Redaktion
08.09.2011 | Forsttechnik | Arbeitssicherheit

Waldarbeit - niemals oben ohne

Beim Arbeiten im Wald ist das Tragen einer Schutzausrüstung vorgeschrieben. Dazu gehört auch ein Helm mit Gehör- und Gesichtsschutz. Doch das Angebot ist groß und schwer zu durchschauen. Peter Richter erläutert die unterschiedlichen Ausstattungsmerkmale, auf die beim Kauf zu achten ist.

Neuere Entwicklungen in der Sicherheitstechnik von Helmen reduzieren vor allem die auf den Träger wirkende Aufschlagsenergie.
Foto: Enha
Schutzhelme sind mehrheitlich aus Kunststoff hergestellt, meist aus PE (Polyethylen) oder ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol). Für die Nutzung im Forst sollten sie Signalfarben wie Orange oder Rot tragen. Sie müssen leicht, aber dennoch widerstandsfähig und das Material gegen UV-Strahlung stabilisiert sein. Die hat nämlich zur Folge, dass der Kunststoff mit der Zeit versprödet und so der Helm seine Schutzfunktion einbüßt. Daher ist dessen Lebensdauer begrenzt.
 
 
Lebensdauer: vier Jahre
 
Es sind auch Helme erhältlich, die über einen UV-Indikator verfügen. Dabei handelt es sich um einen roten Punkt, der durch Verblassen den Zustand des Helmmaterials anzeigt. In einem so genannten Bewitterungsversuch hat das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (BGIA) festgestellt, dass die Lebensdauer auf vier Jahre nach Inbetriebnahme begrenzt sein sollte. Dem hat sich auch das Prüfinstitut KWF (Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik e.V.)  angeschlossen. Das Herstellungsquartal findet sich unter dem Schirm, daneben auch das Material, aus dem der Helm hergestellt ist, die Kopfweite und das CE-Zeichen. Bei einigen Modellen ist dort auch die Temperaturbeständigkeit angegeben, wobei minus 30 Grad Celsius der höchste Wert ist. Diese Angabe lässt auch einen positiven Rückschluss auf die Hochwertigkeit des Helmmaterials bezüglich der Schlagfestigkeit bei niedrigen  Temperaturen zu.
 
 
Großer Prellraum
 
Wegen der anstrengenden Arbeit im Forst muss der Helm unbedingt über eine gute Belüftung verfügen. Dies erfolgt zum einen durch einen ausreichenden Abstand der Inneneinrichtung mit seinen Bändern zum Helmkörper. Dieser so genannte Prellraum dient dem Abfedern von Beaufschlagungen und verhindert auch, dass spitze Gegenstände, die den Helm durchdrungen haben, nicht sofort auf den Kopf treffen. Er sollte etwa vier bis fünf Zentimeter tief sein.
Daneben sind Belüftungslöcher oder -schlitze seitlich am Helm unverzichtbar, um ein angenehmes Trageklima zu erzeugen. Um gegen äußerliche Einwirkungen direkt auf das Helmdach besseren Schutz zu bieten, ist das Material dort zwischen fünf und sechs Millimeter stark. Allerdings wird so die Aufschlagenergie nicht gemindert, sondern direkt an die Inneneinrichtung und von dort an den Kopf und die Wirbelsäule weitergegeben.
 
Um dies zu mindern, sind derzeit Forsthelme in der Entwicklung, deren Helmdach zweilagig ausgeführt ist. Bei einem Aufschlag zerbricht die obere Schicht und absorbiert so bereits etliche Energie vor deren Weitergabe an den menschlichen Körper.
 
