3. Symposium Waldstrategie 2020

„Die Waldstrategie 2020 soll mehr werden als ein weiteres Papier, das alle mittragen können – das aber nichts bewirkt. (...) Wir haben das Ziel, das Jahr 2011 – dem Jahr der Wälder – gemeinsam mit unserer Waldstrategie 2020 zu starten.“ Diesen Anspruch formulierte Dr. Jörg Wendisch einleitend zum 3. Symposium Waldstrategie 2020, auf dem 18 Referenten jeweils durch ihre Sichtweise die Debatte fortführen sollten, diesmal unter dem Thema: „Mehr Holz im Einklang mit der Gesellschaft“.

Dr. Jörg Wendisch vom BMELV begrüßte die annähernd 150 Tagungsteilnehmer.
Foto: Stephan Loboda
Auf den ersten beiden Symposien zur Waldstrategie 2020 im Dezember 2008 und im Mai 2009 wurden die Ist-Situation des deutschen Waldes und die Ansprüche an den Wald und die Forstwirtschaft betrachtet (AFZ-DerWald 9/2009, 15/2009). Im Mittelpunkt des dritten Symposiums am 12./13. April 2010 in Berlin standen die Erwartungen an eine Waldstrategie 2020. Veranstalter war wiederum das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Referenten und Teilnehmer dankten namentlich Dr. Jörg Wendisch, Leiter der Abteilung Ländlicher Raum, Agrarische Erzeugung, Forst- und Holzwirtschaft im BMELV, für diese Initiative.
 
Konnte der Wald in der Vergangenheit die Anforderungen der Gesellschaft weitgehend ohne größere Konflikte erfüllen, so sieht Wendisch diese Balance derzeit gefährdet. Der Wald ist heute nicht nur Rohstofflieferant, sichert 1,2 Mio Arbeitsplätze und sorgt für einen Umsatz von jährlich etwa 160 Mrd €, sondern er ist auch ein bedeutender Pfeiler der Klimaschutz- und Energiepolitik der Bundesregierung. Klimaschutz und Holznutzung würden die Möglichkeit für eine Win-win-Situation bieten, „wenn wir den Wald auch nutzen dürfen“. Ebenfalls eine Win-win-Situation lasse sich für den Bereich Schutz und Nutzung aufzeigen, doch fehlen insbesondere für diesen Bereich grundlegende Daten und Erkenntnisse für eine Zielquantifizierung.
 

„Der Wald ist ‚Opfer und Retter’ zugleich!“ (Wendisch)

Unter dem Tagungsthema „Mehr Holz im Einklang mit der Gesellschaft“ zeigten Vertreter aus Waldbesitz, Forstverwaltung, Naturschutz, Politik, Wissenschaft und Industrie ihre Beziehungsstränge zu folgenden Themen auf: Nutzungs- und Ertragspotenziale, waldbauliche Möglichkeiten, Segregation oder Multifunktionalität, Stilllegung von Waldflächen und Totholzanteile, Forstpflanzenzüchtung, Holzbeschaffung vom Weltmarkt.

Philipp Frhr. zu Guttenberg (Präsident Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände): „Wir benötigen einen ehrlichen Prozess der Prioritätensetzung – vor allem in einer integrativen Waldstrategie.“ Die Ressource Wald sei zwar großartig, werde aber nicht alle Wünsche erfüllen können. Die wirkliche Herausforderung der Zukunft ist für zu Guttenberg der Klimawandel. Der Widerspruch, dass einerseits die Holznutzung forciert wird und andererseits aus naturschutzpolitischen Gründen Nutzungsverzichte angestrebt werden, dürfte sich noch verschärfen. Größtmögliche Flexibilität in der Waldbewirtschaftung und ein ständiger Dialog mit dem Naturschutz sind unabdingbar, zumal starre Ideologien nicht das (finanzielle) Risiko übernehmen. „Es geht da­rum, der Gesellschaft eine reelle monetäre Bewertung der Natur und den Diensten an der Natur und dadurch an der Gesellschaft zukommen zu lassen.“ Ohne eine Abgeltung für öffentliche Leistungen, in einer Höhe, die die Lebensgrundlage oder den Vermögenserhalt der Waldeigentümer garantieren, sind alle Strategien wirkungslos.
 
