Redaktion
27.08.2010 | Waldkunde | Waldschutz

Eichenprozessionsspinner auf dem Vormarsch

Eine wirklich gute Idee hatte das Waldschutzteam der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Vom 14. bis 16.6.2010 wurde zu einem Expertenmeeting unter dem Motto „Oak Processionary Moth with special attention to the situation in forests“ nach Würzburg eingeladen.

Raupen des Eichenprozessionsspinners: Dichtgedrängter Fraß auch tagsüber
Foto: Dr. Katrin Möller
Dort trafen sich u.a. Vertreter forstlicher Versuchsanstalten, Universitäten und amtlicher Pflanzenschutzdienste aus Ungarn, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Österreich und Deutschland. Viele Aspekte zur Biologie, zum Auftreten, den forstlichen und die menschliche Gesundheit betreffenden Problemen des Eichenprozessionsspinners wurden in zahlreichen Vorträgen dokumentiert und intensiv diskutiert.

Einig waren sich alle Teilnehmer über die zunehmende Brisanz des Auftretens in Europa. György Csoka berichtete aus Ungarn, dass der Eichenprozessionsspinner nach langjährigen Populationsschwankun­gen seit 13 Jahren als chronischer Schädling der Zerreiche registriert wird. In den Niederlanden gibt es nach Joanne Fransen durch die intensive Bepflanzung des öffentlichen Grüns mit Eichen seit mehreren Jahren deutlich zunehmende Probleme, vor allem hinsichtlich der Gesundheitsgefährdung im Siedlungsbereich. Silvia Hellingman sagte sogar, dass der Eichenprozessionsspinner „seems to be out of control in the Netherlands“. In London wurde laut Nigel Straw der Eichenprozessionsspinner 2006 mit importierten 4 bis 8 m großen Stieleichen eingeschleppt. Seitdem erfolgt eine intensive Überwachung und sofortige Zerstörung der Raupennester. Trotzdem stieg bisher die Zahl der entdeckten Nester in jedem Jahr. 2009 mussten bereits 2 096 Nester beseitigt werden.

Über die Zunahme von Flächen und Intensität der Vorkommen, Monitoring und Bekämpfung berichteten Frank Krüger von der NFVA Göttingen, Gabriele Lobinger von der LWF Bayern, Eike Wagenhoff von der FVA Baden-Württemberg und Katrin Möller vom Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE). Auch aus Mecklenburg-Vorpommern informierte Gabriele Schöttler über die Notwendigkeit erster Gegenmaßnahmen.
Versuche zur Biologie brachten vor allem eher ernüchternde Ergebnisse. Labor­tests von Nicolas Meurisse bestätigen Freiland-Beobachtungen der Experten vom LFE, dass die Eiräupchen über mehrere Wochen hungern können. Die Mortalitätsrate der Eiräupchen nimmt erst nach dreiwöchiger Hungerzeit deutlich zu. Hungrige L1-Larven ertragen Frost bis –15 °C. Für Eier fand Meurisse eine Toleranz gegenüber Frostgraden von bis zu –27,8 °C. Ernüchternd ist, dass laut Silvia Hellingman die Gifthaare im Boden über acht Jahre wirksam bleiben.

Interessant waren Berichte zur Entwicklung neuer Überwachungs- und Bekämpfungsverfahren. Henry Kuppen stellte ein in den Niederlanden entwickeltes Erfassungsprogramm vor, das – im Internet verfügbar – Kommunen in die Lage versetzt, Meldungen über Nestfunde zu sammeln, zu überprüfen und die Schädlingsbekämpfung zu koordinieren. Gabriele Lobinger aus Bayern und Silvia Hellingman aus den Niederlanden berichteten über verschiedenste Ergebnisse zum Einsatz von Lockstofffallen, wobei leider die Ergebnisse in den einzelnen Ländern noch nicht zu verallgemeinern sind. Als mögliche Bekämpfungsalternativen werden aktuell Mikrosporidien und Nematoden (Fadenwürmer) intensiv untersucht. Gernot Hoch aus Wien berichtete von der anhaltenden Suche nach ausreichend pathogenen Mikrosporidien-Arten. Silvia Hellingman brachte per Film den beeindruckenden Nachweis der letalen Wirkung von Nematoden.
 
In Freilandversuchen konnten kürzlich erstmals sehr hohe Mortalitätsraten errechnet werden. Nebenwirkungen auf Nicht-Ziel-Schmetterlinge müssen noch weiter untersucht werden. Günstig ist auf jeden Fall, dass die Wirkung von Nematoden im Gegensatz zu Bakterienpräparaten temperaturunabhängig ist. Wie differenziert die Populationsentwicklung und auch das Eingreifen der natürlichen Gegenspieler abläuft, zeigte der Vortrag von Sascha Koch aus Bayern. Er berichtete über das zahlreiche Auftreten von Puppenräubern in den Befallsgebieten. Bisher ist dieser große Laufkäfer in Brandenburg nicht auffällig geworden. Einheitlich ist dagegen der Befund bei den Eiparasitoiden. Bis auf einen Einzelfall in Bayern fehlen bisher überall diese Gegenspieler.

Resümee der Veranstaltung: Wir werden uns wohl längerfristig mit diesem sowohl für die Vitalität der Eichenbestände als auch die menschliche Gesundheit sehr problematischen Insekt beschäftigen müssen. Dass die Raupen des Eichenprozessionsspinners Überlebenskünstler sind, wurde in diesem Jahr in Brandenburg sehr deutlich. Trotz der kalten und nassen Witterung im Mai gibt es wieder neue Befallsherde mit extrem hohen Raupendichten.

Dr. Katrin Möller

Dr. Katrin Möller, Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde, Hauptstelle für Waldschutz

Fotos und Tabellen zum Artikel
  
Raupen des Eichenprozessionsspinners: Dichtgedrängter Fraß auch tagsüber Mehrreihige Prozessionen an einem Eichen­stamm im Juni im Revier Zootzen (Oberförsterei Friesack, Brandenburg)
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