Drei Fragen, Frau Aigner
Bei der Grünen Woche in Berlin hat Ilse Aigner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, die Kampagne des BMELV zum Internationalen Jahr der Wälder vorgestellt. Aus diesem Anlass haben wir Ministerin Aigner drei Fragen gestellt:
Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wird seit dem 31. Oktober 2008 von Bundesministerin Ilse Aigner geleitet.
Foto: Foto: BMELV-Bildschön
Sehr geehrte Frau Aigner,
die Vereinten Nationen haben das Jahr 2011 zum „Internationalen Jahr der Wälder ausgerufen“. Sie selbst stehen als zuständige Bundesministerin, zusammen mit Bundespräsident Wulff und dem Kampagnenbüro der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, für das „Kampagnendach“ in Deutschland. Mit der Kampagne „Entdecken Sie unser Waldkulturerbe“ wollen Sie den Wald der Bevölkerung näher bringen. Die Verbindung zu den Stätten des Weltkulturerbes und des Welt-Naturerbes als etwas Einmaliges und zu Erhaltendes liegt dabei auf der Hand. Wird das eher eine Kampagne der Waldidylle oder passt auch die heutige Forstwirtschaft mit modernen Maschinen und effizienter Technologie in dieses Bild?
Aigner:
Das passt sehr gut zusammen. Ich sehe keinen Widerspruch zwischen dem Bild der Waldidylle und der heutigen Forstwirtschaft. Moderne Forstwirtschaft orientiert sich an den Prinzipien des naturnahen Waldbaus und nutzt damit natürliche Prozesse und Abläufe. Dabei setzt sie auf moderne Technik. Ein weiterer Aspekt: Die meisten Waldbesitzer führen zusätzliche Maßnahmen des Waldnaturschutzes durch, wie beispielsweise die Erhaltung von Habitatbäumen, Altbaumgruppen und Totholz. Bund und Länder unterstützen sie dabei mit Förderprogrammen.
Unsere Forstwirtschaft berücksichtigt heute Belange der Biodiversität und des Naturschutzes in einem Umfang, wie wir es sonst in kaum einem anderen Land finden. Und trotzdem schaffen sie es, den verarbeitenden Betrieben in der Wertschöpfungskette genügend Holz anbieten zu können. Das nenne ich beispielhaftes verantwortungsvolles Wirtschaften. Dafür haben viele Generationen von Waldbesitzern und Forstleuten die Grundlagen gelegt. Gelebte Nachhaltigkeit hat in Deutschland eine nahezu 300-jährige Tradition. Das ist für mich eine herausragende kulturelle Errungenschaft, die anderen Wirtschafts- und Lebensbereichen als Beispiel dienen könnte und die wir im Internationalen Jahr der Wälder 2011 ins ganze Land tragen wollen.
Seit langem schon stellen Waldbesitzer und Förster fest, dass zwar der Wald ein hohes Ansehen genießt, ebenso wie das Wohnen mit Holz. Doch die Waldpflege auf dem Wege der Durchforstung wie die Holzernte allgemein werden weniger geschätzt. Ermuntern Sie auch die Waldbesitzerverbände oder größeren forstlichen Zusammenschlüsse, sich mit eigenen Aktionen an der Kampagne zu beteiligen, um damit für ihre eigene Arbeit im Wald zu werben?
Aigner:
Die Kampagne wird dann ein Erfolg, wenn sie von den regionalen und örtlichen Akteuren und Verbänden breit getragen und durch Veranstaltungen vor Ort mit Leben erfüllt wird. Dies gilt selbstverständlich und ganz besonders auch für die Waldbesitzer und ihre Organisationen – aber auch für die Naturschutz-, Sport-, Erholungs- und Jagdverbände.
Wir werden deutlich machen, dass hinter dem von allen geschätzten Wald ein Eigentümer, ein Förster und ein Waldarbeiter stehen. Es sind die Menschen, die sich um diesen Wald nachhaltig kümmern und von ihm leben. Natürlich gehören dabei auch spektakuläre „Aktionen“ und Veranstaltungen zum Internationalen Jahr der Wälder, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber bei allem muss doch die Realität – die Lebenswirklichkeit letztlich sichtbar und verstehbar werden.
Wir wollen zeigen, dass unser heutiger Wald das Ergebnis harter Arbeit von Generationen fleißiger und verantwortungsvoller Menschen ist. Wie sieht der Alltag in einem Forstbetrieb aus, was bedeutet naturnaher Waldbau konkret, was begeistert Waldbesitzer, Forstleute und Naturfreunde am Wald? Und – nicht zu vergessen: Welche Rolle spielt unser Wald für die Wirtschaft und damit für die Arbeitsplätze in Deutschland sowie für unser Klima? Das alles gehört für mich zum Begriff „Waldkulturerbe“. Waldführungen und Waldvorträge sind unverzichtbare Beiträge zur Kampagne: der Kreativität der Akteure sind hier kaum Grenzen gesetzt.
Auf dem Portal
www.wald2011.de findet jeder Informationen darüber, wie er vor Ort mitmachen kann.
Während Naturschutzverbände kritisieren, dass z.B. die Biodiversität und natürliche Lebensgemeinschaften bei der Waldbewirtschaftung zu kurz kommen, schürt die Holzwirtschaft Ängste, dass die Versorgung mit Nadelholz bald nicht mehr gewährleistet sein wird, weil zu viel Laubholz angebaut wird. Sind solche mitunter nicht so leicht zu vereinbarenden Interessen ein Thema für die Kampagne zum Internationalen Jahr der Wälder?
Aigner:
Naturschützer, Forstwirtschaft, Holzwirtschaft, Erholungssuchende und auch die Jäger sind doch alle viel dichter beisammen, als man manchmal den Eindruck hat. Sie alle verbindet ihr großes Interesse am Wald. Deshalb rufe ich alle auf, die sich dem Wald verbunden fühlen: Beteiligen Sie sich zum Internationalen Jahr der Wälder. Melden Sie sich zu Wort, bringen Sie sich ein. Aus der Summe der vielen, auch unterschiedlichen Stimmen, soll das Mosaik der vielfältigen und auch widersprüchlichen Anforderungen an den Wald deutlich werden.
Dies haben wir auch mit der Diskussion zur Waldstrategie 2020 aufgegriffen, die wir im Internationalen Jahr der Wälder mit allen Interessierten weiterführen werden. Dabei wird schnell klar werden: Der Wald kann viel, aber der Wald kann nicht alles und er kann nicht alles auf einmal. Deshalb wird es am Ende auch Abstriche geben müssen. Wir wollen aber die Reserven, die zweifellos in ihm stecken, wecken. Nichtsdestotrotz muss letztlich vielleicht doch jeder in seinen Ansprüchen ein wenig zurückstecken. Die Messlatte muss sein, dass die Kraft und die Schönheit und auch die Nutzungspotenziale des Waldes für unsere Kinder und Enkel erhalten bleiben.
Das, nicht mehr und nicht weniger, soll die Waldstrategie beschreiben.
AFZ-DerWald