Zweckgebundene Ausschüttungen aus einem Wald-Klima-Fonds können ein Instrument sein. Die privaten und kommunalen Waldbesitzer erwarten, dass die Poli­tikbereiche Klima, Energie, Naturschutz, Ressourcennutzung und Wirtschaft „in eine stringente Waldstrategie überführt werden“. Das schaffe Klarheit und Sicherheit. Die Botschaft dieser Strategie könne auch ein Zeichen auf europäischer und internationaler Ebene setzen.

Elisabeth Emmert (Präsidiumsmitglied Deutscher Naturschutzring): „Aus natur­schutzfachlicher Sicht gibt es große Defizite in den deutschen Wäldern, alte Bäume, Totholz und reife Waldbestände natürlicher Waldgesellschaften sind völlig unterrepräsentiert. Die Artenvielfalt wird durch den selektiven Einfluss überhöhter Schalenwildbestände massiv und auf gro­ßen Flächen eingeschränkt. Eine natürliche Waldentwicklung wird nur auf verschwindend geringen Flächen zugelassen.“ Für einen Wald der Zukunft dürfen diese Fakten nicht ausgeblendet werden. Entgegen des Resümees der Veranstalter aus dem 1. Symposium sieht die Vertreterin des Dachverbandes der deutschen Natur- und Umweltschutzverbände sehr wohl Konfliktpotenziale zwischen der Holznutzung und den Bereichen Erholung, Entwicklung ländlicher Räume und Klimaschutz. Emmert forderte die Einbindung dieser „Ressortstrategie“ in übergeordnete nationale Strategien, v.a. in die nationale Strategie zur biologischen Vielfalt und die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Emmert: „Natürlich stehen die Umweltverbände einer sinnvollen, effizienten Nutzung der nachwachsenden Ressource Holz positiv gegenüber. Die Steigerung der Holzproduktion und -verwendung (...) muss stets im Rahmen einer ökologischen Nachhaltigkeit gesehen werden.“ Bei der Erarbeitung der Waldstrategie 2020 muss es zu mehr Transparenz und Partizipation aller gesellschaftlichen Akteure kommen.

Ullrich Huth (Präsident Deutscher Holzwirtschaftsrat): „Zu unserer Vision für das Jahr 2020 gehört, dass der Einsatz von Holz in allen Branchen gesteigert werden kann.“ Ein herausragendes Ziel ist dabei die Erhöhung der Holzbauquote in Deutschland auf 30 %. Die Visionen sind nur erreichbar, wenn die Nutzungspotenziale einheimischer Wälder ausgeschöpft, Forschung und Entwicklung ausgeweitet sowie Biomassen effizienter genutzt werden. Hemmnis auf diesem Weg sind z.B. die Wettbewerbsverzerrungen zwischen stofflicher und energetischer Holznutzung als Folge der Förderpolitik der Bundesregierung. Verstärkt wird die Situation durch die von Wissenschaftlern skizzierte Lücke im Rundholzangebot. Höhere Holz­importe scheiden aus und auch Kurzumtriebsplantagen können das Holz­angebot bis 2020 nicht nennenswert erhöhen, dazu fehlt es aktuell an entsprechenden Plantagen. Hemmend wirken Forderungen nach einem dauerhaften Nutzungsverzicht auf mehr als 5 % der Waldfläche sowie statische Vorgaben zur Baumartenwahl. Huth plädierte für mehr Flexibilität, um die Visio­nen umsetzen zu können.

