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19.05.2010 | Baum und Natur |  Baumpflege

Bedeutung und positive Wirkungen von Bäumen

Mit diesem Beitrag1 werden Aspekte der positiven Wirkungen und des Nutzens von Bäumen in der Stadt vorgestellt, die aufgrund der zunehmenden Urbanisierung eine immer größere Beachtung verdienen. Dabei zeigt sich eine beeindruckende Vielfalt und Bedeutung dieser Faktoren, welche allerdings in der augenblicklich vorherrschenden Diskussion um von Bäumen verursachte Schäden und Belästigungen und in dem weit verbreiteten Trend zu Beton und Stein bei Planern unterzugehen drohen. Für eine Gesamtbewertung des urbanen Baumgrüns ist jedoch die positive Seite meist bedeutender als die negative, allerdings lassen sich viele der Nutzaspekte nicht unmittelbar in Geldbeträgen berechnen, sodass die demgegenüber in Euros benennbaren Schadenshöhen den Gesamteindruck rasch dominieren können.

Gegliederter, warmer, einladender Platz mit Bäumen und Schatten (Schmalblättrige Esche, Neustrelitz)
Bäume geraten schnell und häufig in die negativen Schlagzeilen: „Vier Tote durch umstürzende Platane“, „21-Jähriger erhängte sich an Eiche“, „Wieder zwei Verkehrstote an Alleebäumen“, „Mann schlägt Nachbar wegen Birke krankenhausreif“. Es wird viel über Probleme und negative Auswirkungen von Stadtbäumen diskutiert, da sie in der Regel auffälliger und einschneidender sind als die positiven Wirkungen und der Nutzen. Diese sind zudem schwierig zu erfassen und zu bewerten und werden daher seltener berücksichtigt. So fehlen ausführliche Abhandlungen über positive Aspekte überraschenderweise in vielen (vor allem deutschsprachigen) Büchern über Stadtbäume, Arboristik und Baumpflege.

Daher sollen mit dem folgenden Beitrag – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – die positiven Wirkungen und der Nutzen von Stadtbäumen (Abb.1) sowie die Bedeutung von Beziehungen zwischen Bäumen und Menschen in der Stadt mehr ins Bewusstsein gerückt werden. Dabei sind mit Stadtbäumen gemeint: Solitäre, Baumgruppen und -reihen im öffentlichen Raum und in Privatgärten, Alleen, Parkanlagen, Brachflächen und Stadtwälder. Es wird nachfolgend zunächst auf emotionale, psychologische und mentale Wirkungsfaktoren eingegangen und anschließend auf den Nutzen von Bäumen für Lebensqualität und Wohlbefinden der städtischen Bevölkerung. Diese Aspekte erlangen wegen der zunehmenden Urbanisierung eine erhebliche Bedeutung.

Beziehung Mensch – Baum

„Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner starker Baum“, schrieb Hermann Hesse 1920 (in ‚Wanderung‘ [12]). Bäume begleiten uns durchs Leben. Die Beziehungen zwischen Baum und Mensch sind sehr vielschichtig und noch wenig untersucht. Besonders deutlich wird das Potenzial dieser Beziehung beim Hausbaum [17, 61]: Es gab und gibt bis heute nicht wenige Familien, die am Haus einen Baum pflanzen, z.B. als Schutzpatron, um von der Krone im Sommer Schatten zu erhalten oder aber um Früchte, Honig u.ä. zu ernten. Hausbäume werden z.T. sogar als Familienmitglieder bezeichnet – die Beziehung ist besonders stark, wenn sie vom Hauseigentümer selbst oder zu einem besonderen Anlass gepflanzt wurden. Der Baumbestand in privaten Gärten umfasst oft ein Vielfaches vom Straßen- und Parkbaumbestand einer Stadt, z.B. für Dresden mindestens 600 000 Bäume in privatem Grün gegenüber ca. 50 000 Straßenbäumen [17].

