Das Erbe von August Bier lebt

Im Jahr 1912 hat Geheimrat Prof. August Bier das Revier Sauen erworben, um hier sein „heraklitisches Experiment“ umzusetzen. Heute gilt das Revier Sauen als Beispiel dafür, was die Sandstandorte Brandenburgs bei richtiger Behandlung zu leisten vermögen. Der 150. Geburtstag von August Bier am 24. November ist Anlass für mehrere Veranstaltungen der „Stiftung August Bier für Ökologie und Medizin“, die seit 1994 die Waldflächen bewirtschaftet.

Prof. C. A. Baldamus (2. v.r.) führte eine der Exkursionen durch den Sauener Wald.
Foto: Stephan Loboda
Ganz im Zeichen des 150. Geburtstages von Karl August Bier (geboren 24.11.1861 in Helsen/Waldeck, verstorben 12.3.1949 in Sauen) stand am 11. September die diesjährige Tagung der „Stiftung August Bier für Ökologie und Medizin“ in Sauen. Auf der gemeinsam mit dem Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE) ausgerichteten Vortrags- und Exkursionsveranstaltung standen seine forstlichen Leistungen im Mittelpunkt. Prof. Dr. C. A. Baldamus, Enkel von August Bier und Vorsitzender der Stiftung, würdigte in seiner Begrüßung ausdrücklich die stete fruchtbare Zusammenarbeit mit den Eberswalder forstwissenschaftlichen Einrichtungen.

Der Leiter des LFE, Prof. Klaus Höppner, machte in seinem Grußwort deutlich, dass August Bier im Revier Sauen den von Alfred Möller geforderten Paradigmenwechsel nachweislich praktiziert hatte. „Die Entwicklung der Waldbauauffassungen und Waldbauverfahren in den vergangenen 100 Jahren hat immer wieder gezeigt“, unterstrich Höppner, „dass es Vertreter aus dem Privatwald waren, die innovative Lösungen fanden.“ Vertreter der Eberswalder Forstwissenschaft waren – und sind es auch heute noch – über Jahrzehnte Partner für Sauen. „Sauen gehört zweifellos zu den am besten untersuchten Revieren, nicht nur des Nordostdeutschen Tieflandes, sondern überhaupt in den Wäldern Mitteleuropas.“ Wesentliche Ergebnisse sind in den Ausgaben 6 (1999) und 13 (2000) der Eberswalder Forstlichen Schriftenreihe dokumentiert (www.forst.brandenburg.de). Die intensive wissenschaftliche Begleitung des Versuchsreviers Sauen habe dazu geführt, dass viele Entscheidungsgrundlagen für das Waldumbauprogramm in Brandenburg auf der Sauener Wirtschaft basieren. Höppner sagte weiter: „Das Versuchsrevier Sauen ist damit ein hervorragendes Beispiel für die zielgerichtete generationenübergreifende Entwicklung wissenschaftlicher Vorlaufinformationen zum Nutzen von Wald und Waldwirtschaft. Vor 99 Jahren war es August Bier, der dafür in Sauen die Voraussetzungen geschaffen hat.“
 

Glückliche Ausgangssituation

Zur Erkenntnisgewinnung aus dem Sauener Experiment trug wesentlich Prof. Dr. Joachim-Hans Bergmann bei; er war bis 1998 Leiter der Abteilung Waldbau der Eberswalder forstlichen Forschung. In seinem Vortrag machte er die außerordentlichen Leistungen von August Bier in der Forstwirtschaft deutlich. Heute sei das Revier Sauen „ein lebendiges Beispiel dafür, was die Sandstandorte des Trockengebietes Brandenburg bei richtiger Behandlung zu leisten vermögen“. „Wir können bestätigen“, sagte Bergmann, „was Bier schon 1933 feststellte: Mein philosophisches Experiment ist gelungen.“ Der Sauener Wald habe sich geändert, obwohl Bier – wie er selbst sagte, nur Gegensätze geschaffen hat. Bergmann: „Sauen möchte ich so betiteln: Hier hat ein überragender Geist und ein scharfer Beobachter (...) auf das philosophische Grundgerüst des Griechen Heraklit der Forstwirtschaft neue Wege gewiesen und einen Wald geschaffen, der einmalig ist. Und ich bin stolz darauf, dass ich diesen einmaligen Weg habe durch schwierige Zeiten begleiten können.“

Ergebnisse, die das Sauener Experiment nach fast 100 Jahren interdisziplinär aus forstwissenschaftlicher Sicht beleuchten, stellte Dr. Matthias Noack vor (LFE). August Bier habe mit seinen „intuitiv und konsequent richtigen Maßnahmen“ seinem großen Experiment zur Mischwalderziehung den Erfolg geebnet. Er habe dabei das Waldwachstum wesentlich gefördert und so die forstwirtschaftliche Produktion begünstigt. Wesentlich aber sei: Die Kiefernmonokultur wurde auf großer Fläche abgelöst. Heute präge flächenhaft ein vielfältiger Mischwald den Sauener Wald, „der uns in Erwartung des Klimawandels in eine glückliche Ausgangssituation versetzt“. Über waldbauliche Maßnahmen und Erfolge im Sauener Wald informiert der Beitrag „100-jähriges Waldumbau-Experiment“ von Matthias Noack in diesem Heft.
 