Prof. Dr. Hubert Weiger (Vorsitzender BUND): „Der deutsche Naturschutz stellt grundsätzlich die Nutzung des Waldes nicht infrage, er stellt aber Konflikte fest.“ Für Weiger gehören dazu v.a. die steigende Rundholznachfrage und der „generelle Rückgang der Biodiversität“. Jetzt gelte es über Grenzen zu diskutieren, denn neben dem Problem Klimawandel wachsen die gesellschaftlichen Ansprüche an den Wald. Der Rückgang der Biodiversität sei im Wald zwar nicht so gravierend wie in der offenen Agrarlandschaft, doch der für die EU vereinbarte Stopp wurde auch hier nicht erreicht. Die Erarbeitung der Waldstrategie 2020 erfolgt aus Sicht von Weiger durchaus partizipativ; kritisch wertete er wie Emmert, dass es bisher keine Einordnung in übergeordnete nationale Strategien gibt. Eine nationale Waldstrategie 2020 müsse auch im internationalen Kontext glaubhaft sein; mit großer Sorge verfolge er den Import von Tropenhölzern. „Wir sollten auch darüber nachdenken“, sagte Weiger, „wie wir den Holzverbrauch in Deutschland reduzieren können.“ Weiger plädierte außerdem für das 5-%-Ziel einer natürlichen Waldentwicklung, wobei große Prozessschutzgebiete durch kleinere sog. Trittsteine auf weiteren 5 % ergänzt werden sollten. Zu den zentralen Problemen, deren sich die Waldstrategie widmen muss, gehören auch die Wildschäden im Wald („Wald vor Wild“), die neuen Anforderungen an die forstliche Ausbildung und die Sicherung der Vorbildwirkung des öffentlichen Waldes durch eine entsprechende Personalausstattung. Für Weiger stehen Wälder als „wichtigste zentrale Ressource“ im Fokus des öffentlichen Interesses. Gemeinwohlleistungen sind daher für den Steuerzahler kostenlos zu erbringen, doch bestimmten Anforderungen an den Waldbesitzer verwehrt Weiger einen „legitimen Ausgleich“ nicht.
 

Wissenschaftler als Netzwerker

Eine Waldstrategie bedarf auch einer Forschungsstrategie. In der Moderation des Präsidenten des Johann Heinrich von Thünen-Instituts (vTI), Prof. Dr. Folkhard Isermeyer, stellten Vertreter aus der Ressortforschung ihre Beiträge zur Diskussion. „Wir wollen uns vernetzen, um zu belastbaren Antworten zu kommen“, umriss Isermeyer das Ziel, denn Wissenschaft dürfe nicht „lagerorientiert untergehakt werden“.

Prof. Dr. Andreas Bolte (Co-Autor Heino Polley) vom vTI analysierte Nutzungs- und Ertragspotenziale des Waldes entlang der Handlungsoptionen Erstaufforstung, Kurzumtriebsplantagen, Holzmobilisierung, Verkürzung der Umtriebszeiten, Baumartenwahl und Düngung. Unabhängig von möglichen Restriktionen (technisch, wirtschaftlich, Akzeptanz) gab er grobe Schätzungen zusätzlicher Ertragspotenziale:
  • Die Neuanlage von Kurzumtriebsplantagen ist eine kurz- und langfristig wirkende Maßnahme. Beispiel: Balsampappel-Hybrid, 4-jähriger Umtrieb, Potenzial bis 2020 etwa 0,6 Mio m3/a, langfristig (Jahr 2100) etwa 1,8 Mio m3/a.
  • Holzmobilisierung (regional sehr unterschiedlich) sowie Verkürzung der Umtriebszeiten spielen kurzfristig eine überragende Rolle bei der kurzfristigen Ertragssteigerung. Geschätzte Potenziale bis zum Jahr 2020: Holzmobilisierung (komplette Abschöpfung der Zuwachsüberschüsse) etwa 7,7 Mio m3/a (s.a. Abb. 2); Umtriebszeiten-Verkürzung (20 Jahre, Vergleich WEHAM A und F) etwa 24 Mio m3/a.
  • Waldflächenmehrung und optimierte Baum­artenwahl sind langfristig von Bedeutung, ihre Potenziale sind aber begrenzt. Fichte gilt als Verlierer, Douglasie als Gewinner. Für die Schätzung wird hypothetisch ein Baumartenwechsel Fichte zu Douglasie auf 20 % der derzeitigen Fichtenfläche (AKL 1 bis 4, Nutzungsintensität gleich) angenommen. Es errechnet sich daraus ein Potenzial bis 2020 von etwa 0,1 Mio m3/a, langfristig von 1,7 Mio m3/a.