Viele Familien sind auch heute noch stolz auf ihren Stammbaum, in dem die Entstehung und Entwicklung der Familie dargelegt ist. Weiterhin können Bäume Menschen in der Kindheit für ihr Leben prägen und z.B. maßgeblich das Heimatgefühl bestimmen: wer in Nordwestdeutschland aufgewachsen ist, hat oft eine innige Beziehung zur Pappel oder Birke, Brandenburger zur Kiefer und Mittelgebirgsbewohner zur Fichte [41, 47]. Man verschenkt gerne Baumpatenschaften (z.B. [66]), die eine Bindung von den Beschenkten mit diesem Baum bzw. der Baumart zur Folge haben können bzw. sollen. Früher war es verbreitet (und kommt z.T. wieder in Mode), zur Geburt eines Kindes einen Geburtsbaum zu pflanzen. Im 18. Jahrhundert erhielt man vielerorts eine Heiratserlaubnis erst dann, wenn man eine gewisse Anzahl an neu gepflanzten, grünenden Heiratsbäumen vorweisen konnte [32]. Heute sind Hochzeitsalleen und ‚Schnullerbäume‘ beliebt. In Münster hat sich kürzlich eine ‚Aktion Bürgerbäume‘ gegründet [20].

Große Bedeutung hatten in früheren Zeiten Tanz- und Gerichtslinden [7]. In Tanzlinden wurde auf einem Podest in der Krone getanzt, unter Gerichtslinden wurden Versammlungen abgehalten, in denen es um Pfründe, Recht und Wahrheit ging. Die Rechtsfindung wurde getragen von der Überzeugung, dass niemand es wagen würde, unter einer Linde zu lügen.
Bäume spielen in der Natur-Gestaltung durch Menschen eine herausragende Rolle, z.B. im Gartenbau und in der Landschaftsarchitektur bei der Planung und Anlage von Parkanlagen, Plätzen, Privat- und Landschaftsgärten [3, 5, 6, 24, 26, 31, 33, 35, 38, 41, 45]. Besonders positiv wirkt eine savannenähnliche Parklandschaft (Abb. 2), da sie dem menschlichen Urbedürfnis nach Überblick am besten entspricht und die stammesgeschichtliche Entwicklung zum Menschen in der afrikanischen Savanne stattfand [10, 24]. Der Anblick von Bäumen und Büschen wird als lustvoll erlebt [16]. Mit Bäumen können bestimmte Stimmungen hervorgerufen werden, z.B. Mittelmeer-Flair durch Palmen.

Weiterhin wird die psychologische Komponente der Mensch/Baum-Beziehung sehr eindrucksvoll deutlich bei Horoskopen, die Bäume als Grundlage verwenden (z.B. das „Keltische Baumhoroskop“ [57, 59, 63]. Hier werden bestimmte Baumtypen unterschieden, die mit der Erscheinungsform der Baumarten im Zusammenhang stehen, z.B. Eiche: die robuste Natur, Kiefer: das wählerische Wesen, Weide: die Melancholie [59]. Besondere Bedeutung haben Bäume in nahezu allen Kulturen seit jeher in der Mythologie, da Gestalten von Baumriesen und ihr hohes Alter schon immer Ehrfurcht einflößten [12, 13, 32, 63]. Im Baum findet der Mensch sein größtes Gleichnis, da er wie der Mensch aufrecht lebt und die „Arme“ gen Himmel reckt.
 
„Bäume sind wie Brüder“ [1]. Zahlreichen Baumgleichnissen begegnet man in der Bibel, und auch in vielen Sprichwörtern taucht die Wesensgleichheit Baum – Mensch auf (z.B. „Was als Bäumchen falsch gebogen, wird als Baum nicht grad gezogen.“ [32]). Vielerorts gab es heilige Haine. Im Mittelpunkt der alten Religionen standen meist Bäume, so z.B. in der christlichen gleich zu Beginn ein Apfelbaum bei der Vertreibung aus dem Paradies, bei den Nordgermanen die Weltenesche Yggdrasil oder Buddhas Baum der Erleuchtung [28, 52].