 
Wichtiger Gehörschutz
 
Die Inneneinrichtung besteht aus Textilbändern, die an vier oder sechs Punkten am Helm befestigt sind. Hierbei ist auf gute und ausreichende Verstellbarkeit zu achten, damit ein genaues Anpassen an die jeweilige Kopfform gut möglich ist. Schließlich muss der Helm über viele Stunden am Stück getragen werden. Forsthelme müssen mit Gehörschutzkapseln ausgestattet sein. Sie schützen die Ohren zum einen vor Kälte und Verletzungen, zum anderen vor Hörschäden. Da nach den neuesten Vorschriften ein Wert von 80 dBA am Ohr über längere Zeit nicht überschritten werden darf, müssen die Kapseln schon etliche Dezibel wegfiltern. Leider sind nicht bei allen Motorsägen die Lärmemissionswerte angegeben, doch können sie durchaus bis zu 120 dBA erreichen, was dem Lärm eines startenden Flugzeuges gleich kommt.
 
Allerdings setzen sich die Geräusche aus verschiedenen Frequenzen zusammen, nämlich hohen, mittleren und niedrigen. Hinzu kommt, dass sie nicht linear zunehmen, sondern als wellige Verteilungskurve darstellbar sind. Entsprechend muss auch die Schutzfunktion der Gehörkapsel ausgelegt sein. Daher sollte auf dem Datenblatt, das jedem Helm beiliegen sollte, auch die Dämmungsfähigkeit angegeben sein. Vielfach ist dies dann mit den englischen Bezeichnungen High (H), Medium (M) und Low (L) angegeben und liest sich dann beispielsweise so: H 31 dB (A), M 23 dB (A), L 15 dB (A), SNR = 27 dB (A), wobei der SNR-Wert (signal-to-noice ratio, also das Signal-Rausch-Verhältnis) den logarithmischen Durchschnitt der drei H-, M- und L-Werte bezeichnet. Sind die Lärmemissionswerte der Kettensäge frequenzbezogen bekannt, so lässt sich nach Abzug der Dämpfungswerte leicht feststellen, ob der maximal zulässige Lärmpegel eingehalten wird oder nicht.
 
 
Keine Abschottung
 
Ist für die Kettensäge nur ein Wert angegeben, kann man wenigstens den SNR-Wert abziehen - vermindert um einen Sicherheitsabschlag von 5 dB (A) - um die Dämpfung grob zu prüfen. Wer nun meint, viel hilft viel und sich besonders stark dämpfende Gehörschutzkapseln zulegt, tut sich keinen Gefallen: Denn Untersuchungen der Berufsgenossenschaft ergaben, dass zu starke Dämpfung auf die Dauer ermüdend wirkt, weil sich eine Geräuschisolierung aufbaut. Erschwert ist dann auch die Sprachverständigung und das Erkennen von informationshaltigen Arbeitsgeräuschen. Zudem können Warnsignale überhört werden. Wichtig ist auch die Befestigung der Gehörschutzkapseln: Wackeln sie wie ein Lämmerschwanz, sollte man den Helm sogleich ins Regal zurück legen.
 
Empfehlenswert ist eine stabile Aufhängung an zwei Armen, die es erlaubt, die Kapseln wegzuklappen und sie in dieser Position zu belassen. Auch sollten ausreichende Verstellmöglichkeiten vorhanden sein, um sie genau an die Position des Ohres anpassen zu können. Wichtig ist es auch, den Anpressdruck zu beachten. Erlaubt sind nach der Vorschrift EN 352 14 Newton, doch das dürfte den meisten Nutzern zu viel sein. Es empfiehlt sich daher zu testen, ob das Tragen der Gehörschutzkapseln als angenehm empfunden wird und wenn nicht, wie sich die Mechanik verstellen lässt.  
 
 
Praktisch integrierte Brille
 
Dem Gesichtsschutz kommt ebenfalls eine hohe Sicherheitsbedeutung zu. Angeboten werden Gitter aus Metalldraht oder Kunststoff, die auf jeden Fall hochklappbar sein müssen. Damit zwischen Visier und Helmschirm nichts hindurchfallen kann, sollte der Zwischenraum möglichst gering sein. Auch hier ist es empfehlenswert, zu prüfen, wie die Sicht ist und um wie viel die Helligkeit abnimmt. Im Forst unüblich sind Kunststoffscheiben, da sie zum einen leicht verkratzen und zum anderen schnell mit Harz verschmiert sein können. Gittervisiere schützen allerdings nicht uneingeschränkt gegen Kleinstpartikel wie Holzspäne. Daher empfiehlt sich eine Schutzbrille. Im praktischsten Fall sind diese direkt im Helm befestigt und lassen sich auch dorthinein hochschieben.
 
