Urbaner Wald und Urbane Forstwirtschaft im Jahr der Wälder
Urbaner Wald und Urbane Forstwirtschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen rapide verändert. Das 21. Jahrhundert bringt nicht nur neue Herausforderungen wie die Auswirkungen des Klimawandels und die anhaltende Urbanisierung mit sich, es fordert von Fachleuten der Grünflächen- und Landschaftsplanung auch eine gewisse Neuorientierung, diese Konsequenzen angemessen zu tragen, bzw. sie zum Wohle unserer Gesellschaft zu beeinflussen. Teil 3 des Beitrags steht unter dem Motto "Sukzession".
Foto: Astrid Hamm
Aber sollten wir nicht v.a. versuchen, aktuelle Missstände zu beheben, die den Stadtbäumen ‚das Leben schwer machen‘, bevor wir uns ausschließlich auf ‚neue‘ Problematiken konzentrieren? Zum einen werden neue Baumarten und neu gezüchtete Baumsorten gepflanzt, die extremen Wetterbedingungen, neuen Schädlingen und Krankheiten und anderen Widrigkeiten trotzen sollen. Konträr dazu bekommen die meisten dieser neu gepflanzten Bäume nicht die Möglichkeit, älter als einige Jahrzehnte zu werden, da ihre Lebensräume immer weiter eingeschränkt werden, was ein Überleben auf Dauer unmöglich macht.
Verstädterung und Flächen-versiegelung/Flächenreduktion
Fachleute im urbanen Grünflächenbereich müssen sich zunehmend mit einem altbekannten Problem, nämlich der zunehmenden Flächenversiegelung und deren Konsequenzen für städtisches Grün, auseinandersetzen. Immer mehr Naturflächen in und um Städte und ihre Randbezirke werden bebaut und Oberflächen versiegelt, was vor allem städtischen Bäumen als größten Elementen der grünen Infrastruktur in Städten immer weniger Platz für ihr Wachstum lässt, das heißt ihre (Über-)Lebensvoraussetzungen werden zunehmend reduziert. Trotz besseren Wissens in Bezug auf die Bedeutung von städtischen Bäumen räumt die Stadtplanung diesen immer weniger Raum ein. Ausgangsvoraussetzungen wie zu kleine Baumscheiben und unzureichender Platz für Wurzelwachstum, Bodenverdichtung, keine Wasser- u. Nährstoffzufuhr führen oft zu einer schleichenden Zerstörung von Bäumen. Leider dauert es oft viele Jahre, bis Folgeschäden am Baum offensichtlich werden. Die Bäume werden entfernt und in genau derselben ungünstigen Situation mit neuen Bäumen ersetzt, was meistens dazu führt, das deren Lebenserwartung aufgrund schlechter Ausgangsbedingungen noch unter der ihrer ‚Vorgänger’ liegt.
Auch die Beschädigung von Bäumen durch Baumaßnahmen aufgrund unzureichender oder nicht vorhandener Baumschutzmaßnahmen auf Baustellen wird in vielen Fällen nicht berücksichtigt. Wenn Bäume nach Jahren entfernt werden müssen, werden die primären Ursachen solcher Schäden nach so langer Zeit aber häufig nicht mehr geprüft und auf ihre wahren Ursachen zurückgeführt.
Baumpflege und Baumverwaltung
Mit der Finanzkrise wurden vor allem Bereiche wie die Grünflächenverwaltungen der Kommunen dramatischen Budgetkürzungen unterworfen, was sich auch in der städtischen Baumpflege drastisch äußert. Dieses in Deutschland noch „junge“ Fachgebiet wurde in den letzten Jahren häufig auf die Erhaltung der Verkehrssicherheit reduziert. Infolgedessen werden zeitnah angelegte „Pflegemaßnahmen“ aus Sicherheits- und Kostenspargründen (oft nicht fachgerecht) ausgeführt, bzw. vielerorts hat sich in den letzten Jahrzehnten gar nichts geändert im unsachgemäßen Umgang mit städtischen Bäumen. Kappungen und extreme Einkürzungen mögen aus finanzieller Sicht kurzfristig eine Lösung sein, langfristig jedoch schaden sie den Bäumen und führen in den meisten Fällen zu einer maßgeblich geringeren Lebenserwartung, d.h. nach einigen Jahren folgt die Fällung und Neuanpflanzung von Bäumen, was am Ende kostenintensiver ist als fachlich kompetente, nachhaltige Baumpflege.