Einen Eindruck von dieser symbolischen und spirituellen Bedeutung erhält man auch heute noch von Münzen, auf denen Bäume bzw. Baumblätter abgebildet sind. In Liedern, Literatur, Dichtung und Märchen haben Bäume oft einen besonderen Stellenwert, z.B. in den Liedern „Der Mai ist gekommen“, „Am Brunnen vor dem Tore“ und „Oh Tannenbaum“ sowie in den Märchen Allerleirauh, Machandelboom und Aschenputtel. In vielen alten Geschichten werden Menschen in Bäume verwandelt, z.B. in den Metamorphosen von Ovid die Tochter des Königs von Zypern Myrrha in einen Myrrhenbaum, Apollons Geliebte Daphne in einen
Lorbeerbaum [32, 52]. Und schließlich gibt es in Deutschland einen ganz besonderen Baum für Beziehungen von Menschen untereinander: die Bräutigamseiche von Eutin (Schleswig-Holstein). Es ist der einzige Baum in Deutschland mit einer eigenen Postadresse und eigenem „Briefkasten“ (ein Stammloch) – ohne Postgeheimnis, indem Kontakt- bzw. Heiratswillige ihr Ansinnen per Brief an den Baum mitteilen und andere Partnersuchende dann ggf. Kontakt aufnehmen können, wenn sie die Briefe durchsehen [65].

Psychologie

Das Altern von Bäumen wird meist als positiv empfunden: je älter ein Baum ist, desto mehr wirkt er und strahlt er aus [34]. Alte Bäume sind Sinnbild für Werden und Vergehen, vermitteln uns das Gefühl von Zeitlosigkeit und schaffen Verbindung zu früheren Epochen (‚König-Ludwig-Eiche‘, ‚Luther-Linde‘, ‚Goethe-Ginkgo‘, ‚Newton‘s Apple Tree‘ [7, 18, 30, 53] sowie Bewusststein der eigenen bescheidenen Rolle und Lebensspanne des einzelnen Menschen. Bäume können das Gefühl von Ruhe und Frieden verbreiten und dadurch maßgeblich zur Entspannung und Stimmungsbesserung führen [16, 41]. Eine Befragung unter Stadtbewohnern in Michigan (USA) ergab, dass Bäume am stärksten zur Attraktivität von Straßen und Wohnvierteln beitragen und ihr Fehlen den größten Negativfaktor darstellt. „Straßen ohne Bäume haben kein Gesicht“ [40].

Gemäß ihrer Stellung im Farbenkreis wirkt die Laubfarbe Grün ausgleichend und beruhigend [16, 25, 58]. Sie erzeugt Harmonie, inspiriert, stabilisiert, stärkt das Selbstwertgefühl und ruft Sehnsucht nach dem (verlorenen) Paradies hervor. Deswegen erholt man sich im Wald und in Parkanlagen so gut. Grün wirkt hilfreich besonders bei Menschen, die zu starken Stimmungsschwankungen neigen. Ein Wald­spaziergang wirkt bei Depressionen meist sehr positiv. Grün ist zudem die klassische Farbe der Umweltschützer, denn Grün steht für Leben und eine intakte Umwelt. Hildegard von Bingen prägte bereits im 12. Jahrhundert den Begriff „Viriditas“, womit sie die Grünkraft, die Kraft des Lebens meinte [58].
 