Brillenbügel, die bei der Nutzung der Gehörkapseln stören, werden nicht benötigt. Für die meisten Forsthelme ist auch ein Nackenschutz verfügbar. Er schützt vor Schnee, Nässe und herab fallenden Nadeln. Während er in den skandinavischen Ländern weit verbreitet ist, sieht man ihn hierzulande eher selten. Das mag damit zusammenhängen, dass er die Belüftung einschränkt und zu einem Wärmestau führen kann. Kinnriemen finden sich nur sehr selten am Forsthelm, da ihn mit seinem vergleichsweise geringen Gewicht zusätzlich zu der Inneinrichtung auch noch die Gehörschutzkapseln halten. Für zahlreiche Modelle sind auch Ersatzteile erhältlich, sodass bei Beschädigungen oder aus hygienischen Gründen nicht unbedingt ein komplett neuer Forstschutzhelm hermuss.
 
Klar ist aber auch, dass eine regelmäßige Inspektion unverzichtbar, und dass nach einer starken Schlagbeanspruchung der sofortige Austausch zwingend ist. Ein neuer Forstschutzhelm soll im kommenden Jahr auf den Markt kommen, der von der bisher üblichen Form abweicht und weit in den Nacken heruntergezogen ist. Die Gehörschutzkapseln sind integriert. Die Form erinnert stark an einen Motorrad- oder Skihelm. Weitere Eigenschaften wollte das Unternehmen derzeit nicht bekannt geben.
 
Einige Hersteller bieten auch Helmfunk an. Hierbei sind die Lautsprecher oder sogar das ganze Funkgerät samt Antenne in die Gehörkapseln integriert. Ein zusätzliches Mikrofon erlaubt den Sprechfunk, vielfach sprachgesteuert, sodass keine Taste bedient werden muss. Natürlich erhöht Helmfunk das Gewicht um rund 450 Gramm und stößt schon deshalb bei vielen Forstarbeitern auf Ablehnung. Bei der Ausbildung, Arbeiten in der Nähe von Maschinen, in unübersichtlichem Gelände oder bei der Baumernte mit Helikoptern kann es aber durchaus sinnvoll oder sogar notwendig sein, Helmfunk zu nutzen. Es sollte nach Aussage des KWF nur darauf geachtet werden, dass diese Systeme sorgfältig gepflegt und trocken gehalten werden, um die Funktion der empfindlichen Elektronik bei der Arbeit im Freien zu erhalten.
 
Forstschutzhelme sind der leuchtende Schutzengel des Forstarbeiters: Sie bewahren ihn vor Kopfverletzungen, schützen vor Sonne, Regen und Schnee, wärmen und schützen die Ohren vor Verletzungen und Gehörschäden, bewahren das Gesicht und die Augen vor Schäden und signalisieren den Standort seines Besitzers. Ein so wichtiges Teil der Schutzausrüstung sollte mit Bedacht ausgewählt und geprüft werden. Und auch der Preis, der derzeit von rund 20 Euro bis knapp 200 Euro reicht, darf nicht das wichtigste Kriterium sein. Denn der Schutzengel kann schnell mal zum Lebensretter werden.

Peter Richter

Social Media



Folgen Sie uns bei:
SUCHE    Erweiterte Suche
Heftarchiv: AFZ-DerWald
RSS-Feed Quickfinder   
ANMELDUNG
BILDERSERIEN

Sonderheft - Historische Motorsägen. www.landecht.de
CD Forstmaschinen: 700 Maschinen und Geräte. www.landecht.de