Nicht alle Probleme sind gelöst

Mit dem Sauener Wald heute beschäftigte sich in ihrem Vortrag Revierleiterin Monique Müller, einen Blick in die Zukunft wagte mit seinen Ausführungen Prof. Dr. Reinhard Mosandl von der TU München.

Seit 1994 bewirtschaftet die „Stiftung August Bier für Ökologie und Medizin“ die von der Treuhand übertragenen etwa 700 ha Wald; im Jahr 2005 kamen fünf Naturschutzgebiete mit 400 ha hinzu. Etwa 200 ha des Stammrevieres Sauen sind anerkannte Saatgutflächen. Monique Müller, seit sechs Jahren Revierleiterin der Stiftung, erläuterte die Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte entlang der Punkte Lehre und Forschung, Waldbau, Fremdländeranbau, Boden, Naturschutz, Holzvermarktung, Jagd, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit. Der Großteil der Versuchsflächen wird vom LFE betreut. Die Stiftung kooperiert in Projekten außerdem mit fachfremden Einrichtungen. Das Stiftungsziel, Waldbau nach den Grundsätzen von A. Bier weiter zu betreiben, lässt sich in die Schlagworte fassen: Wasser halten, Windschutz, Bodenschutz, biologischer Forstschutz. Das gilt auch für die Naturschutzflächen. Müller verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass 460 Baum- und Straucharten – z.T. flächig auf bis zu 1 ha – erhalten werden. „Die Renaturierung der Hecken nehmen wir sehr ernst“, betonte sie. Ein aktuelles waldbauliches Thema sei das Buchenproblem geworden: Den Wandel der Baumarten prägt seit Mitte der 1990er-Jahre „ein aus­geprägter Buchensprung, sodass man fast schon von Buchenwäldern im Sauener Wald sprechen kann“, sagte Müller. Bei den waldbaulichen Fragen spiele angesichts des Klimawandels das Risikomanagement eine herausragende Rolle. So werde z.B. neben Kiefer mit Esskastanie, Robinie, Küstentanne, Kiri (Blauglockenbaum), Libanonzeder, Libanoneiche experimentiert. Die Zahlen zur Vorratsentwicklung: 1926 knapp über 100 Fm/ ha, Ende der 1980er-Jahre durchschnittlich 350 Fm/ ha (mit mehr als 900 Fm/ha hatte der Sauener Wald damals den vorratsreichsten Bestand Ostdeutschlands), zurzeit 290 Fm/ ha. Der aktuelle durchschnittliche Zuwachs im Sauener Wald liegt laut Müller deutlich über dem im Land Brandenburg. Die Holzvermarktung jedoch gestalte sich zunehmend schwierig, weil immer weniger Massensortimente Kiefer anfallen. Bei den Sondersortimenten (z.B. Zypressen-Sägeholz, Hickory, Roteiche) gebe es zwar Absatzschwierigkeiten, „was uns aber nicht davon abhält, mit diesen Baumarten weiter zu arbeiten“. Als sehr effektiv hat sich in der Holzernte die Zusammenarbeit mit einem betriebsvertrauten Forstunternehmer erwiesen. Im Bereich der Fortbildung werden durch die Stiftung seit 1991 Fachtagungen und seit 2006 außerdem pro Jahr etwa 35 Exkursio­nen angeboten. Das habe, so Müller, zu einem regen, selbst internationalen Interesse geführt. Viele wollen sich von der Wirtschaftlichkeit der waldbaulichen Maßnahmen überzeugen. Der seit 2009 angebotene mehrsprachige Audio-Guide sollte die Exkursionen entlasten, doch „jetzt haben wir doppelt so viel Arbeit“. Nicht unerwähnt bleiben darf der Hinweis von Müller: Das notwendige Geld für diese Leistungen muss an anderer Stelle erst einmal verdient werden.

Was in Sauen erreicht wurde, fasste Müller in die Stichworte: Wasser wurde im Wald gehalten und Waldränder geschaffen, verbessert wurden das Waldinnenklima und der Bodenzustand, es gibt weniger Kalamitäten, Zuwachsraten und Holzqualität wurden erhöht, Nebennutzungen wie z.B. Saatgut ließen sich ausweiten. Nicht gelöst wurde das Wildproblem. Wildschäden durch Rotwild, Rehwild und Schwarzwild seien „das Kernproblem in Sauen“. „Der Erhalt der Artenvielfalt ist unserer Meinung ohne Zaun nicht möglich“, sagte Müller. Seit Beginn der Waldwirtschaft durch August Bier sind über 150 km Zaun gebaut worden, unterstrich sie und verwies auf den dafür erforderlichen hohen Einsatz an Personal und Finanzmitteln. „Das Problem ist lösbar, aber seitens der Politik aus unserer Sicht nicht gewollt. Die hohen Folgekosten gehen zulasten des Bürgers, denn mit Steuermitteln versucht man es mit teuren Zäunen.“

