermehrung in der Folge kaum mehr beherrschbar gewesen wäre?
 
Das Problem Jungbestandspflege
 
Inzwischen wird lebhaft darüber gestritten, wie denn mit den Lotharflächen weiter zu verfahren sei: Müssen die gepflanzten Jungbestände wie auch die durch natürliche Ansamung auf den Kahlflächen entstandenen Dickungen (einschließlich der dort sich breit machenden Pioniergehölze aus Birken, Aspen, Weiden und Ebereschen) nun auch noch teuer gepflegt werden, oder darf man sie einstweilen auch sich selbst überlassen unter Ausnutzung natürlicher Selbstdifferenzierungsprozesse? Nur etwa ein Drittel der Orkanflächen war bepflanzt worden im Bereich der Freiburger Forstdirektion, der Rest blieb der natürlichen Sukzession überlassen. Doch werden die Waldeigentümer weiter stillhalten, wenn sich anstelle von Naturverjüngung Scheinbestockungen breit machen, was dann? Wird man im großen Stil auf die Douglasie zurückgreifen oder auf was sonst?
 
Was für Lehren hat „Lothar“ erteilt?
 
Klar ist immerhin, dass überall dort, wo zum Zeitpunkt des Sturmereignisses bereits Waldverjüngung vorhanden war unter dem noch intakten Schirm der Bestände, wo vor dem GAU bereits Verjüngungsvorräte an jungen Buchen, Tannen und Fichten gehortet worden waren, sich das Durchstarten der neuen Waldgeneration (und damit die neuerliche Holzproduktion) weithin problemlos gestaltet. Es sei denn, das Rehwild hätte dem Waldwirt einen Strich durch die Rechnung gemacht und die verbissempfindlichen Baumarten inzwischen herausselektiert. Den amtlichen Verbissgutachten zufolge hat sich das Reh im Schlaraffenland der Schlagflora vielerorts derart vermehrt, dass die Mischung der neuen Waldgeneration gefährdet ist. Mit herkömmlichen jagdlichen Mitteln erweisen sich die riesigen Dickungskomplexe als kaum mehr erfolgreich bejagbar, sodass eine Bevölkerungsexplosion droht.

Zwar sind die Wunden, die „Lothar“ geschlagen hat, noch längst nicht vol­lends verheilt, doch ansonsten ist bei den Forstbetrieben angesichts der sich allmählich wieder erholenden Holzpreise wieder Normalität eingekehrt. Nicht zuletzt, weil der Orkan „Kyrill“ am 18. Januar 2007 (mit geschätzten 59 Millionen Festmetern Sturmholz) sich schwerpunktmäßig weiter nordwärts ausgetobt hat. Ein Trauma dürfte bei manchem dennoch zurück geblieben sein, auch wenn das Langzeitgedächtnis oft rascher nachzulassen pflegt, als es dem Wald zuträglich ist. Aus der Feder des bekannten Schweizer Forstmannes Walter Ammon (in seiner 1937 erschienenen, vielbeachteten Schrift „Das Plenterprinzip in der Waldwirtschaft“) liest sich dieser Verdrängungsvorgang so:
„Größere Waldkatastrophen gaben jeweilen die äußere Veranlassung, einige Zeit über die wünschbaren Heil- und Abwehrmittel zu reden und zu schreiben. Aber meist windet und dreht man sich dabei wie eine Katze um den heißen Brei.“ Keine Frage: „Lothars“ wichtigste Lehre gilt der Verjüngung der Bergmischwälder unterm Bestandesschirm.

Ob sich die Orkane in Mitteleuropa künftig häufen werden, ob ihre zerstörerische Gewalt in der Dampfküche des Treibhauses weiter zunehmen wird, lässt sich aus den Klimadaten einstweilen noch nicht Schwarz auf Weiß belegen, wenngleich vieles dafür spricht. Zu befürchten ist allemal, dass den Wäldern im Zuge des Klimawandels unruhigere Zeiten bevorstehen werden, und meteorologische Extremereignisse à la „Lothar“, aber auch  Starkniederschläge, Trockenjahre und Insekten-Massenvermehrungen werden wohl nicht mehr als Jahrhundertereignisse in die Waldgeschichte eingehen. Reden wir deshalb (mit Ammon) nicht um den Brei herum: Für die Waldwirtschaft wird es desto unumgänglicher, beizeiten für eine breitestmögliche  Risikostreuung zu sorgen, durch
 
  • möglichst tief wurzelnde, sturm- und trockenheitsfeste, durch Borkenkäfer-Massenvermehrungen wenig gefährdete Baumarten (wie der Weißtanne);
  • Mischung mit winterkahlen Bäumen (sodass im Winter die Wasserspeicher bestmöglich nachgefüllt werden können);
  • kleinklimatisch optimale Waldstrukturen (wie sie die ungleichaltrige und stufige Plenterstruktur bietet);
  • möglichst großflächige Naturverjüngungen unterm Altholzschirm, die am ehesten die Gewähr bieten für die unabdingbaren genetischen Anpassungsvorgänge.
Weil absehbar ist, dass auch der Wald der Zukunft unterschiedlichsten Anforderungen genügen muss, sowohl ökonomischen wie auch ökologischen und gesellschaftlichen, verbietet sich die kurzumtriebige Plantagenwirtschaft zur Vorbeugung gegen die Gewalt der Stürme von selbst, jenes Denkmodell, das als „Paradigmenwechsel“ nach „Lothar“ kurzzeitig den forstwirtschaftlichen und -wissenschaftlichen Diskurs beherrschte. Denn Nachhaltigkeit, das altehrwürdige, vor bald 300 Jahren von den forstwissenschaftlichen Klassikern eingeführte Prinzip, das als Maxime heute in aller Munde ist, will nun einmal umfassender
verstanden sein.

Wolf Hockenjos

Wolf Hockenjos war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2005 Leiter des staatlichen Forstamtes Villingen-Schwenningen.

Fotos und Tabellen zum Artikel
  
Blick auf den Siedigkopf im Nordscharzwald während der Aufräumarbeiten im Frühjahr 2000.
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