Diese (altbekannten) Thematiken haben in der näheren Vergangenheit relativ wenig öffentliche Beachtung bekommen im Gegensatz zu den neuen Problemstellungen, die z.B. der Klimawandel mit sich bringt. Dabei schaffen sie in vielen Fällen die Voraussetzung dafür, dass schon geschwächte Bäume geringe Chancen haben, die vom Klimawandel verursachten negativen Einflüsse zu überleben. In der Tat ist es einfacher, die Zerstörung vieler Bäume heutzutage ausschließlich auf die Folgen des Klimawandels zurückzuführen, als sich mit deren ursprünglichen Hintergründen auseinanderzusetzen.
Selbst Experten setzen sich nur eingeschränkt mit der „urbanen Problematik“ auseinander, da eine sachgerechte Betrachtung der Situation oftmals aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Interessen nicht erwünscht ist und die Fällung und Neupflanzung eines Baumes deshalb den einfacheren Weg darstellt, was in Zukunft aber, aufgrund fehlender Finanzmittel, nicht mehr so einfach sein wird.
Sukzession - was bedeutet das?
Sukzession bezeichnet in der Ökologie und Botanik die auf natürlichen Faktoren beruhende Abfolge von Pflanzen- und/oder Tiergesellschaften an einem Standort (progressive Sukzession). Sie findet in allen Ökosystemen statt und bezeichnet eine schrittweise Entwicklung von Pflanzen-/Tiergesellschaften in einer anfangs lebensfeindlichen Umgebung. Im Initialstadium der progressiven Sukzession breiten sich Pionierarten auf unbelebten Flächen aus, besiedeln diese und verbessern die Lebensbedingungen für biologisch höhere Arten.
Sobald sich die fortschrittlicheren Arten ausbreiten, verdrängen sie die Pionierarten und verändern ihrerseits die bestehenden Lebensbedingungen, bis die nächste Lebensgesellschaft mit erneut anspruchsvolleren Arten die Umgebung erobert. Dies geschieht so lange, bis eine Klimaxgesellschaft entsteht, die durch optimale Lebensbedingungen am Standort nachhaltig bestehen kann. Ein anschauliches Beispiel dafür sind einige der ehemaligen Kohlezechen z.B. im Ruhrgebiet, die je nach Stillegungsdatum unterschiedliche Sukzessionsstufen von Waldgesellschaften zeigen.
Die Veränderung der Lebensbedingungen (z.B. durch Ereignisse wie den Klimawandel) kann allerdings auch zu einer rückläufigen (regressiven) Sukzession führen, bei der hochentwickelte Lebensgemeinschaften durch einfacher strukturierte ersetzt werden, die sich an neue, nicht mehr optimale Lebensbedingungen anpassen können.
Dann gibt es noch die allogene Sukzession, in der eine Lebensgemeinschaft den sich langsam verändernden Umweltbedingungen passiv folgt. Die Lebensgemeinschaft stellt dabei eine wesentliche Ursache bzw. einen Antrieb für den weiteren Verlauf der Sukzession dar.
Die Kolonisierung neuer Arten kann die Besiedelung anderer, neuer Arten entweder begünstigen oder erschweren bzw. ganz verhindern. Grundsätzlich jedoch hat jede Lebensgemeinschaft einen entsprechenden Anteil an der unmittelbaren Veränderung ihrer Umweltbedingungen.