Sinneseindrücke, Wohlbefinden, Gesundheit

Bäume sind für viele Menschen ein Inbegriff von Schönheit, vor allem einzeln stehende ältere Exemplare [35, 62]. Sie sind durch ihre Phänologie gerade in der Stadt entscheidend für das Erleben der Jahreszeiten, z.B. durch Austrieb und Blüte im Frühjahr, Fruchtreife im Spätsommer, Laubfärbung im Herbst und Raureif im Winter. Auch der Geruch vieler Baumarten ändert sich im Jahreslauf charakteristisch. „Städte ohne Bäume sind Städte ohne Jahreszeiten.“ (Anonymus) Visuelle Eindrücke wie Farbnuancen (z.B. der Blätter im Sommer und Herbst), unterschiedliche Strukturen (z.B. Blattformen und Kronenarchitektur), Design (z.B. Säulen-Pappeln, Alteiche) und Ästhetik (wie wirkt ein Baum?) tragen zum positiven Empfinden und Erleben bei [2, 5, 35, 41, 43, 46, 47,55, 60, 62]. Um die Unterschiede zwischen der ästhetischen Wirkung verschiedener Baumarten zu veranschaulichen, braucht man sich nur einen lichten, jungen Birkenhain gegenüber einem dunklen, dichten Fichtenstangenholz im Frühjahr vorzustellen. In einer aktuellen Befragung von Hauseigentümern wurden als häufigster Grund für positive Empfindungen zu Hausbäumen ästhetische Gesichtspunkte genannt: „sieht schön aus“, „Blüte“, „Laubfärbung“ [17]. Neben visuellen Eindrücken spielen auch Geruch (Blüten, Herbstlaub), Geräusche (Windrauschen der Krone, herbstliches Blätterrascheln), Geschmack (Früchte, junge Blätter) und Fühlen (Früchte, behaarte Blätter) eine Rolle.

Für die Gesundheit haben Bäume heute einen hohen Stellenwert in der Stadt, der derzeit und in naher Zukunft deutlich zunehmen wird: in Parkanlagen (Stadt-, Kur-, Bürgerpark), beim Wandern, auf der Bank am Baum oder beim Picknick unter Bäumen [40], was in anderen Ländern noch viel ausgeprägter als bei uns ist. Parkanlagen werden daher auch als ‚therapeutic landscape‘ bezeichnet [28], und derzeit ist die sog. ‚Gartentherapie‘ im Kommen [56]. Der Garten wird zunehmend als Wellness-Center verstanden, als Wohlfühlraum – Gärtnern als private Gesundheitsprävention.

Friedhöfe, Kur-, Heim- und Krankenhaus-Parkanlagen werden von Bäumen dominiert, da ihre positiven Wirkungen auf die Psyche und die Gesundheit bekannt sind und nachgewiesen ist, dass sie die Genesung bzw. Erholung beschleunigen und Stress abbauen [21, 24, 35, 36, 39, 41, 44]. Zudem ist in Parkanlagen der Schatten im Sommer wichtig, die mentale Wirkung des Grüns, die Geräuschdämpfung und die verbesserte Luftqualität (Abb. 3), und sie sind ein beliebter Ort für körperliche Aktivitäten (Ballspiele, Walken/Joggen etc. [44]). Aktuelle Forschungsprojekte zeigen den hohen Stellenwert von Natur für Wohnumgebung und Naherholung, es handelt sich um den von der Bevölkerung höchstbewerteten Aspekt [8].

Orientierung, räumliche Ordnung, Architektur

Alleen und Baumreihen an Straßen und Wegen dienen seit Jahrhunderten, in Italien seit Jahrtausenden u.a. zur Orientierung und Lenkung, sie leiten den Blick oder weisen den Weg, z.B. zu prägnanten Bauwerken oder markanten Orten [3, 33, 35, 41]. Dadurch tragen sie zur Verkehrssicherheit bei. Dies wird heute leider oft infolge von Umstürzen, Astbrüchen oder Anfahrschäden in den Hintergrund gedrängt, da Bäume immer häufiger als Verursacher eingestuft werden, auch wenn die wirkliche Ursache bei Anfahrunfällen oft überhöhte Geschwindigkeit oder Alkoholgenuss ist. Weiterhin können Bäume auf Plätzen in der Stadt zur Gliederung bzw. Betonung, Strukturierung und Gestaltung beitragen: der Raum eines Platzes wird dadurch in einzelne, nicht völlig voneinander getrennte Séparées eingeteilt, der Raumeindruck verstärkt [5, 33, 35, 41]. Alte Bäume haben an vielen Plätzen und markanten Punkten in Ortschaften/Städten ortsbildprägenden Charakter: z.B. ‚Unter den Linden‘, ‚Gasthaus zur Linde‘, ‚Gerichtslinde‘, ‚Malerkiefer‘. Sie stehen dann oft als Naturdenkmal unter Schutz.