Die Waldanpassung an den Klimawandel und der Erhalt der Standortsfruchtbarkeit sind Voraussetzungen für die Erhaltung und Steigerung der Produktivität.

Prof. Dr. Jürgen Bauhus (Univ. Freiburg) stellte Gedanken vor, wie ein moderner Waldbau im Kontext der Herausforderungen Klimawandel, Energieversorgung und Biodiversität mehr Holz bereitstellen kann. Damit einhergehende Zielkonflikte und Restriktionen sind bei der Weiterentwicklung bzw. Modifikation waldbaulicher Systeme zu berücksichtigen. Dazu erweitert Bauhus die Auffassung von einer multifunktionalen Forstwirtschaft. So sind spezifische Ziele eher auf unterschiedlichen Flächen und durch Kombination waldbaulicher Systeme in der gesamten Landschaft umzusetzen (Abb. 3). Bauhus: Waldbauliche Systeme müssen sich in der Landschaft diversifizieren (Intensivierung und Extensivierung), um übergeordnete Ziele zu erreichen; landwirtschaftlich genutzte Flächen sind einzubeziehen.

Dr. Peter Meyer (Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt) betrachtete das Konfliktfeld Forstwirtschaft (Holznutzung) und Naturschutz (Biodiversität) anhand von Beispielen in seiner Entwicklung seit den 1990er-Jahren. Insbesondere im Naturschutzbereich würden zur Einschätzung der Nachhaltigkeit belastbare Faktoren und Fallstudien fehlen (der Nachhaltigkeitsindikator basiert allein auf Vogelarten). Zielkonflikte zwischen Forstwirtschaft und Naturschutz sind je nach Standort und Bestockung sehr unterschiedlich. Für Schutzstrategien bedeutsam erweisen sich auch länger nicht bewirtschaftete Bestände geringer Größe. Meyer: „Die Minimumgröße für eine nachhaltige Sicherung eines vollständigen Entwicklungszyklus mitteleuropäischer Laubwälder dürfte zwischen 20 und 40 ha liegen. Die Sicherung von vielen Nachhaltseinheiten dieser Größenordnung ist wirksamer als von wenigen sehr großen Flächen.“ Einzubeziehen sind bestehende Entwicklungsflächen im Wald und regionale Zentren typischer Biodiversität (sog. Hotspots). Den Umfang nutzungsfreier Waldflächen hat Meyer bis zum Jahr 2020 hochgerechnet: Vermutlich nutzungsfrei bis 2020 sind „ohne gesonderte Anstrengungen“ etwa 244 000 ha und damit 2,2 % der Waldfläche in Deutschland (Wald-Natio­nalparke etwa 97 000 ha, Nationales Naturerbe 50 000 ha, Naturwaldreservate 35 000 ha, Wald-Naturschutzgebiete etwa 35 000 ha, Wald-Biosphärenreservate 27 000 ha). Am 5-%-Ziel gemessen ergebe sich daraus ein „Rest“ von 310 000 ha. Die Vorschläge des Bundesamtes für Naturschutz (2008), auf den Einschlag in Buchenwäldern über 200 ha und älter als 140 Jahre zu verzichten und als NSG zu sichern, würden die Buchenbewirtschaftung im öffentlichen Wald marginalisieren bzw. stilllegen. Das ist für Meyer nicht akzeptabel. Eine pauschale Ablehnung von Flächenstilllegungen sei zwar nicht gerechtfertigt, aber deren Wirksamkeit müsse ebenso gewährleistet sein wie ein Abgleich mit sozio-ökonomischen Zielen.