Sukzession als Paradigma - was hat dies mit städtischem Grün und Stadtbäumen zu tun?
Da wir als „Hauptgattung“ im Ökosystem Erde einen maßgeblichen Einfluss auf dessen Entwicklung haben, sollten wir es auch als unsere Pflicht sehen, diese so zu gestalten, dass eine Weiterentwicklung möglich ist. Auch wenn es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, ob wir nun die Verursacher des Klimawandels sind oder diesen in nicht geringem Ausmaß (negativ) beeinflussen.
Fakt ist, dass wir als „intelligente Gattung“ in einer Zeit des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts auch die große Verantwortung tragen, Leitbilder für eine progressive Veränderung zu präsentieren.
Den derzeitigen Stand der Entwicklung im urbanen Grünflächenbereich könnte man durchaus als „allogene Sukzession“ betrachten. Der entscheidende Unterschied zu dieser besteht jedoch darin, dass sich die aktuellen Umweltbedingungen nicht langsam verändern und die Verantwortlichen dieser Entwicklung zum Teil auch nicht passiv folgen, sondern sie (zumindest teilweise) zu deren Ungunsten beschleunigen, mit Begründungen wie mangelnde Ressourcen, keine Entscheidungsalternativen.
Sei es zum Beispiel, dass großwüchsige Jungbäume in kleinste Baumscheiben gepflanzt und mit verschiedensten technischen Mitteln und Methoden angestrebt wird, das Wurzelwachstum einzuschränken oder in tiefere Regionen zu zwingen. Das mag bei manchen Arten bzw. in manchen Fällen gelingen, ist aber langfristig keine Erfolg versprechende Strategie, das Baumwachstum im urbanen Bereich an die technischen Vorgaben der Stadtplaner anzupassen. Oder sei es der Rückgang bzw. die „Verunkrautung“ kleiner, lokaler Grünflächen (mit Bäumen) aufgrund fehlender Mittel für deren Pflege oder das Fällen und nicht Ersetzen von Straßenbäumen, um nur einige Beispiele zu nennen. Gerade in der Baumpflege und Baumverwaltung wird die Planung und Pflege häufig auf deren technische Aspekte beschränkt (eine vereinfachte Betrachtungsweise, die sich kurzfristig auch als kostengünstiger darstellt), ungeachtet der biologischen und biochemischen Bedürfnisse von Bäumen.
Die deshalb praktizierten Maßnahmen führen letztendlich zu einer „regressiven Sukzession“, wie man vielerorts schon beobachten kann, nämlich zu vernachlässig-ten „Grünflächenbrachen“. Nachhaltiges Denken (professionell und gesellschaftlich), auch in Bezug auf städtische Bäume, wird nicht nur das Opfer fehlender finanzieller Mittel, sondern ist vielerorts einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber der Gesellschaft und unserer Zukunft gewichen.
Neue Konzepte
Insbesondere Fachleute aus den betroffenen Bereichen der Grünflächenplanung sind gefordert, neue Konzepte für urbane Grünflächen mit Bäumen zu finden, anstatt „altbewährte“ weiter zu verwenden, die sich heute aufgrund vielschichtiger Veränderungen nicht mehr bewähren können. Dazu gehört, unter anderem, auch das Miteinbeziehen von Experten aus anderen Bereichen, wie z.B. den Sozial- und Gesundheitswissenschaften, da es wissenschaftlich erwiesen ist, dass sich die grüne Infrastruktur (grundlegend geprägt durch Bäume) im städtischen Bereich maßgeblich auf die menschliche Gesundheit und ihr Wohlbefinden auswirkt. Weiterhin ist die vermehrte Integration und Zusammenarbeit mit der Bevölkerung gefordert, um deren Aufmerksamkeit und Verständnis für die derzeitige Lage durch vermehrte Aufklärung zu erreichen.