In der Architektur werden Bäume seit langem verwendet beispielsweise wegen ihrer Wirkung der Blicklenkung, zur Betonung von Gebäudeform und -stil, zur Einrahmung, als Kontrast, zur Verbindung mit dem Garten bzw. der Landschaft und wegen ihrer Funktionen als Hausbaum [27, 49].

Schutz, Lebensqualität

Auch für den Immissionsschutz in der Stadt haben Bäume große Bedeutung, dies betrifft vor allem die Senkung der Konzentrationen von Ozon, Stickoxiden, SO2 und Kohlenmonoxid [15, 29, 37, 40, 42, 67, 68]. Parkanlagen werden daher auch als „grüne Lungen“ der Städte bezeichnet. In der Diskussion um die Lebensqualität in der Stadt steht seit Jahren die Feinstaubminderung im Fokus – hier geht es insbesondere um die Eigenschaften der Bindung von Mikropartikeln an Blättern von Bäumen. Dafür sind raue, klebrige und behaarte Laubblätter und nadelförmige Blätter günstig. Man unterscheidet Akkumulierer und Selbstreiniger: während sich bei ersteren der Feinstaub zunehmend auf der Blattoberfläche ansammelt (z.B. bei Jungfernrebe) und schließlich zur Schädigung des Gehölzes führen kann, wird er bei letzteren regelmäßig durch Niederschläge wieder abgewaschen (z.B. bei Platane [15, 19, 54]).

Bäume als lokaler Klimaschutz gewinnen derzeit erheblich an Bedeutung, da die Funktionen  Schattenwurf und Luftfeuchtigkeitserhöhung (durch Transpiration) bei steigenden Temperaturen immer wichtiger werden. Stadtbäume gleichen Klimaextreme aus. Sie tragen an heißen Sommertagen zur Kühlung und Beschattung bei (Abb. 4), was als angenehm empfunden wird. Während gemessene Temperaturdifferenzen zwischen Parkanlagen und bebauten oder versiegelten Plätzen/Arealen bis zu etwa 5 °C betragen können, ist die gefühlte Temperaturdifferenz  (durch Koppelung mit höherer Luftfeuchte unter Bäumen [37]) meist deutlich größer und kann bisweilen über 10 °C erreichen. Noch extremer (bis 15 °C) sind die Unterschiede der Oberflächentemperaturen von Asphalt und in baumbestandenen Grünflächen [29]. Dabei ist natürlich zu beachten, dass die Laubfläche und -dichte für die Wirkung entscheidend ist und Einzelbäume in ihrer Wirkung weit hinter Baumgruppen und -beständen zurückstehen [40]. So nimmt mit jeder zunehmenden Einheit des Blattflächenindexes (LAI) die
Oberflächentemperatur des Bodens/Belages an heißen Sommertagen um etwa 1 °C ab [22].