Dr. Susanne Winter (TU München) ging der Frage nach: Wie viel Totholz braucht die Natur? Während in den letzten 20 Jahren bei den Schwellenwerten zahlreiche neue Erkenntnisse hinzugekommen sind, besteht hinsichtlich der Funktionszusammenhänge zwischen Holznutzung und Biodiversitätsfunktion noch deutlicher Forschungsbedarf. Die Beispiele aus Wäldern des In- und europäischen Auslandes lassen Winter feststellen: „Aus meiner Sicht kann aus waldökologischer Sicht über den notwendigen Totholzanteil nicht mehr gestritten werden.“ Pauschal gab sie eine Spanne von 30 bis 60 m3/ha an. Gebiete können allerdings erst dann auch eine Quellenfunktion für die Ausbreitung von Totholz bewohnenden Arten übernehmen, wenn ein gewisser Totholzvorrat überschritten wird (Faustzahl: 100 m3/ha). Totholz ist in allen seinen Varianten überall im Wald notwendig, diesen Anspruch verband Winter mit Antworten zum Waldschutz: Zum Problem können große Totholzmengen (Zersetzungsgrad 1) für den lebenden Bestand in etwa den ersten sechs Monaten werden, wenn er vorgeschädigt ist. Ansons­ten sind auch die Zersetzungsgrade 2 bis 4 selbst bei sehr großen Mengen unproblematisch.

Dr. Alfred Herberg (Fachbereichsleiter im Bundesamt für Naturschutz) beantwortete seine Frage „Stilllegung und Bewirtschaftungsauflagen – brauchen wir beides?“ mit einer klaren Aussage: „Der Erhalt der biologischen Vielfalt kann nur gelingen, wenn wir die Bewirtschaftung flächig naturschutzgerecht gestalten. (...) Segregative Elemente als integraler Bestandteil einer Waldwirtschaft sind unseres Erachtens zwingend notwendig.“ Sowohl der segregative als auch der integrative Ansatz weisen Vor- und Nachteile auf, machte Herberg anhand von Beispielen deutlich. 

Mirko Liesebach (vTI) zeigte an Beispielen die Potenziale der Forstpflanzenzüchtung auf, stellte Szenarien für die Verjüngung vor und wies auf Handlungsmöglichkeiten hin. Dazu gehören insbesondere:
  • keine kritiklose Übernahme der Naturverjüngung;
  • Ausnutzen des Potenzials im ausgewählten forstlichen Vermehrungsgut;
  • Aufbau eines Informationssystems und Monitorings;
  • Intensivierung der Zulassung von geprüftem Vermehrungsgut;
  • Anlage neuer Samenplantagen unter Berücksichtigung der biologischen Vielfalt;
  • Intensivierung der Züchtungsprogramme für schnellwüchsige Baumarten;
  • Anlage von Hochleistungsplantagen im Wald mit Umtriebszeiten von etwa 50 Jahren.