Und vielleicht müssen wir uns im Rahmen der zunehmenden städtischen Baumaßnahmen, erweiterter Infrastruktur, erhöhten Verkehrs und fehlender finanzieller Mittel in der öffentlichen Verwaltung Fragen stellen wie: Müssen wir uns entfernen vom „Großdenken“ („Think Big“), d.h. weg von der Konstruktion groß angelegter, monumentaler Parkanlagen und Alleen, wenn diese nicht mehr finanziert werden können? Sind grüne Elemente wie öffentliche Parkanlagen mit kilometerlangen Baumalleen und Rasenflächen ein Konzept der Vergangenheit? Oder ist das Pflanzen von Straßenbäumen nicht mehr zeitgemäß?
Vielleicht aber wollen wir Bäumen auch wieder angemessene Bedingungen für ihr Wachstum zugestehen, und sie nicht vollkommen auf unsere Vorstellungen von hübsch aussehenden kleinen „Semi-Bonsai Zierbäumchen“ in zu kleinen Baumscheiben zu reduzieren, wie es oft auf Landschaftsplänen dargestellt wird?
Fazit
Selbst mit den aktuellen Forschungsergebnissen im Bereich Bäume und Klimawandel sind die Experten der Meinung, dass man allerhöchstens für die nächsten fünf Jahrzehnte Prognosen einer Entwicklung wagen kann, und auch diese infrage gestellt ist, da die Auswirkungen des Klimawandels langfristig nicht absehbar sind.
Deshalb sollten wir anfangen, uns mit den Problemen, auf die wir Einfluss nehmen können, in einer wirklichkeitsnahen Weise auseinanderzusetzen, um städtischen Bäumen eine Überlebenschance in Bezug auf die Auswirkungen des Klimawandels zu geben. Machen wir so weiter wie bisher, werden sich die Folgen des menschlichen Handelns in zunehmendem Ausmaß als regressive Sukzession äußern, in der „höhere“ allmählich von „einfachen“ Arten verdrängt und ersetzt werden, was auf vielen Flächen, auch im städtischen Grün, schon der Fall ist. Ohne Zweifel wird dies in bestimmtem Ausmaß durch den Klimawandel weiterhin geschehen, aber wir als Fachleute und Verantwortliche mit dem entsprechenden Wissen haben die Möglichkeit, den menschlich bedingten Anteil daran einzudämmen, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass urbane Grünflächen angesichts der ansteigenden Zerstörung natürlicher Freiräume und deren zunehmender Bebauung an Bedeutung gewinnen!
Experten aus verschiedenen Disziplinen sollten sich bemühen, zusammen mit der Öffentlichkeit, angemessene Lösungsansätze zu finden. Denn Leitbilder von interdisziplinären Teams, unter Berücksichtigung aller gegebenen Umstände, sind weitaus effektiver und nachhaltiger als Vorgaben einzelner Experten mit - auf ein Fachgebiet - limitierter Betrachtungsweise. Dies ist aber nur dann möglich, wenn Experten sich gegenseitig respektieren, sowie auch unserer natürlichen Umgebung und der Gesellschaft gegenüber eine gewisse Demut jenseits des finanziellen oder persönlichen Gewinns entgegenbringen, die in den letzten Jahrzehnten bei vielen verloren gegangen zu sein scheint.
Wir müssen lernen, dass wir die Natur in einem gewissen Umfang an unsere Vorgaben anpassen können. Aber wir werden nie in der Lage sein, sie ganz zu bezwingen.
Astrid Hamm
Teil 2 des Beitrags „Urbaner Wald und Urbane Forstwirtschaft im Jahr der Wälder“ befasst sich mit Problematiken der gegenwärtigen Pflege und Erhaltung städtischer Gehölze. Er erschien unter dem Motto "Innovation" in AFZ-DerWald 20/2011 am 17. Oktober.
Teil 1 des Beitrags: Tradition







