In der augenblicklichen Diskussion um den Klimawandel erlangen Bäume zusätzliche Bedeutung durch ihre CO2-Bindung [48]. Dies kann sowohl lokal zur Berechnung der Kohlenstoffbilanz eines Grundstückes oder einer Stadt wie auch global für Szenarien der weiteren Erwärmung wichtig sein. Für die Bedeutung von Bäumen als Lärmschutz ist neben der objektiv messbaren Schallminderung um bis zu 10 dB vor allem die psychologische Wirkung nicht zu unterschätzen: man sieht den Verkehr durch die Bäume nicht mehr, und dadurch empfindet man die Schallminderung stärker als sie tatsächlich ist [4, 9, 40]. Die Funktion des Sichtschutzes durch Baumkronen hängt vom Alter des Baumes und dem LAI (Blattflächenindex) der Baumart ab. Besonders effektiv ist eine dichte Verzweigung mit vielen kleinen Blättern. Bäume führen zu maßgeblichem Windschutz, weshalb in windgeprägten Regionen Baumreihen (z.B. an Radwegen) oder Knicks (in Schleswig-Holstein) gepflanzt und gepflegt werden [11, 23, 55]. An freistehenden Häusern ist der Windschutz eine der wichtigsten Funktionen von Hausbäumen, auf feuchten und nassen Standorten auch der Blitzschutz [47]. Dafür nehmen die Hausbewohner dann sogar in Kauf, dass sie im Sommer in der Wohnstube das Licht anmachen müssen.

In der Ingenieurbiologie spielen Bäume z.B. als Böschungs-/Erosionsschutz eine große Rolle, besonders Weiden und Erlen [5, 14, 50, 51]. In dicht besiedelten Gebieten tragen Bäume maßgeblich zum Trinkwasserschutz und zur Rückhaltung von Regenwasser bei [15, 23, 40]. Bekannt dafür sind z.B. die Wiener Quellschutzwälder [28].
 
Schlussfolgerungen

Wenn man sich intensiver mit den positiven Wirkungen und dem Nutzen von Stadtbäumen befasst, ist man beeindruckt über die Vielfalt und letztlich enorme Bedeutung von Bäumen für Menschen in der Stadt. Erschreckend ist dagegen die heutige geringe Lebenserwartung von Stadtbäumen (etwa 50 % ihrer potenziellen Altersspanne [3]), und vor allem von Straßenbäumen (nach eigenen Erhebungen nur etwa 25 % der potenziellen Altersspanne, aufgrund von vorzeitiger Alterung, Standortproblemen, Baumaßnahmen, Schäden/Krankheiten, Belästigungen und Verkehrssicherungsmaßnahmen). Es wird noch zu wenig für den Schutz und Erhalt der Stadtbäume getan, die meisten der heute gepflanzten Bäume werden daher wohl nicht mehr das Alter jetziger Altbäume erreichen.

Der hohe Stellenwert der emotionalen Beziehung von Menschen zu Bäumen wird z.B. aus der hohen und weiter steigenden Popularität vom ‚Baum des Jahres‘ deutlich [64] sowie aus der Tatsache, dass die meisten Bildkalender über Naturobjekte Kalender über Bäume sind (für 2009: über 40 verschiedene). Zwar können Stadtbäume auch Ärger und Probleme bereiten, die Bilanz einer Bewertung positiver und negativer Wirkungsfaktoren dürfte aber meist deutlich positiv ausfallen. Wenn man das Bewusstsein dafür verbessert, erlangen Bemühungen um Baumschutz und Aufwand für Pflege eher Zustimmung und sind die damit verbundenen Kosten eher akzeptabel. Die vielen positiven Aspekte lassen sich allerdings nicht alle in monetären Beträgen bewerten. Hier ist dringend weiterer Forschungsbedarf vorhanden und verstärkte Überzeugungsarbeit notwendig.

Prof. Dr. A. Roloff ist Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik und Direktor des Instituts für Forstbotanik und Forstzoologie der TU Dresden sowie des Forstbotanischen Gartens Tharandt der TU Dresden.

Weitere Bilder zum Artikel
  
Positiv empfundene, savannenartige Parklandschaft (Großer Garten, Dresden) Erholung im Park (Cornwall) Beschattung durch Bäume (Amberbaum, Cottbus)
Fußnoten:

1) Überarbeitete Fassung eines Vortrages des Autors auf den Dresdner StadtBaumtagen am 12.3.2009 in Dresden-Pillnitz.

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Andreas Roloff

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