Dr. Matthias Dieter und Dr. Björn Seintsch (vTI) haben Fakten zu den Möglichkeiten der Rohholzbeschaffung vom Weltmarkt zusammengeführt; wesentliche Ergebnisse stellte Dieter vor. Die statistischen Zahlen zur deutschen Ein- und Ausfuhr von Holz und Holzprodukten zeigen seit den 1950er-Jahren eine starke und kontinuierliche (bis 2007) Zunahme. Seit dem Jahr 2004 ist Deutschland Netto­exporteur nach Rohholzäquivalenten, auch auf der Rohstoffseite. Festzustellen ist, dass der Anteil der Halb- und Fertigwaren stark, die Ein- und Ausfuhren von Roh- und Restholz kaum zugenommen haben. Rohholz wird also unterdurchschnittlich gehandelt und wenn, dann sind für Deutschland die Länder der EU und dabei v.a. die direkten Nachbarländer als Handelspartner von Bedeutung. Eingeführt wird v.a. Nadelsägerundholz (2007: 3 bis 3,5 Mio m3), Laubholz spielt eine untergeordnete Rolle (2002 bis 2009). Die Zahlen zum weltweiten Handel (1985 bis 2005) lassen erkennen: Der Welthandel mit Roh- und Restholz ist relativ niedrig und nahezu konstant; das Handelsvolumen von Halb- und Fertigwaren weist dagegen ein starkes Wachstum auf. International gibt es keine ausgeprägten Rohholzmärkte; Preisinformationen sind kaum verfügbar. Ursächlich dafür sind u.a. die Transportkosten als ein Hauptfaktor für Holzimporte. Diesen Zusammenhang unterstreicht die Auswertung einer Befragung von 35 Holzhändlern zum Import von Holzrohstoffen (Wilstermann, Seintsch 2010). Dieters beispielhafte Kalkulation führte zu dem Resümee: Bei Rohholzimporten aus Übersee müsste der Umsatz eines durchschnittlichen Sägewerkes in Deutschland je eingesetztem Kubikmeter Rohholz um rund die Hälfte steigen. „Hier sind sicher die Grenzen der Wettbewerbsfähigkeit überschritten“, so der Experte. Die Befragung analysiert weitere Handelshemmnisse für Holzrohstoff­importe, allen voran Exportzölle in den Herkunftsländern und Herkunftsnachweise. Für die Waldstrategie 2020 könne die Versorgungsoption Rohholzlimporte keine Hauptstrategie sein, sondern „höchstens einen Teilbeitrag“ leisten, sagte Dieter.
 

Erwartungen an den Wald 2020

Am zweiten Veranstaltungstag stellten, von Prof. Dr. Arno Frühwald (vTI) moderiert, Verbands- und Interessenvertreter ihre Intentionen an eine Waldstrategie 2020 zur Diskussion. Nachfolgend einige der Positio­nen (s. auch [1]):
Georg Schirmbeck, MdB (Präsident Deutscher Forstwirtschaftsrat). Die zentrale Forderung des Deutschen Forstwirtschaftsrates bleibt: „Nur mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Waldbesitzer können gesellschaftliche Leistungen erbracht werden“. Der Zukunftswald ist multifunktional, gemischt, standortsangepasst und anpassungsfähig; in seine Bewirtschaftung werden Mittel aus dem Emissionshandel ebenso investiert wie der Sachverstand von Forstpersonal; waldverträgliche Wildbestände sind eine weitere Voraussetzung; Forst- und Holzwirtschaft arbeiten zusammen. Die Leistungen und Perspektiven der Forstwirtschaft müssen in der Öffentlichkeit stärker reflektiert werden.

Winfried Manns (Präsidiumsmitglied Deutscher Städte- und Gemeindebund). Das Modell einer multifunktionalen, integ­rativen Forstwirtschaft hat sich bewährt. „Eine Segregation der Ziele der Waldbewirtschaftung (Naturschutz und Flächenstilllegung auf der einen Seite, hochproduktive Holzerzeugung auf der anderen) macht – zumindest aus der Sicht des Kommunalwaldes – keinen Sinn.“ Das schließt aber die besondere Verantwortung für z.B. Natura-2000-Gebiete nicht aus. Aus der besonderen Stellung des Kommunalwaldes und seinen zukünftigen Herausforderungen ergeben sich nicht nur neue Möglichkeiten der Organisation und Kooperation, sondern auch ein dringender Handlungsbedarf zur Stärkung der Stellung des Grundeigentümers im Jagdrecht und bei der Verkehrssicherungspflicht.
Ulrich Mergner (BUND-Waldexperte). „Die Gemeinwohlfunktionen des Waldes schließen die Holzernte nicht aus. Für den BUND aber ist klar: Die Gemeinwohlfunktionen müssen Vorrang haben.“ Mit dem sehr kostbaren Rohstoff Holz ist sparsam umzugehen. Derzeit sind die Wälder in Deutschland eine „ökologische Wüste“. Den Zukunftswald beschrieb Mergner als vorrats- und damit auch artenreich, stabil und zu 75 % aus Baumarten der poten­ziellen natürlichen Waldgesellschaft bestehend. Der Zukunftswald „regelt sich selbst“, sagte der BUND-Experte und forderte „eine Zeit des Waldes“. Den steuernden Menschen brauche der Wald nicht, „auch keinen Schutz durch Nutzung“; lediglich Luftverschmutzung und überhöhte Schalenwildbestände erfordern das Eingreifen des Menschen. Der Wald der Zukunft ist für den BUND ein Wald der Wildnis. Kritik am BMELV erging dahingehend, dass im Rahmen der Bundeswaldinventur z.B. weder der Biotopwert von Wäldern erfasst noch ein Monitoring von Weiserarten aufgebaut wird. Das Lübecker Modell ist laut Mergner ein Vorbild für einen integrativen Naturschutz und betriebswirtschaftlich erfolgreich. „Und schließlich geht es dem BUND um ungenutzte Wälder: Kann es sich eine reiche Nation wie die deutsche, die Millionen Hektar Regenwald in Brasilien zu Recht geschützt wissen will, nicht leisten, den Zehnten (des Waldes) der Natur zu überlassen?“