Das Thema Wildschäden tauchte auch bei dem „gewagten Blick in die Zukunft des Sauener Waldes“ von Prof. Dr. Reinhard Mosandl auf. Zuvor konnte der Wissenschaftler wie Bergmann und Noack zu dem 1912 von August Bier begonnenen Experiment feststellen: „Es ist geglückt.“ Eigentlich könnte man einen Schlussstrich ziehen, doch es gebe bedeutende Aspekte, die in Sauen bearbeitet werden sollten: die Weiterentwicklung der Baumarten, die Verjüngungsfrage und die Wildfrage.

Hinsichtlich Baumarten liegen bereits Folgerungen z.B. von Heinsdorf u.a. (2000) vor. Wenn, meint Mosandl, die Kiefernanteile zurückgehen, sollte die Ausbreitung der Eiche durch den Eichelhäher („... er kann eine vollständige Be­stockung herstellen“) stärker in den Fokus rücken. Untersuchungen in der Lausitz hätten gezeigt, dass Hähereichen durchaus zu 10 bis 20 % sehr gute Qualitäten aufweisen. Zur Wildfrage habe schon Bier 1933 festgehalten: „Der große Wildstand bei uns lässt unter keinen Umständen einen natürlichen Wald aufkommen.“ Die derzeitige Gatterfläche je Holzboden im Stiftungsrevier von 12 % (63 ha) grenzt für Mosandl an „Wahnsinn“. Dass über jagdliche Maßnahmen sich das Wildproblem in den Griff bekommen lässt, dazu habe sich bereits Pfeil 1842 bekannt. Heute reden wir, sagte Mosandl, über den Klimawandel und alle möglichen Vorgänge in der Baumkrone, doch diese Faktoren sind nicht in der Lage, das Waldwachstum vollständig zu ruinieren, wohl aber das Wild: „Dieser Wildeinfluss ist nichts anderes als Waldsterben von unten.“ Das Revier Sauen ließe sich gut nutzen, um die Möglichkeiten der Jagd aufzuzeigen. Mit einer Ausstrahlung über die Region hinaus eigne sich Sauen gleichwohl zur Bearbeitung der Problematik
 
Fremdländeranbau und Naturschutz. Auch die Vernetzung von Land- und Forstwirtschaft, wie es bereits A. Bier zum Ziel hatte, lasse sich weiter untersuchen. Selbst globalen Aspekten könnte Sauen dienlich sei: Zum einen ließe sich für den Gesamtbetrieb eine Kohlenstoffbilanz erstellen um aufzuzeigen, welchen Beitrag (dieser) Wald leistet für den Kohlenstoffhaushalt der Erde. Ein weiterer Ansatz von Mosandl: Die Karte der degradierten Standorte der Erde mit 680 Mio ha stark und 2,4 Mrd ha mindestens sehr degradierten Standorten „hätte August Bier elektrisiert“. Was er in Sauen im Kleinen vollzog, erweist sich nun als Betätigungsfeld der Zukunft. Im Sinne von Bier und sozusagen als „Auftrag für die Zukunft in Sauen“ gelte es, gesellschaftliche, forstwirtschaftliche und ökologische Aspekte als ganzheitlichen Ansatz zu bündeln. Mosandl zeigte sich zuversichtlich, dass dies gelingt: „Eine engagierte Revierleiterin und ein Betriebsleiter, zu dem man sagen kann: Es gilt das, was ein alter Forstmann auch dem August Bier einmal gesagt hat: Wenn er nicht so ein bekannter Arzt geworden wäre, er hätte auch einen brauchbaren Forstmann abgegeben. Herr Baldamus, das gilt auch für Sie.“
 
Die Ausführungen zum Wildproblem veranlassten Prof. C. A. Baldamus in seinen Schlussworten dann zu der Feststellung: Den Wald der Stiftung – ein schmales Hufeisen, teilweise nur 500 bis 700 m breit – umringt das Landesjagdrevier. „Hier entsprechend Jagd zu betreiben, wenn die Nachbarn nicht mitmachen ... Ich hoffe, dass irgendwann die Landesforst erkennt, dass ein Waldumbau in Brandenburg nicht gelingen wird, ohne die Wildfrage zu lösen!“ Es sei ein vorsätzlich nicht gelöstes Problem der Politik. Ansonsten wolle die Stiftung durchaus den „Mosandelschen Zielen nachjagen“.

Stephan Loboda

Fotos und Tabellen zum Artikel
  
Prof. C. A. Baldamus (2. v.r.) führte eine der Exkursionen durch den Sauener Wald. Foto: Stephan Loboda Gastgeber und Referenten (v.l.): Monique Müller, Prof. Dr. J.-H. Bergmann, Prof. C. A. Baldamus Foto: Stephan Loboda
Zusätzliche Informationen zu diesem Artikel

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