Dr. Wilhelm Vorher (Plattform Forst und Holz). „Der ‚Wunschwald der Holzwirtschaft’ ist ein Mischwald: stabil, produktiv und vielfältig.“ Die Holzwirtschaft will keine Plantagen-Forstwirtschaft, doch muss die Fortwirtschaft die Versorgung sicherstellen. Die Schnittmengen sind möglichst groß zu wählen; konträre Konzepte, wie Steigerung des Holzeinsatzes z.B. für die energetische Nutzung und andererseits Wälder aus der Nutzung nehmen zu wollen, führen nicht weiter. Aus den Vorstellungen der Plattform Forst und Holz:
  • Erhöhung der Produktivität der Wälder (auf geeigneten Standorten, auch mit Douglasie);
  • Steigerung des Holzeinschlages (Vorratsabbau, stärkere Nutzung im Laubholz);
  • Sicherstellung regelmäßiger Waldinventuren und von Informationen über die Entwicklung nachhaltiger Nutzungspotenziale;
  • Integration des Naturschutzes in die multifunktionale Waldbewirtschaftung, Beschränkung von Nutzungsrestriktionen auf ein Minimum.
Christian Unselt (Vizepräsident NABU). „Totholz, Waldnutzung und Waldbesitz müssen kein Widerspruch sein (...) Biodiversität im Wald bedeutet auch Lebensfreude.“ Doch nicht in jedem Fall werde die Forstwirtschaft den Anforderungen aus der Gesellschaft gerecht; kritisch sieht Unselt die forcierte Energieholzernte und die Ganzbaumnutzung. Gefahren für die multifunktio­nale Forstwirtschaft sieht er nicht aufkommen wegen der 5 % nutzungsfreier Waldflächen, sondern durch den starken Nutzungsdruck. Dieser verringert das Leistungsspektrum des Waldes deutlich. „Holz nicht importieren zu wollen, darf nicht dazu führen, Naturschutz exportieren zu wollen“. Unselt: „Wir gehen davon aus, dass wichtige Eckpunkte der nationalen Biodiversitätsstrategie Eingang in die Waldstrategie finden.“ Klare Worte dann auch als Fazit: „Wir brauchen keinen ‚Käseglockennaturschutz’, sondern die Stärkung des integrativen Naturschutzes auf ganzer Fläche, ergänzt um segregative Elemente auf 5 bis 10 % der Waldfläche.“ Die Gemeinwohlleistungen und ökosystemaren Dienstleistungen müssen stärker in den gesellschaftlichen Fokus rücken.

Hans Jacobs (Bundesvorsitzender BDF). „Wir brauchen ein Gesamtkonzept, das in der Praxis, und zwar gleichermaßen im Bund wie in den Bundesländern umsetzbar ist. (...) Die strategischen Ziele müssen so ausgerichtet sein, dass sie politisch konsensfähig sind.“ Dazu gehört gleichwohl die Einbindung von Zielen anderer Konzepte in die Waldstrategie 2020 wie auch umgekehrt. Der Vorrang der Gemeinwohlfunktionen im öffentlichen Wald ist zu akzeptieren, dazu wird Personal und Geld benötigt. Im Zusammenhang mit den Klimaschutzzielen der Bundesregierung muss der Wald eine deutlich wichtigere Rolle spielen. Funktionen des Waldes für den Naturschutz sind ebenso in Wert zu setzen wie seine Arbeitsplatzfunktion.
 

Ausblick

Die Diskussionsmöglichkeiten am ersten und zweiten Veranstaltungstag wurden rege genutzt. Dabei kristallisierten sich als bedeutender, aber bisher nicht einbezogener Einflussfaktor auf den Zukunftswald die Wildschäden heraus. Das Thema Jagd soll, so Wendisch, noch aufbereitet und berücksichtigt werden. Dr. Werner Kloos (BMELV) sprach in seinem Schlusswort von einer großen Bandbreite der Visionen über den Zukunftswald, doch Konsens bestehe wohl darin: Der Wald in Deutschland ist – in unterschiedlichen Intensitäten – ein Nutzwald und den Rohstoff Holz gilt es effektiv zu nutzen. Biodiversität im Wald und Holznutzung schließen sich nicht aus.

Der Vorschlag für die Waldstrategie 2020 soll noch in diesem Jahr vorgelegt und breit diskutiert werden. 
 
 
Ziele der Waldstrategie

Dr. Jörg Wendisch über die Ziele der Waldstrategie 2020: Die Waldstrategie hat das Ziel, eine neue tragfähige Balance zwischen den steigenden Ansprüchen an den Wald und seiner nachhaltigen Leistungsfähigkeit zu finden, kurz: Die Waldstrategie 2020 will den Zukunftswald für die kommenden Generatio­nen definieren, entwickeln und sichern. Dazu gehören vier Teilziele:
  • Der Beitrag der Forst- und Holzwirtschaft zum Klimaschutz soll gesichert und gesteigert werden. Dazu gehört auch die Anpassung des Waldes an Klimaänderungen.
  • Die wirtschaftliche Grundlage der Forstbetriebe soll erhalten und die Rahmenbedingungen für eine ausreichende Holzversorgung der Wirtschaft zu wettbewerbsfähigen Preisen sichergestellt werden.
  • Die Leistungen des Waldes zur Erhaltung unserer natürlichen Umwelt sollen erhalten und effizienter ausgestaltet werden.
  • Der Erholungswert des Waldes soll erhalten werden.
    Die Ziele der Waldstrategie 2020 sollen mit einem zwischen Bund und Ländern abgestimmten Maßnahmenbündel umgesetzt und in Teilen durch einen Wald-Klima-Fonds finanziert werden.

Stephan Loboda

Fotos und Tabellen zum Artikel
  
Dr. Jörg Wendisch vom BMELV begrüßte die annähernd 150 Tagungsteilnehmer. Zuwachsüberschuss 2002 bis 2008 nach Waldeigentumsarten – ein Potenzial für die Holzmobilisierung (ohne Vorratsabsenkung) 
Aus: Vortrag A. Bolte/H. Polley 12.4.2010, 3. Symposium Waldstrategie 2020, Daten IS 2008 Weiterentwicklung waldbaulicher Systeme
Aus: Vortrag J. Bauhus 12.4.2010, 3. Symposium Waldstrategie 2020
Literaturhinweise
[1] Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (2010): Vortragsunterlagen zum 3. Symposium Waldstrategie 2020. http://www.fnr.de/waldstrategie2020/
Social Media



Folgen Sie uns bei:
SUCHE    Erweiterte Suche
Heftarchiv: AFZ-DerWald
RSS-Feed Quickfinder   
ANMELDUNG
BILDERSERIEN

Sonderheft - Historische Motorsägen. www.landecht.de
CD Forstmaschinen: 700 Maschinen und Geräte. www.landecht.de